Ein historisches Spiel gegen Rapid

80 JAHRE

Ein historisches Spiel gegen Rapid

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Die Spieler des OSC Odžaci und Rapid Wien vor dem Spiel. (FOTO: zVg.)

Vor 80 Jahren fand in Odžaci ein historisches Fußballspiel und gleichzeitig eines der ersten Matches im ehemaligen Jugoslawien unter künstlicher Beleuchtung statt.

Ein Örtchen in der westlichen Bačka, Odžaci, war am 25. Juli 1936 Gastgeber des großen Rapid aus Wien bei einem historischen Fußballmatch für den Odžaker OSC, der nach dem Zweiten Weltkrieg FK „Tekstilac“ hieß, aber auch für den jugoslawischen und den serbischen Fußball.

Der Juli 1936 ist in die Geschichte des Fußballclubs „Rapid Wien“ eingegangen, weil Rapid in diesem Monat auf einer Tournee durch Jugoslawien sieben Matches spielte, von denen sechs in Serbien stattfanden. Das Spiel in Odžaci hatte eine besondere Bedeutung, weil es um 21.00 Uhr am Abend und unter „künstlicher Beleuchtung“ von mehreren tausend Glühbirnen stattfand, die an Säulen rund um das Spielfeld montiert waren. Das Spiel war auch aus einem anderen Grunde sehr bedeutend, denn es brachte eine Rekordzahl an Zuschauern auf die Beine, die in Odžaci volle vierzig Jahre lang nicht wieder erreicht wurde. In den historischen Quellen findet man verschiedene Angaben über die genaue Zuschauerzahl. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 2.500 und 15.000 Zuschauern. Da ich den Platz, auf dem das Spiel stattfand, kenne, ist mir klar, dass es unmöglich 15.000 Zuschauer gewesen sein können, sondern eher 2.500 – 3000.

Das Spiel fand in Odžak auf dem Vašarište statt, wo sich noch heute der Platz des OFK Odžaci, der inzwischen in der ersten serbischen Liga spielt, befindet. Seine Matches spielt er jedoch nicht auf diesem Platz, sondern im städtischen Stadion in Odžaci, im Stadion des „älteren“ Odžaker Liga-Clubs FK „Tekstilac“, der die Tradition des Odžaker OSC fortsetzte und heute in der Nordgruppe der Vojvodina-Liga spielt. Der Fußballclub Tekstilac stand Jahrzehnte lang unter dem Patronat einer Textilfabrik, daher der Name Tekstilac. Die bekannte Textil- und Seilwarenfabrik in Odžaci war Gründerin dieses Fußballclubs und errichtete und unterhielt den Fußballplatz, auf dem der Club spielte, und die Spieler waren überwiegend Arbeiter der Fabrik. Der Club wurde 1919 auf Initiative von Fußballfans gegründet und spielte seine Matches in der ersten Zeit auf dem Vašarište, wo siebzehn Jahre später einer der großen europäischen Vereine gastierte: Rapid Wien. Weil der Inhaber der Textil- und Seilwarenfabrik und Vereinsgründer Johann Ertl historischen Berichten zufolge ein Sportliebhaber war, investierte er sein Geld auch in die Entwicklung des Sports, vor allem in Fußball und Tennis.

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Trotz Heimsieg gegen den SV Ried war die Stimmung gestern in der Wiener Allianz Arena beim SK Rapid Wien etwas getrübt: Der langjährige Mitarbeiter des SK Rapid Ivica Viskup (50) hat einen Gehirnschlag erlitten und befindet sich im Krankenhaus.

 

 

Der Fußballclub OSC Odžaci entwickelte sich dank der guten Voraussetzungen schnell. Vor allen anderen erhielt er ein neues Stadion mit damals sehr modernen Sanitäranlagen mit Duschen und Umkleidekabinen. Im Rahmen des Fußballstadions wurden auch mehrere Tennisplätze angelegt, sodass zu jener Zeit auch die Tennisspieler aus Odžaci in der jugoslawischen Tennis-Szene einen wichtigen Platz einnahmen. Die Textil- und Seilwarenfabrik in Odžaci war zu der Zeit in ganz Europa bekannt für die Verarbeitung von Hanf und hochwertigen Hanfprodukten, und auch die Börse für Hanf und Hanfprodukte mit ihrer gesamteuropäischen Reichweite befand sich in Odžaci. Johann Ertl, der Inhaber der Fabrik, war ein sehr angesehener Geschäftsmann mit ausgezeichneten geschäftlichen Beziehungen nach Wien und Budapest, aber auch in andere Länder Westeuropas. Ist damit die Frage beantwortet, wie der große Rapid in das kleine Odžaci gekommen ist?

Die Nachricht von dem Fußballgiganten in Odžaci erregte alle Fußballfans in Odžaci und seiner Umgebung, aber auch in weit größeren Fußballzentren der Zeit wie etwa Belgrad, Kragujevac, Subotica und Osijek, sodass auch aus diesen Städten Zuschauer zum Match anreisten. In einigen dieser Städte gastierte Rapid ebenfalls im Rahmen seiner Sommertournee durch Jugoslawien, sodass die Fans die Leistungen der Wiener Fußballmeister noch einmal sehen wollten. Fußball war als Sport bei der breiten Masse der Menschen, vor allem bei den Industriearbeitern und Handwerken, für die er oft auch die einzige Form der Unterhaltung war, sehr beliebt. Daher stammten auch das große Interesse an diesem Match und die Rekordzahl an Zuschauern, die aus diesen Orten organisiert zum Spiel anreisten. Die Atmosphäre vor dem Spiel in Odžaci war vor allem aufgrund der Anreise der berühmten Gäste und einiger bekannter Spieler wie Franz „Bimbo“ oder „Bombarder“ Binder sehr „aufgeheizt“, der wie zum Spaß Tore schoss, über die ganz Europa sprach. Schnell wurde der Platz vorbereitet, auf dem das Match stattfinden sollte. Das Gras auf dem Spielfeld wurde gepflegt, aber eine besondere Aufgabe war es, am Spielfeldrand die Pfosten für die Lichter aufzustellen, die es beleuchten sollten, und für Birnen größerer Stärke zu sorgen, damit die Spieler wie auch das Publikum den Eindruck von Tageslicht bekommen sollten. Es wurden Ingenieure von der Fabrik beauftragt, um die Lichtstärke zu berechnen, sowie Elektrikermeister, um die Birnen zu montieren.

Es war ein sehr ungewöhnlicher Auftrag, die Beleuchtung am Spielfeld anzubringen, aber diese nicht-alltägliche Prüfung im Elektrowesen wurde erfolgreich bestanden. Nach einem Bericht von vor über einem Jahrzehnt, den ich von einem der Teilnehmer dieses Matches, dem damaligen Torhüter des Odžcier OSC Michael Katona, erhalten habe, war das Licht auf dem Spielfeld sehr gut, angeblich so wie mitten am Tage. Man war der Meinung, dass die Tribüne im Odžacier OSC-Stadion zu klein sein würde, um alle interessierten Fußballfans und auch die offiziellen Gäste aufzunehmen. Die Spieler von Rapid trafen einige Stunden vor dem Anpfiff aus Zemun in Odžaci ein, wo sie am Tag zuvor ein Freundschaftsspiel gegen das Team von Sport Zemun gespielt hatten, das Rapid mit 2:1 gewonnen hatte. Die Odžacier Fußballspieler waren schriftlichen Quellen der Zeit zufolge besonders motiviert, gegen den renommierten Gast ihr Bestes zu geben, was sie auch tatsächlich taten. Daran änderte auch die Niederlage nichts.

Exakte Nachbildung des in der Belgrader Politik veröffentlichten Artikels. (FOTO: zVg.)
Exakte Nachbildung des in der Belgrader Politik veröffentlichten Artikels. (FOTO: zVg.)

Die Gäste aus Wien wurden in der Fabrik bzw. in einem der Säle des herrschaftlichen Gebäudes der Fabrikverwaltung empfangen, in dem sich auch die Wohnung von Johann Ertl mit einer Gartenlaube befand. Nach dem Empfang machten sich die Gäste auf den Weg zum Austragungsort des Spiels, zum Vašarište, wo sie von einer Menge Fußballfans auf einer Tribüne erwartet wurden, auf der ein Gewimmel herrschte wie in einem Bienenstock. Wahrscheinlich hätte man kein Streichholz mehr dort hineingebracht. Direkt vor dem Anpfiff begrüßten sich die Spieler der beiden Teams gegenseitig und auch der Schiedsrichter der Partie betrat das Spielfeld, und das war Nestor Segedinski aus Subotica, einer der besten Schiedsrichter der Vojvodina. Die einheimischen Spieler kamen in folgender Aufstellung eingelaufen: Katona, Horvat, Weiss, Lessmeister, Sutter, Jerkowitsch, Ruprich,Mesarosch, Poss, Gessler und Schmidt und auch Schneider spielte mit.

Rapid Wien: Rudolf Raftl, Karl Jestrab, Ludwig Tauschek, Alfred Sezemsky, Johann Pesser, Stefan Skoumal, Johann Meister, Franz Smistik II, Franz Binder „Bimbo“, Stefan Wagner, Lukas „Hari“ Aurednik und es spielte auch Johann Ostermann. Die Trainer des Wiener Teams waren Dionys Schönecker und Eduard Bauer.

Nach dem Anpfiff starteten die Gastgeber ihren ersten Angriff und ließen die renommierten Gäste wissen, dass sie es ihnen nicht leichtmachen würden. Allerdings übernahmen die Spieler von Rapid schon nach wenigen Minuten die Initiative und in der 10. Minute ging Rapid nach einem Tor von Johann Meister in Führung. Mit dem Resultat 1:0 endete auch die erste Halbzeit. Die Spieler des OSC hatten einige Chancen auf einen Ausgleich gehabt, aber auch die Gäste aus Wien hatten Chancen, ihre Führung auszubauen. Das Publikum unterstützte die Spieler des OSC lautstark, konnte aber den ausgeprägten Qualitätsunterschied nicht wettmachen.

In der zweiten Halbzeit, vor allem im ersten Teil, dominierten die Spieler von Rapid, sodass der große „Bombarder“ Franz „Bimbo“ Binder in der 65. Minute das 2:0 für Rapid erzielen konnte, und ein Spieler, der erst später ins Spiel gekommen war, Johann Ostermann, erzielte in der 87. Minute noch ein drittes Tor. Mit dem Resultat 3:0 für die Gäste aus Wien endete dieses historische Match. Das Publikum bedauerte die Niederlage seines Teams, des OSC, ein wenig, war aber dennoch zufrieden, die Wiener Fußballmeister live gesehen zu haben. Bis spät in die Nacht debattierten die Zuschauer in zahlreichen improvisierten Buffets rund um den Fußballplatz über Details des Spiels und am meisten profitierten die Inhaber der Cafés von der hohen Zuschauerzahl, denn sie verkauften an diesem Tag ganze Hektoliter an Bier und Wein.

Stevan Miler

Fußballfeld neben dem OSC Odžaci Fabrik Seil, errichtet 1925. (FOTO: zVg.)
Fußballfeld neben dem OSC Odžaci Fabrik Seil, errichtet 1925. (FOTO: zVg.)

Das Match ist in die Annalen des Fußballsports in Odžaci, Serbien und Jugoslawien eingegangen, aber auch in die Annalen des Fußballclubs Rapid Wien.

Rapid Wien spielte auf seiner Tournee durch Jugoslawien im Juli 1936 Matches in folgenden Städten:

1. 15. Juli Kragujevac: Slavija/Šumadija – Rapid 2:6
2. 16. Juli „ Radnički – Rapid 4:8
3. 19. Juli Belgrad: Jugoslavija – Rapid 5:1
4. 22. Juli „ SK Beograd – Rapid 3:4
5. 23. Juli Zemun: Sport – Rapid 2:1
6. 25. Juli Odžaci: OSC – Rapid 0:3
7. 26. Juli Osijek: Slavija – Rapid 2:2

Vor diesem ersten Match in Odžaci wurden nur zwei Spiele unter elektrischer Beleuchtung ausgetragen, eines in Zagreb und eines einige Jahre zuvor in Serbien.