Start AKTUELLE AUSGABE “Ich dachte, ich würde nicht lebend aus seinem Würgegriff entkommen”
REPORTAGE

“Ich dachte, ich würde nicht lebend aus seinem Würgegriff entkommen”

COVID-19: Verbreitung der häuslichen Gewalt? (FOTO: iStock)

Aufgrund der Corona-Pandemie sind viele Bereiche des alltäglichen Lebens sehr großen Veränderungen unterworfen – die Bewegungsfreiheit wurde eingeschränkt, soziale Kontakte drastisch verringert und viele Menschen haben ihren Job verloren, weshalb Ängste, Unzufriedenheit und sogar Wut über die derzeitige Situation zunimmt. Nimmt die häusliche Gewalt unter der großen Spannung dieser negativen Emotionen zusätzlich zu?

In der Zeit der Corona-Krise ist China (als Ausbruchsort der Pandemie bzw. als das erste große Opfer von COVID-19) für viele Länder ein Maßstab im Kapf gegen das Virus. Was in diesem Land bereits seit Monaten stattgefunden hat, kam langsam auch nach Europa. Mit dem Coronavirus wurde nicht nur eine neue Art der Atemwegserkrankungen verbreitet, sondern auch die Gefahr der häuslicher Gewalt. China verzeichnete während der Quarantäne einen merklichen Anstieg an dieser Form der Gewalt. Um den Nachbarn zu helfen, haben deshalb viele Menschen Zettel an die schwarzen Bretter der Wohnhäuser gehängt, um vor dieser Situation zu warnen. Seit dem Beginn der Quarantäne hätten sich dreimal so viele Frauen wegen häuslicher Gewalt an entsprechende Stellen gewandt, gaben FrauenrechtsaktivistInnen des Landes bekannt.

Situation in Österreich
Durch die verhängte Ausgangsbeschränkung wächst hierzulande auch die Wahrscheinlichkeit eines Anstiegs der häuslichen Gewalt. Diesen Eindruck erwecken nicht nur Beispiele aus China, sondern auch Prognosen österreichischer Gewaltschutzzentren und ein Maßnahmenplan von Frauenministerin Susanne Raab. Um dem potentiellen Anstieg der häuslichen Gewalt vorzubeugen und den betroffenen Frauen zu helfen, ergriff die österreichische Regierung konkrete Maßnahmen: eine Ausweitung des Hilfs- und Unterstützungsangebotes und eine Informationsoffensive. Unter anderem wurden die Kapazitäten bei der Frauenhelpline 0800 222 555 erhöht. „Uns ist es wichtig, dass Frauen schon bei den ersten Anzeichen von häuslicher Gewalt, egal ob physisch oder psychisch, Hilfe in Anspruch nehmen. Das kann telefonisch unter der Nummer 0800 222 555 sein, bei der rund um die Uhr Expertinnen erreichbar sind. Dieses Angebot ist mehrsprachig, um auch Frauen zu erreichen, die nicht gut genug Deutsch können. Wir haben aber auch die Online-Beratung unter www.haltdergewalt.at ausgebaut, die nun täglich von 15 bis 22 Uhr zur Verfügung steht. Alle Informationen zu Hilfseinrichtungen in ganz Österreich sind online auf der Seite des Bundeskanzleramts www.bka.gv.at verfügbar. Zusätzlich werden in Kürze Info-Folder in vielen Supermärkten und Drogeriemärkten aufliegen“, sagte Frauenministerin Raab in einem Interview für KOSMO.

Seit der verstärkten Bewerbung der Frauenhelpline sei einen Anstieg der Anrufe bzgl. der häuslichen Gewalt sehr spürbar. „Die Anfragen durch betroffene Frauen nehmen zu und vor allem der Bedarf an telefonischen Beratungen. Bei der Frauenhelpline mit der Nummer 0800 222 555 spüren wir einen Anstieg der Anrufe zu 50% mehr seitdem die Ministerin die Kampagne gestartet hat. Bei der Hälfte dieser Anrufe, also bei 25% geht es tatsächlich um häusliche Gewalt. Viele Frauen sind sehr verunsichert wegen der Corona-Krise, da sie nicht wissen, wie sie zu einem Frauenhaus kommen, wenn ihre Männer ständig zu Hause sind, wie sie flüchten können, wie die Polizei agiert, ob es zurzeit Gerichtsverhandlungen gibt, wo sie hingehen können, wenn alles geschlossen ist etc.“, erklärt Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser und Leiterin der Frauenhelpline. Laut bisherigen Beobachtungen gibt es im Durchschnitt 33 Anrufe pro Tag und vor der Krise waren es 21 bis 22. Neben den telefonischen Beratungen steht Frauen auch eine Möglichkeit der Online-Beratung, Montag bis Sonntag von 17 bis 22 Uhr, zur Verfügung: „Das ist besonders für Frauen geeignet, die vielleicht nicht telefonieren können und hier können sie einfach lautlos tippen“, so Rösslhumer.

Auch wenn es zu einem Anstieg der Anrufe und des Bedarfs an Beratungen und Unterstützungen bei der Frauenhelpline gekommen ist, so ist ein Anstieg in den Frauenhäusern selbst nicht zu verzeichnen: „Bisher gibt es keinen Anstieg an Notrufen oder Aufnahmen in den Wiener Frauenhäusern. Und auch in den meisten Bundesländern ist kein Anstieg sichtbar. Aber was nicht ist, kann noch kommen. Und natürlich erkundigen sich Frauen, was sie derzeit erwarten würde, wenn sie von zu Hause weg müssen. Fakt ist, die Frauenhäuser und Beratungsstellen stehen weiterhin zur Verfügung. Es gibt Hilfe bei Gewalt“, erklärt Andrea Brem, Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser und Vorsitzende des Vereins ZÖF – Zusammenschluss Österreichischer Frauenhäuser.

Die Corona-Krise stellt für Frauen nicht nur eine Gefahr der zunehmenden häuslichen Gewalt dar, sondern ruft auch die Frage hervor, ob es überhaupt genug Plätze in den österreichischen Frauenhäusern in Zeiten wie diesen gibt. Sowohl die Autonomen österreichischen Frauenhäuser, als auch die Frauenhäuser des Vereins ZÖF – Zusammenschluss Österreichischer Frauenhäuser haben rechtzeitig reagiert, damit jede betroffene Frau einen sicheren Platz und ausreichend Unterstützung bekommt. „Wir sind für den Notfall gut vorbereitet! Die Stadt Wien hat hier sehr rasch reagiert und es wird Ersatzquartiere geben, in denen sowohl die Betreuung als auch die Sicherheit von gefährdeten Frauen gewährleistet bleiben. Wir befinden uns natürlich in einer Krisensituation, da ist klar, dass alles auch ein wenig reduzierter abläuft, aber Frauen finden bei uns weiterhin die Unterstützung, die sie brauchen“, sagt Brem und betont: „Aber ich möchte festhalten, dass wir in den Wiener Frauenhäuser in Wien – und ich weiß, das ist auch in anderen Bundesländern so – in den letzten Wochen keineswegs vermehrte Anfragen gehabt haben. Wir haben also derzeit in unseren vier Frauenhäusern ausreichend Platz.“

Wichtige Telefonnummer und Links:
Wiener Frauenhäuser
Beratungsstelle für Frauen: 01/512 38 39
Frauenhaus Notruf: 05 77 22 (rund um die Uhr)

ZÖF – Zusammenschluss Österreichischer Frauenhäuser
www.frauenhaeuser-zoef.at

0800 222 555 (rund um die Uhr)
Beratungen auf BKS:
Dienstags von 14 bis 19 Uhr
Online-Beratung: www.haltdergewalt.at
Informationen auf BKS

Polizei: 133
Euronotruf: 122

Migratinnen mehr betroffen als Österreicherinnen?
„Jein. Migrantinnen sind nicht mehr von häuslicher Gewalt betroffen als Österreicherinnen aber das Problem ist, das sie weniger über Österreich bzw. das österreichische Unterstützungs-Rechtssystem wissen. Außerdem haben sie wenig Vertrauen in die Polizei. Auch die Sprachkenntnisse stellen hier eine große Hürde für sie dar. Sie wissen nicht, ob sie ernst genommen werden und wo sie eine Dolmetscherin bekommen können usw. Viele Ängste sind damit verbunden und das verstärkt natürlich die Gewalt – je länger die Frauen in einer Gewaltbeziehung leben müssen, desto stärker wird die Gewalt.“, erklärt Rösslhumer. Dieses Fakt bestätigt auch Brem: „Mangelnde Sprachkompetenz wird von Gewalttätern außerdem häufig ausgenutzt, indem sie den Frauen Informationen vorenthalten oder auch bewusst falsch informieren. Immer wieder sind Frauen, wenn sie zu uns kommen, überrascht, welche Möglichkeiten sie haben, um aus der Gewaltbeziehung zu entkommen.“

Rösslhumer: „Je länger die Frauen in einer Gewaltbeziehung leben müssen, desto stärker wird die Gewalt.“

Mangelnde Sprachkenntnisse und Uninformiertheit über die eigenen Rechte führt zu Isolation der Frau, die die ganze gewalttätige Situation zusätzlich verschlimmert. „Täter wissen ganz genau, dass die Frau keine Informationen über ihre Rechte bekommt und verunsichert ist. Manche Männer verhindern sogar, dass ihre Frauen Deutsch lernen, weil je mehr sie isoliert sind, desto mehr Macht haben sie über sie. Deshalb bieten wir auch telefonische und Online-Beratungen in verschiedenen Sprachen wie z. B. Arabisch, Farsi, Dari, Türkisch, Bulgarisch, Russisch, BKS, Rumänisch, Ungarisch etc. Bei der Frauenhelpline haben wir auch viele Sprachen“, so Rösslhumer.
Neben der Frauenhelpline haben die Frauen auch die Möglichkeit, Beratungen und Informationen in ihrer Muttersprache bei anderen Frauenhausnotrufen und vor allem direkt bei den Frauenhäusern zu erhalten. Im Verein Wiener Frauenhäuser gibt es sowohl Mitarbeiterinnen mit verschiedensten Sprachkenntnissen als auch die Möglichkeit eines Videodolmetschens. Außerdem sind Dolmetscherinnen bei allen Notrufen verfügbar.

„Frauen mit Migrationshintergrund flüchten häufiger in ein Frauenhaus, weil sie kein Netz von Familien oder Freunden haben, das ihnen helfen könnte – und oft sind diese Frauen in ihrem Aufenthaltstitel auch abhängig vom gewalttätigen Mann“, so Andrea Brem vom Zusammenschluss Österreichischer Franuenhäuser. Nicht nur die Abhängigkeit vom Aufenthaltstitel ihrer Männer, sondern auch die finanzielle Abhängigkeit machen die Situation für betroffene Frauen schwieriger. Dabei geht aber nicht ausdrücklich um Angehörigkeit einer sozialen Schicht: „Die soziale Schicht spielt, unserer Erfahrung, nach keine Rolle, wir haben ebenso Anfragen von betroffenen Frauen mit Universitätsabschluss. In höheren sozialen Schichten kann der Druck, den Schein nach außen zu wahren, sogar höher sein, da Status und berufliche Position nicht gefährdet werden sollen. Was ganz klar eine Rolle spielt, ist ökonomische Abhängigkeit. Diese erschwert es betroffenen Frauen sehr, sich aus einer Gewaltbeziehung zu befreien“, resümiert Brem.

„Quarantäne ist kein rechtsfreier Raum“
Die eingeführte Ausgangsbeschränkung macht die Situation für betroffene Frauen sehr schwierig. Sie können sich kaum an jemanden wenden oder zu ihren Bekannten oder Verwandten flüchten. In dieser Zeit ist es noch wichtiger zu betonen, dass alle zuständige Institutionen teilweise sogar zu ausgeweiteten Öffnungszeiten für Frauen erreichbar sind. Auch die Polizei und die Frauenhausnotrufe stehen rund um die Uhr zur Verfügung. „Hier möchte ich eine Sache betonen: Quarantäne ist kein rechtsfreier Raum. Und: Die polizeiliche Ermittlungstätigkeit und die strafrechtliche Verfolgung sind selbstverständlich auch in Zeiten von Corona zu 100 Prozent abgesichert. Auch bei Verdachtsfällen können Wegweisungen vollzogen werden – dafür gibt es ganz klare gesetzliche Regelungen, die auch weiterhin umgesetzt werden. Wir gehen mit voller Härte gegen jene vor, die die Sicherheit von Frauen und Kindern gefährden“, sagte Ministerin Raab gegenüber KOSMO.

Brem: „Sowohl die Gewaltschutzzentren als auch die Frauenhäuser bieten weiterhin ihre Unterstützungsleistungen an. In den Frauenhäusern stehen österreichweit weiterhin genügend Plätze zur Verfügung“

„Wichtig ist es jetzt zu vermitteln, dass das Gewaltschutzsystem auch in Krisenzeiten funktioniert. Sowohl die Gewaltschutzzentren als auch die Frauenhäuser bieten weiterhin ihre Unterstützungsleistungen an. In den Frauenhäusern stehen österreichweit weiterhin genügend Plätze zur Verfügung“, sagten Marina Sorgo, Bundesverbandsvorsitzende der Gewaltschutzzentren Österreichs und Michaela Gosch, Stv. Vorsitzende ZÖF – Zusammenschluss Österreichischer Frauenhäuser im Rahmen einer Pressekonferenz.

Doch, bevor es so weit kommt, appellieren ExperInnen, die Informationen und Ratschläge zur Entlastung von emotionalen Spannungen auf den offiziellen Seiten der zuständigen Institutionen einzuholen. So kann man auf der Webseite des Projektes „Sicher zu Hause“ www.bmi.gv.at/sicherzuhause Ratschläge, wie man mit der außergewöhnlichen Situation umgehen kann, wo und wie man im Bedarfsfall für sich oder seine Nahestehende rasche und professionelle Unterstützung bekommt, sowie die rechtlichen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen finden. Diese Hilfe soll sowohl die Betroffenen, als auch Nachbar, Verwandte oder Bekannte nützen, die Merkmale einer häuslichen Gewalt bei jemandem bemerken. „Gewalt ist keine Privatsache und die Krisensituation im Land ist kein Alibi für das Wegschauen“, betonte Sicherheitssprecher Karl Mahrer auf einer Pressekonferenz.

StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt ist eine Initiative, bzw. ein Gewaltpräventionsprojekt des Vereins AÖF , das offiziell mit 1.1.2020 im 5. Wiener Gemeindebezirk Margareten gestartet wurde: Bei StoP handelt es sich um ein Gemeinwesen-orientiertes Nachbarschaftsprojekt zur Verhinderung von Partnergewalt: www.stop-partnergewalt.at. Nachbarn und Nachbarinnen werden dabei ermutigt und gestärkt, Zivilcourage bei häuslicher Gewalt auszuüben.

In einer Krisensituation steigt das Risiko, die Kontrolle zu verlieren und gewalttätig zu werden. Das bezieht sich vor allem auf Männer. Aus diesem Grund hat die Männerberatungsstelle, die 1984. gegründet wurde und seitdem Männer in unterschiedlichsten Lebenssituationen begleitet, ein Sonderangebot in mehreren Sprachen während der Corona-Krise bereitgestellt: www.maenner.at.

Survival-Kit für Männer unter Druck auf BKS.

Für Gefährder und potentielle Gefährder ist auch die Webseite der Organisation NEUSTART besonders wichtig: www.neustart.at.

Bis Corona sie scheidet
Die Familie ist auf kleinem Raum zusammengesperrt und alle sind aufeinander angewiesen, aber die Wünsche und Bedürfnisse stimmen nur begrenzt überein. Und was passiert dann? Nervosität kommt auf, die Decke fällt uns auf den Kopf, aber man kann nichts dagegen tun. An wem also lassen wir unsere Frustration über die Gefangenschaft zu Hause, über das Coronavirus und alles, was uns passiert ist, aus?! Natürlich, an unseren Nächsten, die im Guten und im Bösen an uns gebunden sind, solange uns Corona nicht trennt. Ja, ihr habt richtig gelesen: Solange uns Corona nicht trennt, denn in einigen Menschen entwickeln sich Aggression und die Opfer sind meistens Frauen. Wie das in der Realität aussieht, habe zwei Damen KOSMO im Vertrauen verraten.

Die Leidensgeschichten zweier Frauen findet ihr auf der nächsten Seite…