Dr. Verdana Ćerimagić: Eine Expertin mit bosnischen Wurzeln in der Welt der...

INTERVIEW

1980

Dr. Verdana Ćerimagić: Eine Expertin mit bosnischen Wurzeln in der Welt der TCM!

Dr. Verdana Cerimagic
"Zuerst führe ich ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten, wo ich anhand der Beobachtung des gesamten Individuums, der Zunge und des Pulses eine Diagnose festlege", so Dr. Verdana Cerimagic. (FOTO: iStockphoto/zVg.)

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist eine immer beliebtere Methode, die danach strebt, die Ursache und somit die „Wurzel“ einer Erkrankung zu behandeln, von der oft zunächst nur ein Symptom („Zweig“) erkennbar ist. Da sie dort ansetzt, wo die klassische westliche Medizin an ihre Grenzen stößt, bildet die TCM eine wirkungsvolle Ergänzung zur Schulmedizin.

Dr. Verdana Ćerimagić bietet in ihrer Wiener Praxis die Behandlung sowohl akuter als auch chronischer Erkrankungen mithilfe des gesamten Spektrums der Traditionellen Chinesischen Medizin an. Wir sprachen mit der Expertin über die häufig zu Unrecht unterschätzte Alternativmedizin …

KOSMO: Aus welchem Grund haben Sie sich im Rahmen Ihres Medizinstudiums ausgerechnet für die Traditionelle Chinesische Medizin entschieden?
Dr. Verdana Ćerimagić:
Während des Medizinstudiums hatte ich das Glück Prof. Johannes Bischko, den Pionier und den Gründer der Österreichischen Gesellschaft für Akupunktur (ÖGA), persönlich kennenzulernen. Durch ihn wurde mein Interesse für traditionelle Chinesische Medizin (TCM) geweckt. Das Bedürfnis zur Durchführung entwickelte sich aber während meiner Tätigkeit als Ärztin in einer Notfallambulanz. Ich war täglich mit sehr vielen Menschen und deren, zum Teil sehr schweren, Schicksalen konfrontiert. Die Patienten wurden schnell abgeklärt, behandelt und versorgt. Es musste alles schnell gehen. Obwohl man den meisten Patienten helfen konnte, blieb die individuelle Betreuung auf der Strecke.

Ich sehnte mich nach mehr Zeit für tiefergehende Gespräche mit den Menschen um ihre Krankheit besser verstehen zu können. Deshalb entschied ich mich nach der Geburt meines ersten Kindes meine Berufslaufbahn zu verändern und mich intensiver mit TCM zu befassen. Je mehr ich es tue, desto erfüllter fühle ich mich in meinem Beruf.

Wie lange befassen Sie sich nun schon mit dieser Materie?
Ich besitze das Akupunktur-Diplom der Österreichischen Ärztekammer seit 2010. Seitdem bemühe ich mich mein Wissen durch den Besuch zahlreicher, sowohl heimischer als auch internationaler Fortbildungen zu erweitern. Ich bin auch als Referentin bei der Österreichischen Gesellschaft für Akupunktur (ÖGA) tätig und durfte einige Male fernöstliche Länder, wie China und Japan bereisen um unterschiedliche Heilmethoden aus erster Hand kennenzulernen.

Vor Kurzem gründete ich schließlich meine eigene Praxis im ersten Wiener Gemeindebezirk. Dort biete ich sowohl westliche als auch fernöstliche Medizin an.

Welche Methoden der TCM bieten Sie in Ihrer Praxis konkret an?
Zuerst führe ich ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten, im Zuge dessen ich anhand der Beobachtung des gesamten Individuums, der Zunge und des Pulses eine Diagnose festlege. Je nach Schwere und Art der Erkrankung, überlege ich welche Heilmethode am besten geeignet ist – Akupunktur oder chinesische Kräutertherapie (Phytotherapie) bzw. eine Kombination aus beiden.

„Vor Kurzem gründete ich schließlich meine eigene Praxis im ersten Wiener Gemeindebezirk.
Dort biete ich sowohl westliche als auch fernöstliche Medizin an.“

In Sachen Akupunktur biete ich verschiedene Formen an. Zum einen die klassische Körperakupunktur, Laser-Akupunktur, koreanische SAAM Akupunktur, aber auch die japanische Nagano Akupunktur, sowie Ohr- und Schädel Akupunktur. Ein wichtiger Bestandteil der Behandlung ist zudem eine Ernährungsberatung, die natürlich nicht fehlen darf. All diese Methoden aktivieren die Selbstheilungskräfte des Körpers und tragen zur raschen Verbesserung der Beschwerden bei.

Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile der traditionellen im Vergleich zur westlichen Medizin?
Wir im Westen arbeiten analytisch. Wir wollen alles ganz genau wissen. Daher zerlegen wir die Welt in Atome, Atome in Elektronen usw. Wir isolieren die Krankheit vom Patienten und können aus dem Namen der Krankheit die Therapie ableiten. Dabei behandeln wir aber nicht das Individuum – nämlich den Menschen – mit dieser Krankheit.

Die TCM hingegen arbeitet empirisch. Das heißt sie ist auf die Beobachtung der Phänomene (Gesichtsfarbe, Hauttemperatur, Umwelteinflüsse, Emotionen usw..) angewiesen und kümmert sich nicht darum, was „eigentlich“ dahinter steckt. Damals vor 2.500 Jahren gab es weder Röntgen noch Endoskopien und schon gar keine Mikrobiologie. Daher wurde der Mensch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Ich finde es so faszinierend, dass die Regeln, die damals festgelegt wurden, bis heute gültig sind, während die Behandlungsrichtlinien in der Schulmedizin alle paar Jahre neu bestimmt werden.

Der Trend geht merklich in die Richtung der alternativen Medizin. Worauf ist diese Entwicklung Ihrer Meinung nach zurückzuführen?
Als erstens möchte ich betonen, dass ich TCM nicht als Alternative zur westlichen Medizin sehe. Sie ist, aus meiner Sicht, als komplementäre Medizin zu betrachten. Dies bedeutet, dass sie ergänzend zur westlichen Medizin zum Tragen kommen sollte. Dazu ein kleines Beispiel: Ein Patient sucht meine Praxis auf, der an Morbus Crohn (chronische Darmentzündung) leidet und medikamentös behandelt wird. Ich würde ihm nie raten, seine Medikamente nicht mehr einzunehmen und Kräuter oder Akupunktur als Alternative zu nehmen. Mein Ziel wäre viel mehr sein Körper mit diesen Heilmethoden zu unterstützen, um damit eventuell eine stetige Reduktion der Medikamente zu erreichen.

Außerdem möchte ich erwähnen, dass wir in einer sehr hektischen Zeit leben, in der sich Menschen nach mehr Ruhe und Entspannung sehnen. Wenn man die körperlichen Signale wie Müdigkeit oder Verdauungsbeschwerden ignoriert, stößt man in der westlichen Medizin ziemlich bald an die therapeutischen Grenzen. Möglicherweise ist das der Grund für eine Trendwende.

Dennoch sind auch viele Menschen nach wie vor skeptisch was die Wirkung der alternativen Medizin anbelangt. Häufig wird es auch mit Hokuspokus verglichen. Wie entkräften Sie die Äußerungen solcher Zweifler?
Die Wirkung von Akupunktur wurde in zahlreichen internationalen Studien untersucht. Es gibt mittlerweile viele Nachweise, dass das Nadeln bestimmter Akupunkturpunkte eine spezielle Wirkungen entfaltet, so zum Beispiel die Verminderung von Schmerzen, Linderung von Übelkeit oder Förderung der Wehentätigkeit. Auch dass Akupunktur bei chronischen Schmerzen im Bewegungsapparat oder bei Migräne wirksam ist, haben Studien belegt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Liste von rund 100 Krankheiten veröffentlicht, die sich für eine Akupunkturbehandlung eignen.

„Wir leben in einer sehr hektischen Zeit, in der sich Menschen nach mehr Ruhe und Entspannung sehnen“

Was denken Sie – aus welchem Grund stehen die traditionelle und die westliche Medizin in solch einem Konflikt zueinander?
TCM ist weder besser noch schlechter als die moderne westliche Medizin. Der größte Unterschied besteht darin, dass sich Letztere an Befunden orientiert und die Krankheit mehr oder minder isoliert vom Patienten betrachtet. Bei der TCM hingegen steht das Individuum mit seinen aktuellen Beschwerden im Mittelpunkt. Durch diese unterschiedlichen Sichtweisen auf den menschlichen Körper sehe ich hier weniger ein Konfliktpotenzial, sondern mehr eine wechselseitige Unterstützung.

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