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KOLUMNE

Isolation: Unser bester Freund oder größter Feind?

Hazim Hadžić: Isolation: unser bester Freund größter Feind (FOTO: iStock, Arnela Tubić)

Der Autor, Kolumnist, Szenarist und Student, Hazim Hadžić schreibt für KOSMO über die Konfrontation mit dem eigenen Ich  während der Isolation.

Mitten in der Nacht, wenn alle normalen Menschen schlafen, starre ich die Decke an und warte auf den Schlaf, aber der stellt sich nicht ein. Ich zähle meine Atemzüge, lasse meine Gedanken schweifen, suche Antworten, beginne an Gott zu zweifeln.

Am Höhepunkt all meiner Probleme höre ich Schritte. Ein komisches Geräusch aus dem anderen Zimmer und ich erstarre. „Oh, das ist jetzt eine echte Gefahr. Jetzt will dich wer ermorden“, sagt irgendetwas in mir. Soll ich aus dem Bett springen und mich dem stellen, was mich in der Finsternis erwartet, oder mich im Bett verkriechen und über die Gefahr nachgrübeln?

Ich stehe doch auf, die Neugier ist stärker. Ich schalte das Licht ein, atme langsam, schleiche, als ginge ich über Eis. Aber nichts. Nur Stille. „Ist da jemand?“, höre ich mich sagen, als wäre ich die Hauptfigur in einem Horrorfilm. Wohnzimmer – leer. Flur – niemand. In der ganzen Wohnung – nur ich. Vielleicht habe ich mir das alles nur eingebildet. Aber es klang so echt!

Ein wenig enttäuscht, aber beunruhigt kehre ich ins Bett zurück und mir wird klar, dass ich jetzt erst recht nicht einschlafen werde. Aber innerhalb einer Millisekunde, fast wäre er mir entschlüpft, sehe ich den Feind, den ich gesucht habe. Nur ganz kurz zeigt er sich, gerade lang genug, dass ich ihn erkennen kann. Ich kenne ihn schon länger, würde ich sagen. Eigentlich schon seit vielen Jahren. Und er ist genauso erschrocken wie ich.

Sein Abbild habe ich gesehen, im Spiegel, im Halbdunkel des vertrauten Zimmers. Ich gehe auf ihn zu und frage ihn: „Warum hältst du mich wach? Warum erschreckst du mich?“ Und dann begreife ich: Er wollte, dass ich ihn finde. Er wollte gefunden werden! Ich gehe ihm entgegen und begrüße ihn.

Danke, mein Freund, dass du mir gezeigt hast, wer mein größter Feind ist. Und du hast ja auch dein Gutes. Das Gute an dir ist, dass du dir doch selber helfen willst, egal in welcher Tinte du steckst.

Diese Isolation hat komische Dinge in uns geweckt, aber auch die Tatsache, dass wir selber, und niemand anders, also ausschließlich wir für unser Leben verantwortlich sind. Wir sind uns selber gleichzeitig Freund und Feind. Wir wählen selbst, welchen von beiden wir in uns bewahren wollen!