Grazer KPÖ: „Wir leben Kommunismus“

REPORTAGE

Grazer KPÖ: „Wir leben Kommunismus“

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(FOTO: Johannes Polt)

PHÄNOMEN. Jeder fünfte Grazer wählt auf kommunaler Ebene die Kommunistische Partei Österreichs. Was verbirgt sich hinter diesem lokalen Erfolg der steirischen Kommunisten?

Graz bildet in der politischen Landschaft Österreichs eine große Ausnahme. In der Hauptstadt des Bundeslandes Steiermark ist nämlich schon seit Jahren die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) zweitstärkste politische Partei und jeder fünfte Bürger hat in diesem Jahr bei den Lokalwahlen wieder die Kommunisten gewählt (20,4 % Stimmanteil). Während diese Partei im Rest Österreichs eine Existenz am Rande des politischen Spektrums fristet und bei den letzten Nationalratswahlen lediglich ein Prozent der Stimmen erringen konnte, lässt die Popularität der Kommunisten in der zweitgrößten Stadt Österreichs nicht nach…

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Millionengeschenke an die Bürger
Wenn jemand über dieses lokale politische Phänomen spricht, kommt die Rede immer auch auf Ernest Kaltenegger, den ehemaligen KPÖ-Vorsitzenden der Steiermark. Mit der Einrichtung einer kostenlosen Telefonnummer für Wohnungsfragen, die vielen, vor allem sozial gefährdeten Menschen in Graz, die Wohnungsfindung erleichtert und oder Delogierungen verhindert hat, hat Kaltenegger seine politische Tätigkeit in den neunziger Jahren auf aktive Hilfe für die Menschen gegründet.

Elke Kahr ist das bekannteste Gesicht des KPÖ-Erfolgs in Graz. Ihre Partei besitzt die Stimme jedes fünften Bürgers der zweitgrößten österreichischen Stadt. (FOTO: Johannes Polt)

Als Stadtrat für Wohnfragen erhielt Kaltenegger während seiner Arbeit in Graz den Spitznamen „Engel der Armen“, und unter seiner Führung führte die Partei die Regel ein, dass jeder politische Funktionär der KPÖ nur 1.900 Euro von seinem Gehalt entnehmen durfte, während der Rest für soziale Hilfszwecke an bedürftige Personen und Institutionen gespendet wurde. Seit 1998, seitdem die KPÖ in der Steiermark diese verpflichtenden Gehaltsspenden für alle Funktionäre, die mehr als 1.900 Euro im Monat verdienen, eingeführt hat, haben die dortigen Kommunisten den sozial schwächeren Mitbürgern bis heute fast zwei Millionen Euro (1.815.718,82 Euro) gespendet.

1.815.718,82 Euro haben die Politiker der KPÖ in der Steiermark seit 1998 für soziale Zwecke gespendet. Damals wurde die Regel eingeführt, dass ihre politischen Funktionäre zwei Drittel ihrer Bezüge spenden müssen.

Dass der soziale Weg von Kaltenegger auch nach seiner Pensionierung beibehalten wurde, ist vor allem seiner langjährigen politischen Weggefährtin und Nachfolgerin Elke Kahr (55) zu verdanken, die bis vor kurzem Vizebürgermeisterin der Stadt war und jetzt Verkehrsstadträtin ist. „Hallo, ich bin Elke“, begrüßt uns die KPÖ-Vorsitzende der Steiermark im Rathaus. Sympathisch, freundlich und unkompliziert führt Elke Kahr ihr Büro im beeindruckenden Rathausgebäude wie eine Art Bürgerhilfsbüro, das man jederzeit mit seinen Sorgen und Problemen aufsuchen kann.

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Es gibt keinen Zweifel, dass das Geheimnis des Erfolgs der Kommunisten in Graz auch in dieser Politik der offenen Türen begründet ist: Seit 2005, als sie zum ersten Mal ein Amt antrat, hat Kahr 6.100 Bürgern dieser Stadt mit 604.212,59 Euro bei der Lösung ihrer Wohnungsprobleme geholfen. Von ihrem heutigen Monatsgehalt von 6.000 Euro behält sie, ganz den Regeln der Partei entsprechend, nur 1.900 Euro für sich.

Robert Krotzer ist als zweiter Stadtrat der KPÖ in Graz für Gesundheitsfragen zuständig. (FOTO: Johannes Polt)

Titos Büste im Büro
„Wenn man die Situation von Menschen in Not wirklich verstehen will, dürfen sich die eigenen Einkünfte nicht von denen eines durchschnittlichen Facharbeiters unterscheiden“, sagt Elke Kahr, die, obwohl die schwarz-blaue Regierung sie aus dem Amt der Wohnbaustadträtin entfernt hat, in ihrem Büro noch immer Beratung zu Wohnungsfragen anbietet. Als Adoptivkind in einem armen Arbeiterviertel, der Triester Siedlung in Graz, aufgewachsen, begann Kahr mit 16 Jahren, sich politisch zu engagieren. „Wenn ich als junges Mädchen mit Menschen diskutiert habe, haben viele gesagt: „Pah, du bist ja eine echte Kommunistin.“ Natürlich bin ich da neugierig geworden und habe festgestellt, dass diese Menschen Recht hatten. Ja, ich bin eine Kommunistin“, sagt Kahr, deren Partei in ihren Geschäftsräumen eine Tito-Büste stehen hat und die gerne Bijelo Dugme hört und nostalgisch an ihre Jugend und den Besuch von Rockkonzerten jenseits der damaligen jugoslawischen Grenze zurückdenkt. Titos Modell des Kommunismus hält Kahr für das „verwendbarste“. Vor allem gefällt ihr die Tatsache, dass Tito sich von der Sowjetunion getrennt hat und seinen eigenen „jugoslawischen Weg“ gegangen ist. Darum ist es kein Wunder, dass es auch Elke Kahrs Initiative war, die „Yugo Fešta“ ins Leben zu rufen, eine der vier größten KPÖ-Veranstaltungen im Jahresverlauf, die unserer Gemeinschaft in Graz gewidmet ist und im Volkshaus stattfind, direkt am Sitz der Partei.

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