“Klassik, Elektro und Punk – das Unvereinbare vereinbaren”

INTERVIEW

“Klassik, Elektro und Punk – das Unvereinbare vereinbaren”

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Marina Vesic am Klavir
(FOTO: Marina Vesic)

Die vielseitige Musikerin Marina Vesić ist mit ihren zahlreichen Projekten in der ganzen Welt unterwegs. KOSMO traf die erfolgreiche Künstlerin zum exklusiven Gespräch.

KOSMO: Wann hast du deine Liebe zur Musik entdeckt. Gibt es in deiner Familie vielleicht Musiker?
Marina Vesić: Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Musik zu machen und Klavier zu spielen. In meiner Familie spielte Musik immer eine Rolle, bei meiner Mutter von der klassischen Seite und beim Vater von der Rock’n’Roll-Seite. Darum hatten meine Schwester und ich das Privileg, dass wir uns aussuchen konnten, welche Instrumente wir spielen wollten, und dass wir einfach die Kunst als Beruf wählen konnten. Ich bin Komponistin, ich singe und spiele Klavier, aber die anderen Familienmitglieder machen das mehr als Hobby.

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Jelena Krstić YELL (35) ist Sängerin und Professorin für Gesang. Sie ist im serbischen Kovin geboren und stammt aus einer Musikerfamilie. In Österreich lebt sie bereits seit 17 Jahren, hat an der Universität in Graz Sologesang und Musiktheorie und später am Musikkonservatorium in Wien klassischen, Jazz- und Popgesang studiert. Beim österreichischen Musikwettbewerb „THE VOICE“ errang sie 2005 den ersten Platz.

 

In der heutigen Zeit gehört das klassische Musizieren zu den selteneren Entscheidungen. Warum hast du dich für diesen Weg entschieden?
Zuerst habe ich die Musikakademie in Belgrad in den Fächern Komposition und Orchestration, d.h. in klassischer Musik, abgeschlossen. Dann bin ich 2011 nach Wien gekommen und habe hier die elektronische Musik entdeckt und besser kennengelernt, da diese hier stark vertreten ist. Anschließend bin ich nach Amsterdam weitergezogen. Für mich ist es eine Herausforderung, das Unvereinbare zu vereinbaren. Das heißt, klassische Musik in Kombination mit elektronischem und Punk-Sound. Der Punk-Sound kommt eigentlich daher, dass ich in der Zeit zwischen 2006 und 2008 in der Punkband Scarps gespielt habe. Damals habe ich viele Informationen über diese Szene bekommen und auch viele Ideen für neue Kompositionen, und in dieser Zeit, 2006, ist auch meine eigene Band Two Totems entstanden.

Marina arbeitet gleichzeitig an mehreren Musikprojekten.

Ihre Musik ist sehr originell, denn du verbindest nicht nur verschiedene Genres, sondern auch verschiedene Kunststile. Wie sieht das eigentlich aus und wie bist du auf die Idee gekommen?
Ich mache auch multimediale Projekte, die heute weltweit sehr populär sind, d.h. eine Verbindung aus Bild und Musik… Eines der wichtigsten Projekte war The Perfect Rose in Belgrad 2013, das vom Kulturministerium der Republik Serbien unterstützt wurde. Das war einer meiner Erfolge. Ich habe immer nach etwas Neuem gesucht und war immer neugierig, etwas Neues zu machen, und war immer neugierig auf die Reaktionen des Publikums. Das erste Mal, als ich sozusagen mit der Vereinbarung des Unvereinbaren begonnen habe, hat das Publikum das mit etwas Zurückhaltung aufgenommen, aber heute wird es bereits sehr gut angenommen. Daher war ich vielleicht gemeinsam mit anderen Künstlern als Künstlerin eine Vorreiterin der heutigen Szene, was die multimediale Kunst betrifft.

Da du dich ja mit verschiedenen musikalischen Genres beschäftigst, hörst du auch serbische Volksmusik und wer ist dein liebster Volksmusiker?
Das ist unsere traditionelle Musik, das heißt, unsere Folklore, und natürlich liebe ich unsere ursprüngliche Musik und unsere serbische Musik, das heißt, die Ethno-Musik. Ich habe kein Lieblingslied, aber ich habe eine Lieblingskünstlerin, Bilja Krstić.

Warum hast du dich sich gerade dafür entschieden, diese Richtung zu studieren, und was hat dich dazu gebracht, zum Doktoratsstudium nach Wien zu kommen?
Als ich begonnen habe, Klavier zu spielen, war mir das Material, das mir meine Professoren gegeben haben, einfach nicht genug, und ich habe begonnen, Musik zu erschaffen, die für mich interessanter war. So ist aus der übergroßen Liebe zum Klavier die Liebe dazu entstanden, Komponistin zu werden bzw. das zu werden, was ich heute bin. Wien ist das Zentrum der klassischen Musik und ich wollte immer hierher kommen. Und dieser Wunsch ist wahr geworden. Als ich klein war, ist meine Mama oft nach Wien gereist, und auch das hat irgendwie seine Spuren im Unterbewusstsein hinterlassen. Ich habe viele Bücher aus Wien bekommen und ich glaube, dass auch das einer der entscheidenden Momente in meinem Leben war.

Mit welchem Thema beschäftigst du dich sich in deiner Doktorarbeit?
Das zentrale Thema sind internationale Künstler an der Grenze zwischen klassischer, experimenteller und elektronischer Musik im Zeitraum von 1970 bis heute mit besonderem Fokus auf den serbischen Komponisten. Das war für meinen Mentor besonders interessant, weil wir heute, vor allem hier in Wien, keine adäquate Literatur unserer serbischen Gegenwartskomponisten und der serbischen Künstler aller Bereiche und Stile finden können, daher ist das sehr interessant. Da erwartet mich viel Arbeit mit Künstlern aus Serbien in Form von Interviews und Recherchen, was sie komponiert haben und was ihre Inspirationen waren. Das ist auch das Interessanteste an meiner Doktorarbeit.

Mit welchen experimentellen Musikern oder Stars hast du bereits zusammengearbeitet und mit wem würdest du gerne ein gemeinsames Projekt machen, aus der Balkan- oder aus der internationalen Szene?
Ich hatte hier in Wien Gelegenheit, internationale Komponisten wie den französischen Komponisten Alexandre Desplat und den Komponisten James Newton Howard kennenzulernen. Beide sind in Hollywood sehr bekannt und haben Oscars für Filmmusik gewonnen. Ich arbeite mit Künstlern aus meiner Welt zusammen. Das sind vor allem Künstler aus London, wo wir elektronische Musik machen. Ich bin überhaupt ein großer Fan der Kunst unserer großen Multimediakünstlerin Aleksandra Slađana Milošević. Und was die ausländische, internationale Szene betrifft, wäre definitiv Björk jemand, mit dem ich gerne zusammenarbeiten würde.

Eine Kostprobe der Musik von Marina findet ihr auch im Internet. (FOTO: Menschmusik)

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Unlängst hast du dein erstes Album mit dem Namen „What if“ herausgebracht. Was ist daran besonders und wie ist es, das erste Mal die eigene Musik als fertiges Produkt in den Händen zu halten?
Das war unwahrscheinlich, wie es zu diesem Fakt der Herausgabe der CD gekommen ist. Da war dieser deutsche Verlag Mensch, der in Köln sitzt. Und der Herausgeber hat mich im Internet gefunden, d.h. er hat meine Musik über das Internet gehört, was mir wirklich ein bisschen unwahrscheinlich vorkommt, aber offensichtlich ist es möglich. Das war tatsächlich großes Glück, denn diese meine erste CD ist dadurch charakteristisch, dass es sich um Ambient-Musik und um elektro-akustische Elektronik handelt. Dieses Album und die Musik, die auf der CD ist, können auch für die Bühne oder den Film verwendet werden, sie ist wirklich vielseitig.

Du bist auch Mitglied der Band 2 Totems. Kürzlich habt ihr einen Spot für eines eurer Lieder aufgenommen. Wie ist die Gruppe zusammengesetzt und was ist das Besondere an ihr?
Uns gibt es schon seit fast 11 Jahren. Bisher haben wir ein Album aufgenommen und derzeit verhandeln wir mit einer Londoner Firma über die Herausgabe einer CD. Für 2 Totems ist charakteristisch, dass wir Klassik und Punksound verbinden. Wir haben einen Spot aufgenommen, und der Regisseur des Spots ist Dandi Nešić, der professioneller Fotograf ist. 2 Totems ist jetzt in die engere Wahl für einen internationalen Wettbewerb junger Talente gekommen, der in diesem Sommer 2017 in Las Vegas stattfindet. Er beginnt am 1. Februar, was bedeutet, dass im Februar zuerst Serbien abstimmen kann. Im zweiten Durchgang ist es dann eine internationale Abstimmung. Darum rufe ich bei dieser Gelegenheit alle dazu auf, ihre Stimme abzugeben. Der Link wird natürlich in den sozialen Netzwerken zu finden sein. 2 Totems ist auch wirklich interessant, weil es ein Duo ist, der Schlagzeuger Zlatko Petković, mein alter Freund, mit dem sich schon vor der Gründung von 2 Totems in der Punkband zusammengespielt habe, und ich als Komponistin und Gründerin der Band. Ich komponiere und spiele Klavier. Dieses erste Album ist ein reines Instrumentalalbum, d.h. Klavier und Schlagzeug, aber schon auf dem zweiten Album arbeiten wir mit Gesang und Elektronikbeimischungen. Darauf werde ich die Lead-Stimme singen und Zlatko die Begleitung, sodass wir dabei bleiben, dass wir nur ein Duo sind.

Unterstützt 2 Totems auf ihrem Weg nach Las Vegas

ab dem 1. März mit eurem Vote !

Was planst du in der Zukunft, d.h. für dieses Jahr? Gibt es große Konzerte oder so etwas?
In Wien derzeit noch nicht. Früher hatte ich ein Konzert. Denn was die Elektronik betrifft, ist es hier ein bisschen anders, was die Organisation betrifft. Aber es bleibt Berlin im Mai, dank meiner Freundin, die mir ein Mini-Konzert organisiert hat. Was die Band betrifft, will ich nur drei internationale Sender erwähnen, die uns unterstützen. Einer ist das Arti Factor Radio in Mexico City, dann in Los Angeles Radio Sombra, dem ich sehr häufig Interviews gebe, und das CIA Radio hier in Österreich, wo die 2 Totems gerade in den Top 10 der meistgehörten Bands zu finden sind. Das freut mich besonders, denn es ist ein Radiosender hier in Österreich und es freut mich, dass die Leute hier diese Musik hören können. In Belgrad spielt Radio Belgrad sehr häufig meine Musik.

Mehr Infos zu Marina und ihrer Musik unter: https://blackmarine.bandcamp.com/