Eine Opernsolistin hinter den Kulissen

INTERVIEW

Eine Opernsolistin hinter den Kulissen

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FOTO: Romana Slačala

TALENT. Olivera Tičević ist aufgrund zweier großer Leidenschaften Opernsolisten geworden: der für die Musik und der für die Schauspielerei. Über sich selbst sagt sie, dass sie nicht Operngesang betreibt, sondern die Oper lebt. Hinter der glamourösen Bühne hat KOSMO die junge Künstlerin getroffen.

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Kosmo: Woher die Idee zu diesem Beruf, d.h. wie hast du gemerkt, dass du für diesen „Job“ Talent hast?
Olivera Tičević: Schon in der Grundschule haben mich Gesang, Rhetorik, Schauspiel usw. interessiert. Natürlich habe ich damals nicht einmal im Traum daran gedacht, gerade Opernsängerin zu werden, und hätte mir auch nicht vorstellen können, wohin mich diese Kombination führen würde. Da das Schauspiel das war, was mich am meisten fasziniert hat, habe ich mich an der Künstlerischen Mittelschule für Musik und Ballett „Vasa Pavić“ in Podgorica eingeschrieben, vor allem als Vorbereitung für die Fakultät der Schauspielkunst, wo Stimmschulung und Bewegungsschulung als eigenes Fach angeboten werden. Allerdings habe ich beim täglichen Üben und bei immer besserer Kenntnis der Oper begriffen, dass dieser Beruf meine beiden großen Leidenschaften, die Musik und das Schauspiel, umfasst und vereinigt.

Opernsänger sind auch Schauspieler…? Wäre die Schauspielerei dein zweiter Beruf?
Genau. Ein schmaler Grat hat mich davon getrennt, das zu meinem ersten Beruf zu machen (lacht).

Als zweifache Gewinnerin der Auszeichnung für den aussichtsreichsten Interpreten der Barock-Akademie Österreichs schließt Olivera ihr Studium in Bern ab, tritt aber in ganz Europa auf. (FOTO: Danilo Papić)

Was fällt dir bei dieser Arbeit am schwersten?
Mein Talent verpflichtet mich zu arbeiten, und deswegen bemühe ich mich ununterbrochen, dieses Talent zu vervollkommnen. Das ist für mich das Wichtigste im Leben. Die Konkurrenz an guten Interpreten ist groß, wir müssen permanent „trainieren“ und einsatzbereit sein. Aber ich liebe es, zu spielen. Ich mag nicht ruhig auf der Bank sitzen. Darum bedeutet die enorme Arbeit in diesem Sinne auch große Hingabe. Vor allem die Tatsache, dass ich seit meinem 15. Lebensjahr nicht mehr in derselben Stadt und schon wenige Jahre später nicht mehr in demselben Land gelebt habe wie meine Familie und meine engsten Freunde. Dass ich sie oft viele Monate nicht sehe, ist für mich der größte Verzicht. Im Verhältnis zu diesem größten aller Verzichte ist alles andere weniger wichtig.

Was war bisher deine größte berufliche Herausforderung?
Jedes Konzert oder jede Vorstellung, egal ob in einem kleinen Saal für wenige Menschen oder unter freiem Himmel für Tausende Zuhörer, bildet für mich die gleiche Herausforderung. Bei meinen Auftritten in den Zentren der Opernkunst habe ich begriffen, dass es der größte Erfolg ist, wenn die Menschen verstehen, was ich ihnen sagen will. Und das ist so. Kunst ist nicht das, was du siehst, sondern das, was du tust, damit andere es sehen. Jede Auszeichnung ist ein Zeichen, dass die Arbeit und die Bemühungen von jemandem gesehen werden. Die Auszeichnung, die ich zweimal bekommen habe, die als aussichtsreichster Interpret der Barock-Akademie Österreichs, hat mir ermöglicht, mich dem österreichischen Publikum mehrmals in Konzerten mit unterschiedlichem Repertoire vorzustellen. Die Stadt, die Ihnen jedenfalls im Bereich der Oper das beste Bild von sich selbst als Figur im Spiegel gibt, davon, wo Sie stehen, und davon, was Sie tun möchten, ist mit Sicherheit Wien. Und darum soll genau das die Antwort sein: Wien ist meine Herausforderung und wird es immer bleiben.

PFLICHT.„Mein Talent verpflichtet mich, permanent zu arbeiten.“

In welcher Sprache singst du die Arien? Wie gut muss ein Opernsänger Fremdsprachen können?
Täglich entstehen in allen Ländern der Welt neue Lieder, Arien, Kompositionen in den Muttersprachen dieser Länder. Und wir singen sie meistens in der Originalsprache. Allerdings heißt das nicht, dass wir diese Sprachen können müssen. Es gibt ein Team von Menschen, die an der Diktion des Opernsängers arbeiten, um dieses Segment der Sprache zum bestmöglichen Stadium zu führen. Allerdings hat die Kunst der Oper drei Wiegen: eine in Italien, eine in Deutschland und eine in Frankreich. Darum erleichtert es unsere Arbeit sehr, wenn wir diese drei Sprachen so früh wie möglich lernen. Und wir sollten sie vollständig können, nicht nur die Ausspracheregeln.

Was gibt es, was der Laie im Publikum über den Operngesang nicht weiß und was du für erwähnenswert hältst?
Ich glaube, dass ein Laie einen Künstler oft nicht als menschliches Wesen mit all seinen Tugenden und Schwächen sieht. Der Beruf, den wir ausüben, ist schwer, auch wenn er vielleicht nicht so aussieht. Für uns ist die Kommunikation mit dem Publikum am schwersten und der Sinn dieser Arbeit ist, dass wir versuchen, jeden einzelnen im Publikum zu erobern und zumindest für kurze Zeit in die Welt der Kunst, an einen anderen und besseren Ort zu entführen. Wir sind für Sie da. Und wir geben unser Bestes – für Sie.

Darfst du eigentlich in einer Diskussion die Stimme anheben oder musst du die Stimmbänder schonen?
Ich hebe meine Stimme niemals an, aber nicht so sehr wegen der Stimmbänder. Wir alle hören besser zu, wenn uns etwas leise und sanft mitgeteilt wird. Im Gesang braucht man neben den saften und zarten Nuancen auch die gegenteiligen Färbungen.

Warum würdest du nichts anderes machen wollen als das hier?
Wir müssen uns immer von neuem kennenlernen. In verschiedenen Kulturen, durch verschiedene Gefühle und Reaktionen und Ähnliches. Indem ich verschiedene Figuren spiele, die mir mehr oder weniger nahe kommen, lerne ich eine andere Olivera kennen und erlebe sie. Und das ist das Schönste.