Engagement der bosnischen Diaspora in Österreich

INTERVIEW

Engagement der bosnischen Diaspora in Österreich

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Alexandra & Katharina
Alexandra König und Katharina Schaur (FOTO: zVg.)

KOSMO traf Alexandra König und Katharina Schaur, zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen des “International Centre for Migration Policy Development” (ICMPD) aus Wien und sprach mit ihnen über das Engagement der bosnischen Diaspora in Österreich.

KOSMO: Was war das ITHACA-Projekt und was waren seine Ziele?

Alexandra König: Wir wollten uns ansehen, wie Migranten in den Zielgesellschaften leben und wie sie gesellschaftliches Engagement betreiben, nämlich über nationale Grenzen hinweg. Einerseits wird hier in Österreich vielen Migranten ein Loyalitätskonflikt unterstellt, wenn sie sich irgendwie mit ihrem Heimatland beschäftigen. Andererseits wird der Begriff der Diaspora und des transnationalen Engagements immer stärker als Wundermittel für Entwicklung gepriesen. Unsere Studie verglich Ergebnisse aus Großbritannien, Spanien, Italien und Österreich. Wir haben hier in Österreich rund 80 qualitative Interviews geführt, die größte Gruppe waren Menschen, die aus Bosnien-Herzegowina stammen.

Gab es einen bestimmten Grund, warum Migranten aus Bosnien-Herzegowina für Ihr Projekt ausgewählt wurden?

König: Wir wollten uns Migrationskorridore anschauen, das heißt wie Leute nach Österreich kommen. Bei Bosniern haben wir eine sehr interessante Migrationsgeschichte bzw. Migrationsbedingungen vorgefunden.

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Wo engagieren sich Ihre Interviewpartner mehr: in Österreich oder in Bosnien-Herzegowina?

Katharina Schaur: Sowohl da als auch dort. Wenn man sich das persönliche Interesse und Motive unserer Interviewpartner anschaut, wollen viele eine Brücke zwischen Österreich und Bosnien-Herzegowina schaffen. Eine Interviewpartnerin von uns stellte z.B. ein Versöhnungsprojekt in Bosnien auf die Beine. Gleichzeitig engagiert sie sich auch in Österreich in anti-rassistischen Projekten.

Versuchen hier lebende Bosnier ihre Erfahrungen aus Österreich in Bosnien-Herzegowina anzuwenden?

Schaur: Klar. Aus unserem Projekt geht klar hervor, dass die sogenannte Diaspora nicht nur das Geld in ihr Heimatland schickt, sondern dass es hier ganz viele unterschiedliche Formen des transnationalen Engagements gibt, z.B. durch das eigene Unternehmen, eine Nicht-Regierungs-Organisation oder einfach ehrenamtlich. Einer unserer Interviewpartner hat beispielsweise seine Chefs überzeugt, einen Produktionsstandort in Bosnien-Herzegowina zu eröffnen. Er wollte seinen Heimatort in Bosnien nach dem Krieg wiederaufbauen und in Österreich vorhandene Einstellungen bezüglich Investitionen in Bosnien-Herzegowina ändern.

Gab es in Ihrer Studie auch Fälle, die sich in Bosnien-Herzegowina gerne engagieren würden, aber ihnen dafür Ressourcen oder Unterstützung fehlen?

Schaur: Viele Interviewpartner haben uns gesagt, dass es sowohl in Österreich als auch in Bosnien-Herzegowina an einer staatlichen Unterstützung für den Aufbau von Initiativen mangelt. Dazu gibt es in Österreich fast keine Maßnahmen, die auf das Engagement der Zuwanderer in Herkunftsländern ausgerichtet sind. Es fehlen außerdem Plattformen zu einer besseren Vernetzung.

In Bosnien-Herzegowina herrscht immer noch ein Vorurteil: Zuwanderer kommen für einen Monat im Jahr nach Bosnien und geben dort Geld aus. Wurden Ihre Interviewpartner mit solchen Vorurteilen konfrontiert?

König: Diese Vorurteile haben wir in unserer Studie nicht explizit erhoben. Wohl aber konnten wir Mobilisierungsereignisse bei den Interviewpartnern beobachten. Im bosnischen Fall waren zwei Ereignisse aus dem letzten Jahr besonders relevant: die Februar-Proteste und die Flutkatastrophe. Da haben sich hier lebende Bosnier stark überlegt, wie sie von Österreich aus ihrem Heimatland helfen können.

Welche Motive fürs Engagement in Bosnien-Herzegowina wurden Ihnen am meisten genannt?

König: Motive sind sehr unterschiedlich und wirklich individuell. Manche Interviewpartner haben sich gegen diese typischen Diaspora-Zuschreibungen gewehrt, manche reagierten auf diese Fragen zu Geldüberweisungen mit Ironie. Was wir an unserer Studie schätzen, ist die Tatsache, dass dieses transnationale Engagement so vielfältig und in vielen Fällen ehrenamtlich ist, dass man es gar nicht auf die Frage des Geldes reduzieren darf.

Wie fassen hier lebende Bosnier ihre Transnationalität bzw. ihre mehrfachen Identitäten auf?

König: Der Begriff Transnationalität ist sehr akademisch und wird in letzter Zeit auch in der Öffentlichkeit populär. Ganz wenige Leute identifizieren sich bewusst mit diesem Konzept, aber Transnationalität ist dennoch Teil ihres Alltags. Sie leben gleichzeitig unter einem in Österreich starken Druck, sich in nur eine Gesellschaft zu integrieren. Wir haben schon Gesprächspartner gehabt, die ihre mehrfachen Identitäten als persönliche Stärke auffassen.

Schaur: Aus der Perspektive unserer Gesprächspartner wird diese Transnationalität durch eine Art Freiheit definiert, die sich einem nationalstaatlichen und vorherrschenden politischen Gedanken widersetzt: Man schafft sich einen Raum, in dem man sowohl in Österreich als auch in Bosnien aktiv ist.