FLORA UND FAUNA 07.07.2012

Gute und schlechte Migranten

Zuwanderung in größeren Zahlen verändert langfristig die Situation in den Migrationsdestinationen. Dies gilt ebenso wie für Menschen auch für Pflanzen und Tiere. Wenn in einer bestimmten Region eine neue Art auftritt, kann sich diese gut einfügen, aber auch Probleme verursachen.

In unterschiedlichen Regionen wachsen unterschiedliche Pflanzen und leben unterschiedliche Tiere. Jeder Kontinent, aber auch jede entlegene Insel, jeder See und jedes Gebirgsmassiv haben ihre eigene, charakteristische Flora und Fauna, darunter auch Arten, die nirgendwo anders leben. Im letzten halben Jahrtausend seit Kolumbus’ Weltreisen, vor allem aber in den letzten beiden Jahrhunderten, wurden Pflanzen und Tiere auch außerhalb ihrer angestammten Territorien angesiedelt. Manchmal war das beabsichtigt, manchmal reisten exotische pflanzliche und tierische "Migranten" als blinde Passagiere auf Schiffen oder anders in fremde Länder, wobei Menschen bei diesem Transport direkt oder indirekt mithalfen. Viele solche Zuwanderer (biologisch Neobiota genannt) sind uns willkommen und machen keine Probleme, im Gegenteil. Kartoffeln, Mais, Tomaten und Truthähne sind nur einige bekannte Beispiele dafür, wie absichtlich zugesiedelte Pflanzen und Tiere ihren Sinn haben können, Ernährungsprobleme lösen, Arbeitsplätze schaffen und zum allgemeinen Wohlstand beitragen... Bei einem Teil der Neobiota bereitet die "Integration" jedoch Probleme. So gibt es etwa auf der Pazifikinsel Guam, die eine große amerikanische Luftwaffenbasis beherbergt, inzwischen fast keine der einheimischen Vogelarten mehr. Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es davon verschiedene. Dann wurde mit amerikanischen Flugzeugen eine Schlangenart nach Guam gebracht (lat.: Boiga irregularis: die čskulapnatter), die zehn Vogelarten vernichtete und die übrigen beiden dezimierte. Auf Guam wurden inzwischen auch einige neue Vogelarten angesiedelt, aber die leben nicht im Wald wie die ursprünglichen Populationen. Das hat zur Folge, dass keine neuen Wälder wachsen, denn es gibt keine Waldvögel, die die Baumsamen übertragen. Auch "eingeführte" Bäume können Probleme machen. Die Akazie (lat.: Robinia pseudoacacia) gilt in unseren Breiten als heimischer Baum, obwohl sie erst vor nicht einmal 400 Jahren aus Nordamerika nach Europa eingeführt wurde. Inzwischen hat die Akazie in vielen europäischen Ländern Anhänger gefunden. So ist sie in Serbien nach Eiche und Buche inzwischen zum dritthäufigsten Baum geworden. Allerdings haben Wissenschaftler festgestellt, dass sie eine Wirkung auf die Böden und ihre Umgebung im Allgemeinen ausübt. Wo viele Akazien wachsen, nimmt die Vielfalt in Flora und Fauna ab.

Die "Bitterkeit" des asiatischen Marienkäfers
In unserem Teil Europas bereiten invasive Insektenarten bisweilen Probleme, vernichten Bäume und verschiedene Pflanzen. In mehreren Ländern, u.a. in Österreich und den Republiken des ehemaligen Jugoslawien, breitet sich seit einigen Jahren der chinesische Marienkäfer (lat.: Harmonia axyridis) aus. Als natürlicher Blattlausvernichter aus Amerika eingeführt, dominiert er über den kleineren heimischen Marienkäfer. In den Weinbergen frisst er die Blattläuse, wenn er aber in die bereits gepflückten Trauben oder später in den Wein gerät, mindert der asiatische Marienkäfer seine Qualität erheblich. Der Wein erhält durch ihn einen schlechten Geschmack und wird bitter. Ein anfangs nützliches Insekt ist so mit der Zeit zum Schädling geworden. Viele Ökologen halten invasive Pflanzen und Tiere für eine der größten Bedrohungen der Pflanzen- und Tierarten in aller Welt, gleich nach der direkten, physischen Vernichtung ihrer Lebensräume durch den Menschen. Tatsache ist, dass eingeführte Raubtiere wie im Falle der Vögel auf der Insel Guam oder der Fische im Viktoriasee - Katzen, Ratten, Füchse, Schlangen, Krebse, Insekten und andere invasive Tierarten, die sich schnell vermehren - andere Tiere ausrotten können, Bäume und andere Pflanzen vernichten und überhaupt das natürliche Gleichgewicht schwer schädigen. Neuseeland hat auf diese Weise 38 seiner 91 heimischen Vogelarten verloren. Global betrachtet spricht dennoch nichts gegen die Einfuhr pflanzlicher und tierischer Zuwanderer. Gerade im schon erwähnten Neuseeland gab es vor der Ansiedelung der Menschen über 2.000 heimische Baumsorten. Der Mensch hat noch einmal etwa ebenso viele mitgebracht. Nur drei heimische Arten wurden durch die neuen Sorten ausgerottet. Demnach spricht in der Gesamtbilanz fast nichts gegen die Zusiedelung neuer Arten. Ein ähnliches Beispiel bietet auch Hawaii, ein Archipel, in das etwa vierzig neue Sorten von Süßwasserfischen eingeführt wurden. Hier bestätigt sich auch in der Tier- und Pflanzenwelt das Sprichwort, dass "Vielfalt eine Gemeinschaft bereichert".

Das Beispiel des Nilbarschs

Eines der bekanntesten Beispiele von Schäden, die eine invasive Art anrichten kann, ist der Fall des Nilbarschs (lat.: Lates niloticus). Dieser große Süßwasserfisch, der ein Gewicht von 200 kg erreichen kann, wurde in den 1950-er Jahren absichtlich zur Förderung der Fischerei im ostafrikanischen Viktoriasee angesiedelt. Dieser See war vorher mit über 500 Arten reich an verschiedenen kleineren Fischen. Der Nilbarsch hat die meisten von ihnen ausgerottet oder fast ausgerottet. Außerdem konnten die Fischer die kleineren Fische früher in der Sonne trocknen, nicht jedoch den Nilbarsch, dessen Fleisch geräuchert werden muss, da es sonst verderben würde. Dies steigerte den Holzbedarf und beschleunigte die Waldrodung und damit die Erosion und die Unfruchtbarkeit der meisten Bodenflächen der Region. Obwohl durch den Nilbarsch wesentlich mehr Menschen Arbeit in der Fischerei fanden, leben die meisten von ihnen nicht viel besser als zuvor. Die Fischersiedlungen rund um den See sind noch immer überwiegend Slums.

Migration »schuld« an Syphilis

Zu den invasiven Arten im weiteren Sinne gehören auch Infektionskrankheiten. Die mikroskopisch kleinen Invasoren, Viren, Bakterien und andere Krankheitserreger können in neuen Milieus katastrophale Wirkungen entfalten. Die erste registrierte Syphilisepidemie ereignete sich in Neapel in den Jahren 1494/1495. Sie entstand infolge einer echten Invasion, nämlich der französischen Militärinvasion in der Stadt, weswegen diese Krankheit auch die »französische Krankheit« genannt wurde. Auch vor den modernen Grippeepidemien in Europa sind immer wieder Verursacher anderer Erkrankungen aus Asien zu uns gekommen, haben sich pandemisch über Europa verbreitet und große Opferzahlen gefordert. Ein Beispiel dafür ist die Pest zur Zeit Kaiser Justinians im 6. Jahrhundert. Aus Asien ist die Pest auch im 14. Jahrhundert wieder nach Europa gekommen. Diese Pandemie, die als »schwarzer Tod« Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat, hat ca. 25 Millionen Menschen getötet, ein Drittel der damaligen Bevölkerung des Kontinents. Aber die Europäer waren nicht nur Opfer dieser mikroskopischen Invasoren aus anderen Ländern oder Kontinenten. Die ansteckenden Krankheiten, die die Europäer während der Entdeckung und Kolonialisierung Amerikas in die »Neue Welt« exportiert haben, vor allem Pocken und Windpocken, haben nach Schätzungen bis zu 90 Prozent der amerikanischen Urbevölkerung getötet. Im Gegensatz zu den Europäern, in deren Organismen sich seit Generationen Antikörper gegen diese Krankheiten entwickelt hatten, hatten die infizierten Indianer keine Antikörper und die Krankheiten waren für sie erheblich todbringender.



Milan Ilić

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