Ein Dankesbrief an meine Gastarbeiter-Eltern

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Ein Dankesbrief an meine Gastarbeiter-Eltern

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FOTO: iStockphoto

Unsere Bloggerin Jelena ist das, was man als Gastarbeiterkind bezeichnen würde. Ihre Eltern stammen vom Balkan, sie hingegen wurde in Österreich geboren, weil ihre Erzeuger als sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge ihre Heimat bereits in jungen Jahren verließen.

In einem rührenden Brief dankt die 25-Jährige ihren Eltern für die zahlreichen Chancen, die sie ihr durch diesen Entschluss eingeräumt haben…

LESEN SIE AUCH: Tagebuch eines Gastarbeiters

  

Das Projekt “Migration sammeln” will die Geschichte der Gastarbeiter in Wien dokumentieren, indem es Gegenstände aus ihrem damaligen Alltagsleben sammelt. So geben die Tagebuchaufzeichnungen von Zdravko Spajić Einblicke in den Alltag eines Aktivisten.

 

Meine Eltern wurden in einem kleinen Dorf am Balkan geboren. Ein Dorf, in dem die Menschen ausschließlich von Landwirtschaft lebten, wobei die Ressourcen langsam aber sicher knapp wurden. Arbeitslosigkeit war und ist dort nach wie vor ein großes Thema. Die Schulbildung meiner Eltern belief sich lediglich auf die vierjährige Volksschule…

Obwohl beide gute Schüler waren und sich wissbegierig weiter bilden wollten, blieb ihnen diese Möglichkeit verwehrt. Sie mussten am Feld mithelfen, auf die Tiere der Familie achten und im Haushalt anpacken. Abgesehen davon konnten sich weder meine Großeltern mütterlicher- noch väterlicherseits eine weitere Ausbildung für ihre Kinder leisten, da es sich in beiden Fällen um jeweils zehnköpfige Familien handelte.

Recht früh verließ mein Vater mit seinem Bruder das Land, um in Österreich als Gastarbeiter Fuß zu fassen, meine Mutter tat es ihm gleich und kam einige Jahre später mit ihren Schwestern nach Wien. Später heirateten sie. Sie wollten für sich und ihre noch ungeborenen Kinder ein Leben frei von Korruption, Überlebensängsten und praktisch nicht vorhandenen Jobchancen. Ein Entschluss, für den ich ihnen auf ewig dankbar sein werde. In den nächsten Zeilen erklären ich auch warum…

Danke, dass ihr keinen einzigen Elternabend verpasst habt, obwohl ihr euch mit Händen und Füßen verständigen musstet, weil ihr zu Beginn der deutschen Sprache noch nicht mächtig wart. Immer wieder musstet ihr dabei abwertende und genervte Blicke von meinen Lehrern einstecken, die sich einfach zu schade waren, euch gewisse Dinge verständlicher zu erklären.

Danke, dass ihr mir vor dem Einschlafen stets vorgelesen und mich gefördert habt, wo es nur ging. Neben unzähligen Malstunden mit meiner Mutter über das Fotografieren mit meinem Vater – all das erweiterte meinen Horizont und weckte meine Neugier.

Danke, dass ihr mir alle Schulausflüge ermöglicht habt, obwohl euch Geldsorgen plagten. Es hat mir nie an Spielsachen, Klamotten oder anderen materiellen Dingen gemangelt. Ihr habt immer versucht, mir eine erfüllte Kindheit zu ermöglichen.

Danke, dass ihr einen Nebenjob angenommen habt, um mir den Nachhilfeunterricht zu ermöglichen, den ich damals so dringend benötigte. Ihr konntet mir zwar nicht beim Lernen helfen, dennoch habt ihr nichts unversucht gelassen, um mir eine bessere Zukunft zu sichern. Dank eures unermüdlichen Einsatzes schaffte ich es schließlich problemlos ins Gymnasium und später an die Universität.

Danke, dass ihr selbst unsere 30 Quadratmeter-Wohnung in eine Wohlfühloase verwandelt habt, damit ich mich im Vergleich zu meinen Schulkolleginnen, die alle über ein eigenes Zimmer verfügten, nicht benachteiligt fühle. Immer wieder bauten wir zusammen Höhlen aus Bettlaken, wodurch ich insgeheim sogar froh war, auf so engem Raum mit euch zusammen leben zu dürfen.

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