Balkan: ein Landstrich des Hasses?

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Balkan: ein Landstrich des Hasses?

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(FOTO: zVg.)

Die Affäre um Dodiks Sanktionen, Rechtsruck am kompletten Westbalkan, Kolindas Schokolade, der „Kosovo ist Serbien“-Zug und vieles mehr lassen einen ernsthaft darüber nachdenken, was am Balkan falsch läuft…

Der Balkan ist ein Pulverfass, zumindest darin ist sich der Großteil der in- und ausländischen Wissenschaftler einig. Allerdings sind die Lösungsansätze so weit voneinander entfernt, dass es weiter wohl gar nicht mehr geht.

„Multi-ethnische Staaten am Balkan haben versagt“, so lautet der Titel eines Artikels des Direktors von „Nova Europa“ und des ehemaligen britischen Diplomaten in Mazedonien und Bosnien-Herzegowina, Timothy Less für BIRN. In diesem spricht er vom Balkan als einer der instabilsten Regionen Europas, welche sich in einem „eingefrorenen Konflikt“ befinde.

Dies betreffe vor allem die Minderheitenbevölkerung, welche nicht als Bürger zweiter Klasse leben möchte, während die Mehrheitsbevölkerung territoriale Ansprüche an jene Gebiete stellen, in welchen die Minderheiten leben.

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Es vergeht wohl kein Tag an welchem unter politischen oder geschichtlichen Themen auf der KOSMO-Facebookseite oder anderen Beiträgen ekelhafte Kommentare abgegeben werden. Gleichzeitig kann dir jeder Kroate, Serbe, Bosnier, usw. „die Geschichte“ seines Landes seit dessen Ursprung und jene seines Volkes seit der ersten Generation nach Adam und Eva bis in kleinste Detail nacherzählen.

 

Die große Frage, die sich mir hier stellt lautet, wer diese Minderheit- bzw. Mehrheit darstellt? Sollte sich diese Argumentation auch auf Bosnien-Herzegowina beziehen, wer ist dann dort die Mehrheit und wer die Minderheit? Die Serben der Republika Srpska sind bestimmt keine Minderheit, gleiches gilt für die Bosniaken in der Föderation oder die Kroaten in den mehrheitlich von ihnen besiedelten Gebieten.

Anders sieht das aus, wenn wir die benachbarten „Vaterländer“ einiger Bewohner B&Hs mit einbeziehen, dann ist klar zu sehen, dass Kroaten und Serben manchmal indirekte und viel öfters ganz konkrete Ansprüche via ihres „eigenen Volkes“ in Bosnien-Herzegowina stellen.

Ethnisch reine Staaten die einzige Lösung?
Noch viel polarisierender ist Less‘ Vorschlag, dass sich der Balkan in „reine Nationalstaaten“ teilt. Zu diesem Schluss kommt er, da er der Meinung ist, dass dem Gebiet die Grundlagen für ein funktionierendes multi-ethnisches Staatsgebilde fehlt. Er bezeichnet die derzeitige Situation als „unnatürliche Staaten“, welche durch ein Neuziehen anhand ethnischer Grenzen gelöst werden könne.

Ich gebe ihm auf keinen Fall unrecht, dass in einer derzeitigen Situation Multiethnizität ein sehr schwieriges Unterfangen ist, wenn nicht sogar unmöglich. Ob allerdings eine abermalige Aufteilung die Lösung aller Probleme ist, wage ich zu bezweifeln, da die von ihm als „Minderheiten“ bezeichneten Menschen vor allem durch jene Ethno-Nationalisten geleitet werden, die bis heute Anhänger von Kriegsverbrechern alla Tuđman, Milošević, Karadžić, etc. sind und mit deren Ideologie, welche auf Jahrhunderte alten geschichtlichen und religiösen Mythen berüht, die Menschen bis heute vergiften und dem Frieden schaden.

Jedes Mal, wenn ich mir über die derzeitige Situation am Balkan – egal ob nun in Kroatien, Bosnien oder Serbien Gedanken mache, fällt mir Ivo Andrićs Erzählung „Pismo iz 1920.“ ein.

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