Radikalisierungsgefahr nicht nur unter muslimischen Jugendlichen

INTERVIEW

Radikalisierungsgefahr nicht nur unter muslimischen Jugendlichen

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(FOTO: Magdalena Possert)

Die Ergebnisse, der am Montag von Kenan Güngör veröffentlichten Studie, haben die Gesellschaft aufgerüttelt. Medien berichteten davon, dass junge Muslime eine Gefahr sind. Aber das stimmt nicht so ganz, erzählt der Studienautor. Muslimische Jugendliche haben zwar stärker abwertende Einstellungen aber dazu neigen Jugendliche anderer Konfessionen. Güngör hat in 30 Wiener Jugendzentren 401 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren befragt. Davon waren 214 muslimischen Glaubens. Wir haben mit dem Studienautor Kenan Güngör über dieses wichtige Thema gesprochen.

KOSMO: Befragt wurden 401 Jugendliche, davon 214 mit islamischem Glauben. Warum wurde der Fokus der Studie auf muslimische Jugendliche gelegt?

Kenan Güngör: Die Studie bezog alle Jugendlichen gleichermaßen mit ein, die sich in den Einrichtungen der Jugendorganisationen aufgehalten haben. Es wurden ihnen auch, unabhängig von Konfession oder Herkunft, die selben Fragen gestellt. Nur bei dem Teil der Radikalisierung haben wir uns auf muslimische Jugendliche konzentriert, da der Fokus, vor dem Hintergrund der Entwicklungen und Ereignisse und der letzten Jahre, nötig war.

Laut Studie gibt es eine Tendenz muslimischer Jugendlicher zur Radikalisierung. Warum ist das so und was kann man gegen die Radikalisierungsgefahr unternehmen?

Die Befragungen haben gezeigt, dass ein starker Zusammenhang besteht zwischen der Sorge der Jugendlichen, dass die eigene Religion abgelehnt wird und der eigenen Abwertung. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass besonders zugewanderte muslimische Männer, welche stark religiös sind und sich in homogenen Freundeskreisen bewegen, radikalisierungsgefährdet sind. Hier kann an mehreren Stellen angesetzt werden um präventiv, sowie deradikalisierend zu wirken. Erstens gilt es möglichst früh mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten und sich inhaltlich mit Themen wie Abwertung und Radikalisierung auseinanderzusetzen, dies sowohl in der Schule wir auch Jugendorganisationen.

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Und das reicht?

In diesem Zusammenhang muss auch die Medienkompetenz bei Jugendlichen gefördert werden, damit sie nicht alle Verschwörungstheorien ungefiltert übernehmen. Auch die  Communities wie auch die Elternarbeit ist gefragt. Denn irgendwo in ihrer Sozialisation kommen mit Gedanken der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Kontakt und die Frage, was für einen Beitrag hier die familiäre Umgebung leistet.  Je gemischter der Umkreis, desto besser können sich die Jugendlichen auch mit anderen Weltbildern anfreunden und sind dadurch automatisch weniger radikalisierungsgefährdet.

“Die Befragungen haben gezeigt, dass ein starker Zusammenhang besteht zwischen der Sorge der Jugendlichen, dass die eigene Religion abgelehnt wird.” -Kenan Güngör

Werden Muslime medial diffamiert?

Auf der einen Seite besteht eine starke Skepsis, ein Unbehagen, das bis hin zu einer offenen Muslimfeindlichkeit reicht. Auf der anderen Seite wäre es eine wichtige Herausforderung seitens der Muslime sich selbstkritisch zu fragen, ob und was sie tun können und nicht alles was kritisch kommt kategorisch abzulehnen oder als Islamfeindlichkeit abzutun.

Wie sieht es mit Jugendlichen aus dem ehemaligen Jugoslawien aus? Was sagt die Studie über Jugendliche, mit einem muslimischen Background vom Balkan, aus?

Bei Jugendlichen konnte aufgrund der niedrigen Fallzahl keine Auswertung nach ethnischer Zugehörigkeit  vorgenommen werden, wohl aber nach der Religion. Mit Blick auf die Religion hat sich gezeigt, dass katholische Jugendliche – zu denen Österreicher, Kroaten und andere dazu gehören   tendenziell weniger abwerten, christlich-orthodoxe, das heißt zum größten Teil Serbisch-stämmige im Schnitt deutlich stärker und die muslimischen Jugendlichen am stärksten abwerten.