„Audicija“ – Rückkehr der Kultvorstellung

REPORTAGE

„Audicija“ – Rückkehr der Kultvorstellung

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Audicija Rückkehr der Kultvorstellung
(FOTO: zVg.)

KOMÖDIE. Die Kultvorstellung „Audicija“, die Millionen von Zuschauern im ganzen ehemaligen Jugoslawien begeistert und zum Lachen gebracht hat und in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts enorme Popularität genoss, ist in diesem Herbst in B-H ganz groß auf die Bühne zurückgekommen, organisiert von Stage Production.

Wie Adnan Mundžić, der Produzent der „Audicija“ betont, handelt sich es um eines der bekanntesten Markenzeichen der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas. „Die Tournee trägt den Titel ‚033‘, denn das ist die Vorwahl von Sarajevo und 33 Jahre sind seit der ersten Aufführung vergangen. Es ist eine Ehre, das Ensemble dieser legendären Show, die alle Rekorde gebrochen hat, nach 28 Jahren wieder zusammenzubringen“, betont Mundžić.

Die beliebte „Audicija“ wurde bisher über 3.000-mal gespielt und von mehr als 2,5 Millionen Menschen gesehen.

Die Vorstellung hat in der zum Bersten vollen Halle „Mirza Delibašić“ in der Skenderija großes Interesse beim Publikum hervorgerufen, das das Team der „Audicija“ mit viel Gelächter begrüßte. Die Premierenkarten waren schon einen Monat im Voraus ausverkauft und die Vorstellung wurde in Sarajevo drei Abende lang gespielt und brach alle Zuschauerrekorde. Wie der Schauspieler Emir Hadžihafizbegović betont, war er bezüglich des Kartenverkaufs nicht allzu optimistisch, war dann aber überrascht, dass die Karten so schnell weggingen. „Auf der anderen Seite bin ich sehr glücklich, denn das zeigt, dass den Menschen das Lachen und das Abschalten vom Alltagsleben fehlen, das mehr als schwer ist. Es ist toll, dass wir es schaffen, das ganze Land und weitere Regionen zu vereinen“, sagt Hadžihafizbegović. Admir Glamočak betont, dass es am schwersten ist, vor dem Sarajevoer Publikum zu spielen, denn „das ist sehr spezifisch und gönnt Ihnen den Erfolg nicht. Genau darum halte ich es für ein enormes Ergebnis, dass wir so viele Eintrittskarten verkauft haben.“ Für Željko Ninčić stand der erneute Erfolg der „Audicija“ nicht in Zweifel, denn das Projekt lebt bereits seit Jahren. „Die Leute brauchen die Flucht vor der Realität und wir freuen uns, dass wir ihnen das zumindest für einen Moment bieten können. Wenn diese Region etwas braucht, dann ist es sicher Lachen, Humor und etwas, das positive Energie vermittelt“, sagt Ninčić.

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EINFLUSS. Heute sind Zeichentrickfilme voller Gewalt, Magie und Schlägereien, während sie einst echte menschliche Werte vermittelten. Oder hat sich das gar nicht so sehr verändert? Vielleicht sollten wir unseren Kindern ältere Zeichentrickfilme zeigen, denn nicht alles Moderne muss automatisch besser und lehrreicher sein.

 

Wie die Schauspieler betonen, handelt sich um eine neu-alte Vorstellung, bei der die meisten früheren Elemente und Sketche erhalten geblieben sind, aber es ist auch eine Anpassung an die gegenwärtige Situation erfolgt. „Der Wunsch nach dem Spiel ist der Wunsch nach Freude, Unterhaltung. Ich glaube, dass es keine Rolle spielt, dass wir heute viel älter sind als damals. Jetzt sind wir viel erfahrener als früher, diese Vorstellung ist mit Liebe gemacht“, betont Senad Bašić. Der b-h Schauspieler mit Wohnsitz in Kanada Jasmin Geljo sagt, dass es ein unwahrscheinliches Gefühl ist, wieder zusammen zu sein, und erinnert sich, dass die „Audicija“ auch „mobiles Krankenhaus“ genannt wurde, denn Lachen ist ein Heilmittel. „Wir wollen eine neue Therapie anbieten, damit die Menschen alles abschütteln können, was sie in den letzten 20 Jahren belastet hat“, vermittelt Geljo.

Emir Hadžihafizbegović (Bogoljub Šaulić) über das Phänomen „Audicija“

„Ich habe das Gymnasium in Bosansko Grahovo im Zweig Informationssystematik abgeschlossen. Das habe ich gelernt und jetzt mache ich Schauspielerei…“ So hat Emir Hadžihafizbegović die Figur des Bogoljub Šaulić, eines Jungen aus der Provinz, der nach Sarajevo gekommen ist, um Schauspiel zu studieren, verköpert. Heute hat der in B-H und der Region gefeierte Schauspieler und Direktor des Kammertheaters 55 entschieden, gemeinsam mit den Kollegen wieder in der Sarajevoer Kult-„Audicija“ mitzuspielen.

KOSMO: Kehrt der B-H-Humor mit dieser „Audicija“ wieder groß auf die Bühne zurück? Was ist es für ein Gefühl, nach 33 Jahren wieder zusammen zu spielen?
Emir H.: Ein gutes Gefühl. Es gibt kein Embargo für Erinnerungen. Erinnerungen sind dein persönliches und geistiges Eigentum, mit dem niemand spielen kann, du allein weist ihnen ihren Platz zu. Irgendwie war dieser Flashback, den wir alle hatten, als wir uns in das Jahr zurückversetzt fühlten, in dem die „Audicija“ entstanden ist, die Gewaltigste bei dieser Art Katharsis, die mich an den Vorstellungen in der Skenderija fasziniert hat. Diese lautstarke Begrüßung jedes Kandidaten, bevor er in den verbalen Kontakt mit Mladen Nelević, unserem Kollegen, der den Professor in der „Audicija“ spielt, getreten ist, hat mir wirklich einen Kloß im Hals verursacht, fast wäre ich in Tränen ausgebrochen. Die Menschen haben ihre Kinder mitgebracht, die noch gar nicht geboren waren, als die „Audicija“ gespielt wurde, und alle haben diesen Figuren, diesen einfachen Figuren applaudiert, und ich glaube, dass hier das Geheimnis des Phänomens „Audicija“ liegt.

Das, was im Dezember 1984 begonnen hat, ist über die Jahre zu einem gesellschaftlichen und theaterhistorischen Phänomen geworden. Ist es heutzutage schwer, die Menschen zum Lachen zu bringen?
Seitdem es diesen Beruf gibt, ist es am schwersten, die Menschen zum Lachen zu bringen. Seit der griechischen Antike bis zum modernen Drama ist es am schwersten, auf die Bühne zu gehen und diese lachende Reaktion aus dem Publikum zu bekommen. Darum ist Stand-up-Comedy schwer, und dies ist eine Ansammlung von Stand-up-Comedians. Ich glaube, dass der Erfolg der „Audicija“ in mehreren Elementen liegt. Wir haben als Erste einige Tabus gebrochen.

Durch die „Audicija“ haben wir mit dieser präpotenten These abgerechnet, dass nur die akademische Umgangssprache aufgrund irgendeiner Sprachästhetik auf der Theaterbühne vertreten sein darf. Wir haben die Sprache der Straße ins Theater gebracht. Das fanden manche grässlich, häretisch, aber gerade das schauspielerische Genre, das sich psychologischer Realismus nennt, ist das schwerste Genre. Ich habe in meiner Karriere genügend antike Tragödien, Renaissancekomödien, Humoresken, Commedia dell_arte gespielt, aber das sind alles leichtere Formen als der psychologische Realismus, wo du über die Sprache der Straße den direkten Kontakt zum Publikum herstellen musst. Die Einführung von Ausdrücken des Typs: „ba, bolan, đe si“ („ey, Alter, was geht ab“) ist eines der Elemente, mit denen sich diese Vorstellung ihrem Publikum annähert. Das zweite ist das Durchbrechen von Tabus. Wenn man es aus der heutigen Distanz sieht, war es fast bizarr und trivial, einen Witz über einen Politiker zu erzählen, aber 1985 erforderte das Mut. Das heißt, wir haben einige gesellschaftliche Tabus innerhalb des gesellschaftlichen und politischen Lebens, in dem wir gelebt haben, durchbrochen. Und drittens – ich hoffe, dass mir das die Leser nicht übelnehmen – waren das gute Schauspieler. Wir haben richtige Karrieren gemacht. Ich bin nicht sicher, es ist eine Hypothese, ob dieses Erdbeben namens „Audicija“ eine ebenso lange Lebensdauer gehabt hätte, wenn es andere Schauspieler gemacht hätten. Alle Ehre den anderen Kollegen, aber dies waren gute Schauspieler, was man auch an unseren Karrieren nach der „Audicija“ sehen kann.

Nach 28 Jahren hat das legendäre Schauspielensemble, das mit der „Audicija“ alle Rekorde übertroffen hat, wieder zusammengefunden.

Die Akteure der Vorstellung beziehen sich auf echte Persönlichkeiten, nur mit anderen Vor- und Nachnamen. Wer ist eigentlich Bogoljub Šaulić?
Ich glaube, das Konzept der Prüfungsaufgabe „Figurenstudie“ war der Ausgangspunkt, aus dem sich die „Audicija“ entwickelt hat. Bei dieser Prüfungsaufgabe haben die Kandidaten immer versucht, eine bekannte Persönlichkeit zu imitieren: Tereza Kesovija, Miljan Miljanić, Miodrag Petrović Čkalja, jemanden aus der Nachbarschaft, einen Professor der Akademie, das war immer spannend. Wir haben uns gemeinsam mit unseren Professoren entschieden, eine solche Aufnahmeprüfung zu beobachten und eine Figur zu benennen , die wir in unserer Prüfung gerne imitiert hätten, und so sind die Figuren entstanden. Wir haben ihre Namen verändert und sie haben groteske Züge bekommen, die nicht so eklatant waren. Auch Bogoljub Šaulić hatten nicht so kurze Shorts und so geleckte Haare. Er war eine Figur aus Bosansko Grahovo, seinen richtigen Namen habe ich vergessen und er hatte Elemente dieser Falsett-Stimme und Elemente dieser Einfachheit, die die Kommission einfach umgeworfen hat. Ich erinnere mich an ihn und wir wussten, dass er keine Chance hatte, als Schauspielerschüler aufgenommen zu werden, da ihm einige Grundvoraussetzungen für die Schauspielerei fehlten, aber er war unendlich charmant und ich weiß, dass ihn die Kommission zu ihrem Vergnügen noch 10 Minuten länger dabehalten hat, als es nötig gewesen wäre, um den Kandidaten zu prüfen. Und ich habe mich für ihn entschieden.

Ist es Ihnen leichtgefallen, die Vorstellung zu aktualisieren? Wir sind ja ein fruchtbarer Boden für den Alltagshumor.
Der ganze Planet ist ein fruchtbarer Boden für Humor. Sie sehen ja, was für Zombies auftauchen – ohne hier Namen zu nennen – und an den falschen Knöpfen sitzen, die sie drücken könnten, während wir hier dieses Interview führen. Schauen Sie YouTube. Ich sehe zum Beispiel, was jetzt in Katalonien passiert, nach der Entscheidung, dass sich Katalonien doch nicht abspaltet. Oder die Witze auf Kosten des Nordkoreaners, der seinen Onkel mit der Kanone erschießen lässt. Der ganze Planet ist wirklich ein guter Boden für Sketche. Bosnien-Herzegowina trägt diesen Nimbus eines gesunden, saftigen Humors, weil wir nicht diesen Komplex haben, uns auf eigene Kosten lustig zu machen. Und jeder, der diesen Komplex nicht hat, steht auf einer höheren Sprosse der Humorleiter als der, der sich fürchtet, einen Witz zu erzählen, der ihn oder seine Nation betrifft. Da sind wir ganz offen und das ist ein vergleichsweiser Vorteil, auf den ich als Bosnier und Herzegowiner stolz bin.

Die „Audicija“ wird am 2. Dezember in Wien, im Hallmann Dome erwartet. Was möchten Sie den Lesern der Zeitschrift KOSMO ausrichten?
Kommen Sie! Es wird sicher schön, gemeinsam neue Energie zu schöpfen, gute Witze zu hören, gute Schauspieler zu sehen und wieder einmal das Lachen als Balsam für die Seele zu feiern.

Gastspiel der „Audicija“ in Wien

Nach der Premiere in Sarajevo geht die „Audicija“ auf Tournee durch andere Städte Bosnien-Herzegowinas, um den Bürgern die Vorstellung zu zeigen, die seit Jahrzehnten zum Lachen einlädt. Nach Bosnien-Herzegowina folgt eine große Welttournee, die alle Republiken des ehemaligen Jugoslawien, Europa, Kanada, die USA und Australien umfasst. Dank der Gesellschaft Bosnisch-herzegowinische Kulturplattform in Wien kommt die Vorstellung am 2. Dezember in die österreichische Hauptstadt, in den Hallmann Dome. „Es ist uns eine große Ehre, dieses wirklich legendäre Schauspieler-Ensemble in der österreichischen Hauptstadt zu begrüßen und so vielen Fans der „Audicija“ die Gelegenheit zu bieten, ihre Idole live zu sehen“, betont Edin Islamović im Namen der Gesellschaft.

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Die Akteure der „Audicija“ basieren auf echten Personen

Die Kultvorstellung wurde zum ersten Mal auf der Offenen Bühne Obala aufgeführt. Nur einige Jahre nach der Eröffnung der Sarajevoer Akademie kamen Schauspielstudenten der ersten Generation durch eine Aufgabe, die „Figurenstudie“ heißt, mit Hilfe von Professor Boro Stepanovic zu der Vorstellung, die unter dem Namen „Audicija“ bekannt werden sollte. Nachdem sie einen Platz in den Herzen der Sarajevoer erobert hatte, wurden die dortigen Studenten Admir Glamočak, Emir Hadžihafizbegović, Senad Bašić, Jasmin Geljo, Saša Petrović, Željko Kecojević, Mladen Nelević, Haris Burina, Branko Đurić und Željko NInčić zu Stars, die im ganzen ehemaligen Jugoslawien bekannt waren. Die Akteure der „Audicija“: Bogoljub Šaulić, Kj(r)aljević Maj(r)ko, Mustafa Sudžuka, Simonida Puhalo, Mima Krčić, Davor Stevanović… basieren tatsächlich auf echten Personen. Sie trugen nicht diese Namen, aber sie waren Kandidaten der Aufnahmeprüfung der Akademie der Bühnenkünste, die das Schauspielerteam der „Audicija“ beobachtet hatte und später in Bearbeitungen imitierte. 1986 unterschrieben acht der zehn genannten Schauspieler ihren ersten Profivertrag und gingen auf große Jugoslawientournee

Über 2,5 Millionen Menschen sahen die Vorstellung

Die Vorstellung „Audicija“ hält noch heute viele Zuschauerrekorde. Im Rahmen der Jugoslawien-Tournee wurde diese Vorstellung 50-mal im Belgrader Gewerkschaftshaus gespielt, wo es jedes Mal zu wenig Karten gab. Allein in Belgrad wurden über 120.000 Karten verkauft, in Zagreb über 70.000, und in Sarajevo lässt sich nicht schätzen, wie viele Menschen diese Vorstellung sahen. In der Halle Vatroslav Lisinski in Zagreb waren innerhalb von 11 Tagen 33 Vorstellungen der „Audicija“ ausverkauft, was bis heute niemandem mehr gelungen ist. Die „Audicija“ ist das einzige Bühnenprojekt, das eine Ex-Yu-Tournee erlebte. Als eine der erfolgreichsten Vorstellungen, die je in dieser Region gespielt wurden, erlebte sie über 3.000 Wiederholungen und wurde von mehr als 2,5 Millionen Menschen gesehen.

AUTOR: Mediha Adrović