Als der Tod zum Alltag wurde – 27 Jahre nach der Belagerung...

AUFARBEITUNG

Als der Tod zum Alltag wurde – 27 Jahre nach der Belagerung von Sarajevo (VIDEO)

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Sarajevobelagerung
Vor 27 Jahren hat die Belagerung von Sarajevo begonnen. Die roten Bemalungen des Asphalts sollen an die schweren Zeiten erinnern. (Foto: zVg.)

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In der Nacht vom 4. auf den 5. April haben proserbische Kräfte den Flughafen von Sarajevo eingenommen. Damit wurde die Stadt eingekesselt. Während der Belagerung starben etwa 11.541 Menschen. 

Vor 27 Jahren begann der Krieg in Bosnien-Herzegowina. Sarajevo wurde zum Symbol für das Leiden unschuldiger Menschen. Die Hölle dauerte 1425 Tage. Damit fand die längste Belagerung einer Stadt in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Viel wurde über die Heckenschützenallee oder die improvisierten Friedhöfe in Parks und auf Sportplätzen geschrieben. 

In der Nacht auf den 5. April 1992 war durch die Einnahme des Flughafens Ilidža durch die Armee der Krieg in Sarajevo angekommen. Am ersten Tag wurden Demonstrationen für den Frieden abgehalten. Tausende Bürger Sarajevos sind auf die Straßen hinaus gegangen und haben zu Brüderlichkeit und Einheit appelliert. Als Reaktion auf die Menschenmassen wurden Schüsse in die Menge gefeuert. Die ersten Opfer waren Suada Dilberović und Olga Sučić. (KOSMO berichtete)

Beide Frauen waren auf der Stelle tot. Die Brücke an der sich die tragischen Ereignisse abgespielt haben, trägt ihren Namen. Suada studierte Medizin, Olga war zweifache Mutter. Von da an vermehrten sich die traurigen Nachrichten aus Sarajevo drastisch. Täglich waren Meldungen über Tote oder Verletzte weltweit zu hören. Zu den Aufnahmen des Krieges zählten das Markale-Massaker und das in Flammen aufgehende Rathaus.  Die Stadt ähnelte mehr einem Labyrinth aus Barrikaden, Kontrollpunkten und Panzern. Auf Sarajevo regneten täglich rund 329 Granaten herab. Der bedauerliche Rekord wurde am 22. Juli 1993 verzeichnet, mit abgefeuerten 3.777 Granaten.

In den Hügeln rund um Sarajevo waren 120 Mörser und 250 Panzer der JNA stationiert, die später in die Hände der Armee der Republika Srpska fielen. Die Bürger Sarajevos mussten ohne Nahrung, Wasser, Elektrizität und anderen Energiequellen jahrelang auskommen. Der Feind war in den Bergen der Stadt und zögerte nicht, auf Zivilisten zu schießen und schreckte nicht einmal von Kindern zurück. Die erschreckende Bilanz beläuft sich auf 11. 541 getötete Menschen, davon 1.600 Kinder. Mehr als 50.000 Personen haben Verletzungen davon getragen.

Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Krieg sind die Probleme dieselben geblieben. Das Land scheint sich im Kreis zu drehen. Verfeindete Politiker führen den Krieg mit Blockaden weiter. Die wirtschaftliche Lage und das Parteiensystem des Landes drohen zu brechen. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Von einem gemeinsamen Ziel auf politischer Ebene ist man weit entfernt. Die undemokratischen Strukturen der Parteien sind jeweils auf einen Führer ausgerichtet. Das derzeitige Herrschaftssystem kontrolliert Staat, Wirtschaft, Justiz und die Medien. Ohne unabhängige Berichterstattung können die Medien jederzeit instrumentalisiert werden.

Sarajevo steht repräsentativ für die Lage im gesamten Land. Jährlich wird an die kriegerischen Ereignisse der 90er Jahre erinnert. Doch an der katastrophalen Situation der Menschen wird kaum was geändert. Weder die EU noch die USA konnten mit ihren Diplomaten und Experten etwas bewirken. Ein Schritt, sowohl der Politiker als auch der Bevölkerung, muss in die richtige Richtung gesetzt werden. Denn ohne Aufarbeitung der Vergangenheit wird die Zukunft des Landes weiter in die Krise abrutschen.

Videos von der Belagerung findet ihr auf der zweiten Seite!

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