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INTERVIEW

Österreichs Verteidigungsministerium setzt auf Menschlichkeit

Fotos: Coryproduction

Im Zeitalter von KI, Drohnen und Cyberangriffen erlebt Österreichs Bundesheer einen Wandel. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner spricht im Interview mit Kosmo über Digitalisierung, hybride Bedrohungen und ihren Optimismus für die Zukunft.

KOSMO: Frau Mag.a Tanner, Digitalisierung ist schon lange in aller Munde. Wie verändert sie die Arbeit im Verteidigungsministerium?
Klaudia Tanner: Niemand kommt an der Digitalisierung vorbei. Sie ist einerseits ein enormer Treiber für Effizienz und Innovation, andererseits ein Sicherheitsrisiko. Digitalisierung hat zwei Seiten: Sie eröffnet Chancen – etwa in der Verwaltung – und birgt zugleich Gefahren wie Desinformation, Fake News oder Cyberangriffe. Besonders im Verteidigungsbereich ist wichtig, dass klar bleibt, wer Entscheidungen trifft. Künstliche Intelligenz kann viel, aber Entscheidungen – vor allem im Waffeneinsatz – müssen immer Menschen treffen. Dafür haben wir eigene Wissenschaftskommissionen im Haus, die sich mit den ethischen Fragen beschäftigen.


Ein weiteres großes Thema sind Drohnen und hybride Angriffe. Wie gut ist Österreich vorbereitet?
Klaudia Tanner: Wir haben bereits 2020 begonnen, uns intensiv mit Drohnen zu beschäftigen, lange bevor diese Bedrohung so sichtbar wurde wie heute. Über 300 Aufklärungsdrohnen sollen heuer noch zulaufen, dazu kommt ein elektronisches Drohnenabwehrsystem. Mit dem Skyranger haben wir als erstes Land Europas ein modernes Luftverteidigungssystem bestellt, das 2027 geliefert wird. Parallel investieren wir im Rahmen des European Sky Shield in weitere Verteidigungsfähigkeiten. Bis dahin müssen wir mit den vorhandenen Mitteln arbeiten und auf unsere hervorragend ausgebildeten Offiziere vertrauen. Derzeit steigen unsere Eurofighter etwa 50 bis 60 Mal im Jahr auf, um Luftraumverletzungen abzufangen. Meist harmlos, aber jedes Mal sind es bange Minuten.

“Bei der Sicherheit darf es keine Kompromisse geben – sie ist die Grundlage unseres Friedens.”
Fotos: Coryproduction

Trotz dieser Herausforderungen scheint das Budget zu wachsen. Wie sieht die finanzielle Lage konkret aus?
Klaudia Tanner: Seit meinem Amtsantritt 2020 hat sich das Budget des Bundesheers verdoppelt. Trotzdem müssen auch wir sparen – heuer 70 Millionen Euro, nächstes Jahr 93 Millionen. Wir sparen jedoch nicht bei der Truppe, sondern im Verwaltungsbereich. Gleichzeitig steigt das Gesamtbudget 2026 erstmals auf über fünf Milliarden Euro. Damit finanzieren wir Modernisierungen in den Kasernen, neue Panzer, Hubschrauber und moderne Ausrüstung. Bis 2027 sollen unter anderem 225 Mannschaftstransporter, 48 neue Hubschrauber und eine modernisierte persönliche Ausstattung zur Verfügung stehen. Bei der Sicherheit darf es keine Kompromisse geben.

“Mein Ziel ist ein sicheres Österreich – heute und für kommende Generationen.”

Österreich ist militärisch neutral, aber Teil europäischer Kooperationen. Wie gelingt dieser Spagat?
Klaudia Tanner: Neutralität ist unverrückbar – sie steht in der Verfassung und funktioniert seit 70 Jahren. Gleichzeitig ist Kooperation wichtig, etwa bei EUFOR Althea in Bosnien oder KFOR im Kosovo. Wir sind neutral, aber solidarisch: Über 1.200 österreichische Soldatinnen und Soldaten sind weltweit im Einsatz. Eine dauerhafte Stationierung fremder Truppen oder ein NATO-Beitritt kommen für uns nicht infrage. Dennoch müssen wir im Rahmen der EU und internationaler Partnerschaften aktiv bleiben, vor allem am Westbalkan, wo Stabilität auch unsere Sicherheit bedeutet.

Sie betonen immer wieder den Stellenwert des Heeresgeschichtlichen Museums. Warum ist es Ihnen so wichtig?
Klaudia Tanner: Das Heeresgeschichtliche Museum ist unser wichtigstes Museum – ein echtes Juwel. Es bewahrt nicht nur Geschichte auf höchstem Niveau, sondern bietet auch Raum für Diskussion und geistige Landesverteidigung. Das Museum befindet sich in einer positiven Phase der Transformation, mit steigenden Besucherzahlen und einer stärkeren Öffnung für gesellschaftliche Themen.

“Mein Ziel ist ein sicheres Österreich – heute und für kommende Generationen.”
Fotos: Coryproduction

Ein großes Thema bleibt der Personalmangel. Wie wollen Sie mehr junge Menschen für das Bundesheer gewinnen?
Klaudia Tanner: Das ist ein Marathon, kein Sprint. Wir haben neue Karrierewege, Prämien und flexiblere Modelle geschaffen. Das Programm „Mein Dienst für Österreich“ etwa ermöglicht nach dem Grundwehrdienst eine dreimonatige Verlängerung im sicherheitspolizeilichen Assistenzeinsatz – gut bezahlt mit rund 3.000 Euro netto. Der freiwillige Grundwehrdienst für Frauen hat die Zahl der Soldatinnen seit 2020 verdoppelt. Unsere Aufgabe ist es, junge Menschen nicht nur auszubilden, sondern auch zu begeistern, zu bleiben.


Was wünschen Sie sich persönlich für Österreichs Zukunft?
Klaudia Tanner: Mein Wunsch ist, dass wir weiterhin in Frieden, Freiheit und Sicherheit leben und dass das auch für kommende Generationen gilt. Digitalisierung, KI und neue Technologien verändern vieles, aber ich bin überzeugt: Die Chancen stehen gut. Wir investieren in unser Heer, um den Frieden zu sichern – mit Optimismus und Verantwortung.

Autorin: Marianne Pušić