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REPORTAGE

Rajko Smiljić: „Sie haben meinen kranken Sohn abgeschoben”

„Sie haben meinen kranken Sohn abgeschoben” (FOTO: iStock, zVg.)

Aleksandar ist ein junger Mann, der in Österreich geboren und aufgewachsen ist, dann aber drogenabhängig wurde. Statt in dem Land behandelt zu werden, das er als seine Heimat betrachtet, wurde er in das Herkunftsland seiner Eltern abgeschoben.

Aleksandar Smiljić (26), ist in Linz geboren und aufgewachsen. Bis zu seinem 17. Lebensjahr war sein Verhalten unauffällig. Dann traten erste Probleme mit Drogensucht auf. Er probierte verschiedene Substanzen aus, die als leichte Drogen gelten. Mit dem nächsten Schritt stürzte er in einen Abgrund der Heroinabhängigkeit. Aleksander kann uns seine Geschichte leider nicht selber erzählen, darum übernehmen das seine Eltern. Es war schwer für Danica und Rajko Smiljić, ihr Herz zu öffnen und mit einer Zeitschrift zu sprechen, aber das Leid drängte sie dennoch dazu. Denn sie leiden sehr und sehen keine Lösung.

KOSMO: Wann und wie sind Sie nach Österreich gekommen?
Rajko Smiljić: Ich bin 1992 nach Linz gekommen, weil meine Eltern hier lebten, und kurz darauf habe ich schon meine Frau Danica kennengelernt, die ein Jahr vor mir ebenfalls aus Bosnien-Herzegowina gekommen war. Wir wussten damals schon, dass wir hier bleiben, hart arbeiten und unsere Pension verdienen wollten. Wir haben unser Leben in Österreich nicht eine Sekunde lang als vorübergehend empfunden. Im Gegenteil, dieses Land war von Anfang an der Lebensmittelpunkt unserer Familie. Unsere beiden Kinder, ein Sohn (26) und eine Tochter (24), sind in Österreich geboren und hier aufgewachsen. Sie empfinden Österreich als ihre Heimat. Die ganze Familie und alle unsere Freunde leben in Linz und wir haben uns ganz nach dem Leben in diesem Land orientiert.

„Unsere beiden Kinder sind in Österreich geboren und hier aufgewachsen.”

Rajko Smiljić

Es überrascht uns, dass Sie nicht die österreichische Staatsbürgerschaft beantragt haben…
Ich betone, dass meine Frau und ich nie beim AMS waren, wir haben nie auf Staatskosten gelebt. Ich bin LKW-Fahrer und Danica arbeitet in der Gastronomie, aber damals, als wir für die ganze Familie den Antrag auf die Staatsbürgerschaft stellen wollten, war das für uns zu teuer. Später, als es finanziell leichter wurde, haben wir an die Staatsbürgerschaft gar nicht mehr gedacht, denn wir hatten unbefristete Aufenthaltstitel und haben geglaubt, dass uns in einem demokratischen Land wie Österreich genügend Rechte und Sicherheit zur Verfügung stehen.

Wann sind in Ihrer Familie die ersten Probleme aufgetreten?
Die Kinder sind älter geworden und in die Schule gekommen, von unserem Lohn konnten wir gut leben und echte Probleme kannten wir gar nicht, bevor unser Sohn Aleksandar auf die schiefe Bahn geriet. Er hat sich mit den falschen Freunden eingelassen. Diese Freunde waren Österreicher, denn er war kaum mit Kindern unserer Herkunft zusammen. Damals war er 17. Als wir an ihm Veränderungen bemerkten, versuchten wir, ihn aus diesen Kreisen herauszuholen, wir haben mit ihm geredet, ihn gebeten, aber alles war vergebens. Und wir konnten ihn ja nur bitten, denn hier ist es schon verboten, ein Kind anzuschreien, geschweige denn, mit Strafen zu drohen. Alles, was über eine Bitte hinausgeht, wird als familiäre Gewalt gewertet, das wussten wir längst aufgrund von Erfahrungen einiger Bekannter. Es gab Perioden, in denen er für einige Wochen normal war und wir dachten, wir hätten es geschafft, an sein Gewissen zu appellieren. Leider reichte es aber, dass er seine Freunde nur einmal wiedertraf und alles ging von vorne los.

Wann ist Aleksandar mit dem Gesetz in Konflikt geraten?
In den Phasen der Abhängigkeit ist er sehr erregbar gewesen und mit seinen Freunden in Streit geraten, einige hat er auch bedroht. Es reichte, dass er jemandem sagte, dass er ihn umbringen würde, und schon kam die Polizei. Manchmal hat er auch mit ihnen gerauft, aber all das ist nur dann passiert, wenn er unter Drogeneinfluss stand. Unter Heroin konnte er sein Verhalten nicht kontrollieren. Wir haben professionelle Hilfe gesucht, sind zum Arzt gegangen, aber ohne sein Einverständnis konnten wir nichts tun. Das ist einfach das Gesetz.

Rajko (links): „Die Ärzte haben mehrfach bei Gericht beantragt, dass er in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht und einer Therapie unterzogen würde. Leider hat das Gericht dem nicht stattgegeben.” (FOTO: zVg.)

Seine Explosivität hat ihn auch ins Gefängnis gebracht, stimmt das?
Aleksandar ist insgesamt zwölfmal vor Gericht gestanden. Er hat bedingte Strafen bekommen, die aufgrund seiner Dummheiten in Haftstrafen umgewandelt wurden. Zuerst waren das sechs Monate und dann wurden es jedes Mal mehr. Insgesamt hat er viereinhalb Jahre im Gefängnis verbracht. Ich betone, dass er niemals in ein Geschäft eingebrochen ist und niemanden einfach so angegriffen, beraubt oder schwer verletzt hat. All seine Vergehen hatten mit dem Milieu von Süchtigen zu tun, wie er selbst einer war. Als er ins Gefängnis kam, haben die Ärzte mehrfach bei Gericht beantragt, dass er in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht und einer Therapie unterzogen würde. Leider hat das Gericht dem nicht stattgegeben. Mein Sohn hat im Gefängnis Drogen bekommen. Ich weiß nicht, über welche Kanäle. Hätte man ihm die Behandlung im Krankenhaus gestattet, wäre er heute vielleicht ein gesunder junger Mann.

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