Mario Mali: “Solange ich nicht zittere, und gut sehe, werde ich tätowieren!”

INTERVIEW

Mario Mali: “Solange ich nicht zittere, und gut sehe, werde ich tätowieren!”

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FOTO: Privat

Mario Goričkić erlebte in seinen 35 Jahren mehr als so manch einer in seinem ganzen Leben. Und eines wurde mir schon zu Beginn unseres Interviews bewusst – Im Wortschatz dieses Menschen kommt der Begriff “normal” nicht vor.

Der gelernte Zahntechniker zählt heute unter dem Synonym Mario Mali zu den einflussreichsten und angesehensten Tätowierern Österreichs. Etlichen namenhaften Persönlichkeiten ging der gebürtige Balkanese schon unter die Haut, und mir verriet er im exklusiven KOSMO-Interview so einiges über sein turbulentes Dasein.

Geboren wurde der sympathische Wahl-Wiener mit den eindringlichen blauen Augen 1982 in einem streng katholischen bosnischen Dorf nahe der kroatischen Grenze. Im Alter von sechs Jahren kam er dann mit seiner Familie als Wirtschaftsflüchtling nach Wien, wo sie zu Beginn in ärmlichen Verhältnissen lebten, bevor sie sich – wie viele andere Gastarbeiter-Familien – Schritt für Schritt ein besseres Leben erkämpften.

Mit seinen Wurzeln könne er sich zwar trotz seiner neuen österreichischen Heimat nach wie vor identifizieren, dennoch habe er das Gefühl, dort aufgrund seiner Querdenker-Art nicht willkommen zu sein. “Der Ort, aus dem ich stamme, verfügt über eine streng religiöse Gemeinde, die ihre Prinzipien und Werte in Ehren hält. Ich, mit meiner unkonventionellen Denkweise und meiner Vergangenheit passe dort einfach nicht hinein”, so Mario offen.

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Der Troublemaker

Bis zur dritten Volksschulklasse sei er noch ein braves Kind gewesen, erzählt er gleich zu Beginn unseres Interviews im Tattoostudio “The Penetration Incorporation“, in dem er mittlerweile die meisten seiner Meisterwerke kreiert. Von da an schlug er einen anderen Weg ein, der ihn viele Jahre später sogar ins Gefängnis brachte. Falsche Freunde, falsche Ansichten und das alles zur falschen Zeit am falschen Ort – Zweieinhalb Jahre verbrachte der damals 27-Jährige hinter Gittern. Eine Lektion, die er nach eigenen Angaben bitter nötig hatte, und die ihn letztendlich wieder auf die rechte Bahn lenkte. Sie entfachte nämlich seine Liebe zur Kunst erneut, und brachte ihn zum Tätowieren.

Where the magic happens – The Penetration Incorporation (FOTO: KOSMO)

Dass er über eine ausgesprochen ausgeprägte künstlerische Ader verfügt, merkte Mario schon als Kleinkind. Die Liebe zur Kunst sei ihm in die Wiege gelegt worden, so der quirlige Tätowierer. Schon Marios Großvater, den er als sein großes Idol bezeichnet, und über alle Maßen bewundert, übte zu Lebzeiten keinen gewöhnlichen Beruf aus. Den einstigen Geigenbauer ließ er sich deshalb auch auf der Schulter verewigen. Neben seinen unzähligen Tattoos – wie es sich für einen richtigen Tätowierer gehört, hat er aufgehört sie zu zählen – hebt er dieses zweifelsohne als sein bedeutendstes hervor.

Marios Großvater – sein Idol – ließ sich Mario auf dem Oberarm verewigen. (FOTO: KOSMO)

Rede und Antwort

Das bei weitem beliebteste Motiv der Kunden ist… der Löwe. Raubtiere im Allgemeinen sind seit Jahren ein Renner. Aber auch etliche heilige Symbole durfte ich bisher schon stechen. Eigentlich sollte sich der Papst höchstpersönlich bei mir melden, so viele waren es. (lacht)

Was ich nie tätowieren würde… sind nationalistische Motive. Es gibt ausreichend zwielichtige Hinterhof-Tätowierer, die das nur allzu gerne übernehmen.

Das Verrückteste, das mir beim Tätowieren passierte, war, als sich ein guter Freund in einem Moment der Unachtsamkeit einfach meine Maschine schnappte, und sich selbst eine kleine Billardkugel stach. Heute sieht sie aus, wie ein Muttermal. (lacht)

Die schmerzempfindlichsten Stellen beim Tätowieren sind… erfahrungsgemäß die Rippen, der Hals-, Kopf- und Brustbereich, sowie der Innenarm – überall dort, wo die Haut dünn und empfindlich ist. In der Regel schmerzen Tattoos auf dem Oberarm am wenigsten.

Das bei weitem aufwendigste Tattoo… war zweifelsfrei der Samurai, mit dem ich auch meinen ersten Preis gewonnen habe. Dabei handelte es sich um solch eine präzise Detailarbeit, dass wir – der Kunde und ich – insgesamt 55 Stunden dafür brauchten. Damit wollte ich ein Zeichen setzen, und auf mich aufmerksam machen, und ich denke, das ist mir auch gelungen!

Marios aufwendigstes Tattoo – der Samurai! (FOTO: Privat)

Wie alles begann…

Ich wusste im Vorfeld bereits, dass mein Gesprächspartner leidenschaftlich gerne malt, und seine Werke problemlos in einem Atelier ausstellen könnte. Doch wie genau er als gelernter Zahntechniker ausgerechnet zum Tätowieren kam, war mir ein Rätsel. Dem wollte ich auf den Grund gehen, und fragte ihn nach dem Ursprung dieses ungewöhnlichen Jobwechsels. Von Marios krimineller Vergangenheit wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

“Mir wurde gesagt,
dass ich mit einer richtigen Maschine Kunstwerke schaffen könnte…”
– Mario Mali

Auf meine Frage antwortete er mit einer Gegenfrage. “Was ist denn das typische Klischee – Wo erlernt man das Tätowieren in der Regel”, fragt er mich schmunzelnd. “Im Gefängnis“, antworte ich zögerlich. Nicht einmal im Traum hätte ich mir aber vorstellen können, dass mein freundlicher und trotz seiner unzähligen Tattoos harmlos wirkender Interviewpartner in der Vergangenheit Dreck am Stecken hatte.

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