Wiener Vorstadttheater: „Wir gegen Gewalt!“

KULTUR

Wiener Vorstadttheater: „Wir gegen Gewalt!“

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Wiener Vorstadttheater
Manfred Michalke (Kreis) und Ensemble bei den Proben zum neuesten Stück "Und sie legten den Blumen Handschellen an". (FOTO: Igor Ripak/Wiener Vorstadttheater)

Das Wiener Vorstadttheater leistet seit mehr als zwanzig Jahren wichtige integrative Arbeit mit Randgruppen für das Wiener Publikum und diesen Sommer erwartet uns ein ganz besonderes Stück.

Das Integrative Theater Österreich wurde 1993 von Manfred Michalke gegründet und bietet seither dem Wiener Publikum jährlich eine Produktion. Seit mehr als 20 Jahren Menschen zusammengebracht, welche üblicherweise vom professionellen Kulturbetrieb ausgeschlossen sind.

Derzeit probt das Ensemble in der VHS-Ottakring und auch die Direktorin Ilkim Erdost ist von der Wichtigkeit des Integrativen Theaters Österreich überzeugt: „Manfred Michalke und ich arbeiten an den gleichen Themen und stellen uns ähnliche Fragen. Wie können wir Menschen zusammenbringen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar machen, Barrieren abbauen? Wir haben uns auf Anhieb verstanden. Es war mir ein Anliegen das Vorstadttheater in der künstlerischen Arbeit zu helfen.“

“Eine Steigerung des zwischenmenschlichen Respekts hinsichtlich der Religion, Ideologie, Behinderungen …” – Michalke

Randgruppentheater hat lange Tradition
Laut dem Gründer und Leiter Michalke hätte die Bezeichnung „Randgruppentheater“ keine negative Konnotation. „Ganz im Gegenteil. Die Tradition des Wiener Vorstadttheaters kommt von den sogenannten Hinterhofbühnen, kleinen Theaterunternehmen, welche jenseits des Linienwalls zur Zeit Josephs II. speziell angefangen haben, Theaterstücke für ein sozial schwächeres Publikum zu spielen“, erklärte er uns im exklusiven KOSMO-Interview.

Ebenso sei das Vorstadtheater bereits seit seiner Entstehung immer ein multikulturelles Theater, auch wenn es das Wort damals in der heutigen Form noch gar nicht gab. Italienische Sänger, ungarische Geiger, böhmische Bläserensembles und Schauspieler unterschiedlichster Herkunft brachten bereits damals dem sozial schwachen Publikum große Literatur.

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(FOTO: Igor Ripak/Wiener Vorstadttheater)

Michalke betonte zudem, dass es sich beim Wiener Vorstadttheater ausschließlich um Theater- das heißt Kulturarbeit handle. „Es gibt natürlich auch das Vorurteil der Sponsoren und anderer Geldgeber, dass es sich um ein karitatives Projekt handelt. Dies hat allerdings nichts mit uns zu tun, da wir keine Gelder aus dem sogenannten Sozialtopf, sondern aus jenem für Kultur beziehen. Eine karitative Linie würde in unserem Fall keine positive Auswirkung haben, sondern sich leistungsschmälernd auswirken.“

Besonderes Erlebnis: „Betroffene spielen für Betroffene“
So lautet der Grundsatz, welcher bei jeder Produktion dramaturgisch durchgezogen wird. „Das Wesentliche ist, dass Menschen ihre Probleme – seien sie nun gesellschaftspolitischer, xenophobischer oder ähnlicher Natur – dem Publikum durch künstlerische Leistung offenbaren, allerdings auch aufzeigen und anprangern.“

Der Hintergrund der Schauspieler würde zwar mit einbezogen, jedoch in keinster Weise explizit auf die Bühne gebracht werden. Ebenso besetzt der Theaterleiter aus pädagogischen Gründen keine Rollen zweimal, da es seiner Meinung nicht zielführend ist und unnötigen Druck und Stress verursachte. „Wenn dann mal bei einer Aufführung jemand krank oder aus anderen Gründen verhindert ist, so wird einfach nicht gespielt.“

“Die zentralen Aussagen des Stückes, wie Diktatur und religiöser Terrorismus haben sich nicht geändert. Insofern wird dieses Stück, leider, immer wieder aktuell sein.” – Michalke

Dieser ganz spezieller Zugang zur Theaterkunst verändere auch die Sichtweise und Interpretation der literarischen Werke und genau jene Wandlung der Perspektive geben dem Stück einen ganz besonderen Reiz, was die Aufführungen des Wiener Vorstadtheaters für die Zuseher zu einem ganz besonderem Erlebnis macht.

Kann Theater gesellschaftpolitisch etwas verändern?
Hier herrsche laut Michalke die Streitfrage der 68er-Zeit. „Man kann auf jeden Fall anregen und Impulse setzen. Wenn Veränderungen stattgefunden hätten, dann wären wir heute schon ganz wo anders. Man kann sich nicht erwarten, dass aufgrund von homogener Ensembleleistungen von verschiedenen Menschen das so überspringt, dass sich verfeindete Gruppen freundschaftlich um den Hals fallen. Was jedoch stattfinden kann, ist eine Steigerung des zwischenmenschlichen Respekts, sei es hinsichtlich der Religion, Ideologie, Behinderungen usw.“

Ähnlich äußerte sich auch Ilkim Erdost, Direktorin der VHS-Ottakring, welche die Arbeit des Vorstadtheaters tatkräftig untersützt: „Ich schätze, dass sich das Vorstadttheater furchtlos mit heiklen Themen wie Ausgrenzung, Andersartigkeit, Krieg und Vertreibung auseinandersetzt. Klassische Texte und literarische Stoffe werden dabei benutzt und in einem aktuellen Kontext gestellt. Mir gefällt besonders wie sich die SchauspielerInnen des Vorstadttheaters all die positiven Facetten des Lebens, wie Freundschaft, Zusammenhalt, Liebe und Vertrauen erarbeiten.“

(FOTO: Igor Ripak/Wiener Vorstadttheater)

10 Monate Proben für Arrabals „Und sie legen den Blumen Handschellen an“
Die kulturell, sprachlich und religiös durchmischten Mitwirkenden proben zehn Monate lang, zwei Mal die Woche jeweils vier Stunden – all dies unentgeltlich, allein für die Aufführungen gibt es einen kleinen Unkostenbeitrag. Die neueste Produktion, das Stück „Und sie legen den Blumen Handschellen an“ von Fernando Arrabal, feiert im Juni dieses Jahres Premiere.

Den Theaterleiter begleitet dieses Stück schon seit seinen künstlerischen Anfängen und bekleidete sogar selbst eine Rolle. „Aus diesem Grund haben wir auch als einzige deutschsprachige Produktion die offiziellen Rechte bekommen, Arrabal aufzuführen, da der Autor eine Aufführung in Deutschland und Österreich eigentlich verboten hat.“

Die zentralen Aussagen von „Und sie legen den Blumen Handschellen an“, wie Diktatur und religiöser Terrorismus, „welchen alle Weltreligionen gezeigt haben“, hätten sich nicht geändert. Gleiches gelte für die Mechanismen, wie diese Dinge seitens diktatorischer und selbstverherrlichenden Politikern durchgeführt und gefördert werden. „Insofern wird dieses Stück, leider, immer wieder aktuell sein – wie man auch an der heutigen Situation sehen kann“, so Michalke.

(FOTO: Igor Ripak/Wiener Vorstadttheater)

Wie mitmachen?
Grundsätzlich kann man immer mitmachen. Es wird pro Jahr nur eine Produktion erarbeitet, allerdings ist die Probenarbeit in der VHS Ottakring öffentlich und jeder kann hinkommen und sich die Arbeit einmal ansehen.

Wenn jemand Interesse hat – geprobt wird jeden Dienstag und Donnerstag. Mehr kann man auf der Homepage https://www.wienervorstadttheater.com/ erfahren, bzw. mit dem Theater in Kontakt treten.

Vorstellungstermine:

  • 09.06.2017 PREMIERE Sargfabrik um 19:30 Uhr
  • 10.06. 2017 Sargfabrik um 19:30 Uhr
  • 11.06.2017  Sargfabrik um 18:30 Uhr !!!!
  • 28.09.2017 Veranstaltungszentrum der VHS Donaustadt um 19:30 Uhr
  • 12.10.2017 Ateliertheater um 20:00 Uhr
  • 20.10.2017 Veranstaltungszentrum der VHS Simmering um 19:30 Uhr
  • 25.10.2017 Veranstaltungszentrum der VHS Großfeldsiedlung 19:30 Uhr
  • 11.11.2017 FMZ der VHS Margareten um 19:30 Uhr
  • 17.11.2017 VHS Favoriten um 19:30 Uhr