Unzensiert: Box-Champion Gogi Knežević packt aus!

INTERVIEW

Unzensiert: Box-Champion Gogi Knežević packt aus!

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FOTO: Radule Bozinovic

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Der Wiener Box-Champ Gogi Knežević (37) verrät uns im exklusiven Interview, warum er gegen Marcos Nader doch nicht boxen wird. Ebenso spricht er mit uns offen über brisante Themen wie seine Zeit im Gefängnis und seine Zeiten als „Bua“ von Rotlicht-König Harald H. Dabei zieht er gleichzeitig Bilanz über sein Leben und seine sportliche Karriere, die dieses Jahr mit dem Erobern des weltweit angesehenen WBC-Titels ihren großen Höhepunkt erreicht hat. 

KOSMO: Ende letzten Jahres ist der geplante „Kampf  um die Wiener Ehre“ zwischen Dir und Nader geplatzt. Wieso hast Du dich gegen den Kampf entschlossen?
Knežević:
Ich habe zwar mündlich zugesagt, habe aber keinen Vetrag unterschieben und habe in der Zwischenzeit ein besseres Angebot bekommen. Ohne Verträge gibt es im professionellen Boxsport keine Kämpfe. Der Kampf mit Nader, der ja mittlerweile von allen relevanten Box-Ranglisten verschwunden ist und der auf der WBC-Liste überhaupt nicht vertreten ist, kann sich leider mit den Angeboten aus Amerika und Deutschland nicht messen. Seit kurzem bin ich bei Olaf Schröder in Deutschland unter Vertrag und ich habe mir mit Steven Küchler einen Top-Trainer in mein Team geholt. Neben solchen Kampfangeboten, wäre der Kampf mit Nader für mich ein kompletter Irrsinn.Mit dem Gewinn des WBC-Titels habe ich schon längst bewiesen, wer die Nummer 1 in Wien ist. Ich mag auch gar nicht mehr über Marcos Nader reden – es ist das letzte Mal, dass ich überhaupt etwas zu dem Thema sage. Mit 37 Jahren, als WBC-Titelhalter, und nach so viel Zeit im Profiboxen kann ich nicht irgendwelche Kämpfe um die Ehre machen. Marcos Nader kann das gerne machen, aber ich bin ein Price-Fighter. So ist das Business und das müssen die Leute in Wien auch begreifen.

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Einen Kampf dieser Rangordnung gab es in Wien noch nie! Keine Geringeren als Marcos Nader und Gogi Knezević – Wiens Box-Helden – werden in Kürze gemeinsam in den Ring steigen und um Gogis WBC-Gürtel kämpfen.

 

 

Du hast mit 37 Jahren deiner Karriere mit dem WBC-Europameistertitel eine Krone aufgesetzt. Hast du noch Ziele oder gehst du bald in Pension? 
Ich fühle mich außerordentlich gut, sowohl mental, psychisch als auch physisch. Die Gesundheit-Checks haben gezeigt, dass ich die gleichen Werte habe wie Anfang Zwanzig. Obwohl ich mir persönlich alle Träume – und mehr als das – im Boxen verwirklicht habe, träume ich auch von einem WBC-Weltmeister-Titelkampf. Ich will zumindest den Kampf und die Chance bekommen. Mein neues Management ist sehr geschickt und ich bin positiv gestimmt, dass das klappen wird. Davor kommen aber noch einige Kämpfe in Deutschland und Amerika.

Früher hast Du dir manchmal Kritiken sehr zu Herzen genommen. Mittlerweile scheinst du damit lockerer umzugehen.
Ganz früher war ich ein junger, emotionaler, wilder, hungriger Boxer. Den Hunger habe ich behalten, die Emotion auch, aber ich vermeide die negative Energie so gut es geht. Ich bin auch einfach mit dem Alter professioneller im Umgang mit meiner Kritikern geworden. Früher brachten mich die Neider immer wieder selbst zum Zweifeln. Sogar der angesehene Sauerland-Funktionär Jean-Marcel Nartz, der mich früher immer wieder kritisiert hat, schickte mir nach meinem WBC-Titelkampf eine SMS: „Der beste Kampf deines Lebens. Gratuliere!“. Mittlerweile weiß jeder in der Boxwelt, wo Gogi Knezevic wirklich steht. Viele können reden, aber den Titel hat man oder man hat ihn nicht.

Ohne Blatt vor dem Mund: Gogi Knezevic vertraute unserem Reporter bisher unbekannte Geheimnisse aus seiner Karriere. (FOTO: Radule Bozinovic)
Ohne Blatt vor dem Mund: Gogi Knezevic vertraute unserem Reporter bisher unbekannte Geheimnisse aus seiner Karriere. (FOTO: Radule Bozinovic)

In letzter Zeit wird auf W24 immer wieder eine 30-minütige Doku über dich und dein Leben ausgestrahlt. Wie gehst du damit um, dass nun eine Doku deine Karriere erzählt? 
Es gab mehrere Dokus zu meiner Karriere und meinen Kämpfen, aber diese ist eindeutig die Beste. Vor allem dadurch, dass sie einfach zeigt, dass ich mehr als nur ein Boxer bin und auch politisch und gesellschaftlich Engagement gezeigt habe. Und wenn ich all die Leute aus Politik, Rotlicht und aus dem Sport über mich in der Doku reden höre, bin ich schon verdammt stolz auf mich.

Stimmt es, dass dein Vater dir das Boxen in deiner Schulzeit verboten hat?
Ich war ein schlimmer Finger und raufte viel mit anderen Kindern. Als ich zehn war, verbat mir mein Vater das Boxen komplett und so begann ich Basketball zu spielen. Obwohl ich mit meinen jungen 17 Jahren dann einen Profivertrag bei den Oberwart Gönners bekam und in der Bundesliga spielte, hab ich mich immer wieder nach dem Boxsport gesehnt. Deswegen bin ich wohl auch dann mit 23, spät aber doch, wieder durchgestartet und hatte dann meine ersten Profi-Kämpfe.

Gibt es eigentlich noch einen Titel, der dir so viel bedeutet wie der WBC-Titel? 
Jeder Titel bedeutet mir was. Auch als ich damals im kleinen GBU-Verband Weltmeister wurde, hat mir das zu der Zeit sehr viel bedeutet. Aber ja, der WBC-Titel und mein erster Titel überhaupt als österreichischer Staatsmeister der Amateure liegen mir am meisten am Herzen. Da habe ich die schönsten Erinnerungen. Ich begann mit dem Profi-Boxsport mit 23 Jahren und als ich aus dem Gefängnis kam und den österreichischen Staatsmeister-Titel gewinnen konnte, war das für mich ein wichtiger Grundstein für eine bessere Zukunft.

Den ersten Titel eroberte Gogi mit 24 Jahren, als er österreichischer Staatsmeister wurde.
Den ersten Titel eroberte Gogi mit 24 Jahren, als er österreichischer Staatsmeister wurde.

Du kommst aus einer Gastarbeiter-Familie, die in Wiens Gastro-Szene sehr früh Fuß gefasst hat. Wie kam es dazu, dass du in deiner Jugend auf die schiefe Bahn geraten bist? 
Wir waren ja früher Gründer des „Lepa Brena“-Cafes am Gürtel und waren auch am Aufbau vieler Jugo-Lokale in Wien wie dem Café Ex oder Café Sarajevo beteiligt. Aber das Blatt wendete sich als mein Vater Österreich verlassen musste. Als er nach Serbien verwiesen wurde, brach für mich eine Welt zusammen. Wir hatten plötzlich nicht mehr viel und ich war gerade in dem Alter, als ich mir als Jugendlicher am liebsten alles kaufen wollte. Da begann ich als Türsteher zu arbeiten und rutschte immer mehr ins Rotlicht-Milieu rein. Als „Bua“ vom Gürtel-König Harald H. bin ich in die verschiedensten Situationen geraten. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich froh bin, dass es nur eine Körperverletzung war und dass ich nur drei Monate im Gefängnis war. Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Der Boxsport hat mich gerettet.

Wie war die Zeit im Gefängnis? 
Schrecklich. Das war ein Tiefpunkt für mich. Ich wollte so schnell wie möglich raus und zurück in den Box-Ring. Die Tatsache, dass meine Mutter und mein Bruder alleine waren und ich sie nicht beschützen konnte, hat mich schwer erschüttert.

Das war damals eine große Überraschung, dass du nach drei Monaten das Gefängnis verlassen konntest. Wie ist es dazu gekommen? 
Ich war selber überrascht, dass ich früher entlassen wurde. Aber mein Glück war, dass der Staatsanwalt ein riesengroßer Boxfan war. Er war dafür, dass man mich früher entlasst, da er über die Staatsmeisterschaft Bescheid wusste. So nach dem Motto: „Lasst`s ihn boxen gehen“. Manchmal denke ich mein Leben, so aufregend und schwierig es eine zeitlang auch war, ist auch eine Verkettung von glücklichen Zufällen. Er hat mir damit ermöglicht, dass ich mein Licht im Boxsport finde. Und ich wurde Staatsmeister.

Tattoos gehören zum Lifestyle von Gogi Knežević: Nachdem er dieses Jahr den WBC-Titel gewinnen konnte, ließ er diesen auch auf seiner Haut verewigen. (FOTO: Radule Bozinovic)
Tattoos gehören zum Lifestyle von Gogi Knežević: Nachdem er dieses Jahr den WBC-Titel gewinnen konnte, ließ er diesen auch auf seiner Haut verewigen. (FOTO: Radule Bozinovic)

Was gab es noch für glückliche Zufälle oder Anekdoten? 
Ich hatte sehr viel Glück mit meinen Sponsoren. Obwohl ich nie selber aktiv nach ihnen gesucht habe, haben sich viele Sachen einfach so ergeben durch glückliche Zufälle. Einmal habe ich mit jemandem am Telefon im Auto gestritten und war danach richtig wütend. Wie das Boxer so machen, habe ich die Windschutzscheibe eingeschlagen. Als ich zu Mercedes Wiesenthal kam, fragte der Chef, Wolfgang Weinberger, meinen Versicherungsbearbeiter: „Was ist da passiert?“. Dieser zeigte auf mich und sagte: „Unser Box-Champion hat das gemacht“. Weil Weinberger ein großer Box-Fan war, entschied er sich mich zu sponsern und 90 Wiesenthal-Mercedes-Autos wurden mit meinem Namen markiert. Ich selber durfte ein Jahr lang umsonst einen Mercedes fahren. Das war schon eine verrückte Geschichte für sich.

Gesponsert hat dich – wenn auch nur kurz – eine zeitlang auch Heinz-Christian-Strache von der FPÖ. Schon bald nach dem Deal hast du das auf das Sponsoring verzichtet. Wie kam es zu der Wende? 
Es mag blöd klingen, aber es war so: Ich war jung und brauchte das Geld. Außerdem hatte ich nicht viel Ahnung von Politik zu der Zeit und habe mich eher für das Boxen interessiert, als für die Fragen wer welche Politik macht. Nach zwei Kämpfen mit den Shorts, auf denen HC Strache stand, begriff ich, wie Straches Politik in Wirklichkeit ist. Mir wurde klar, dass das nichts mit meinen Einstellungen und mit meinem Leben zu tun hat. Ich verkehre mit allen Menschen und Nationen. Ich löste den Deal auf.

Später gelangtest du ja dann zur SPÖ, bei der du im Rahmen der „Ich bin Wien“-Kampagne im Jahr 2009 zum Aushängeschild wurdest. 
In einem gewissen Alter wurde ich mir meiner Verantwortung als wichtigster Vertreter des Boxsports in Österreichs bewusst. Deswegen begann ich mich auch politisch zu engagieren und zu argumentieren. Die „Ich bin Wien“-Kampagne, die alle Wiener vereint hat, war eine phänomenale Geschichte. Ich bin Peko Baxant und dem Bürgermeister Michael Häupl heute sehr dankbar, dass sie mich unterstützt haben. Als sich der Bürgermeister mit mir gemeinsam für die Titelseite eines Magazins ablichten ließ, schauten die Leute auf einmal ganz anders auf mich als Person, aber auch auf den Boxsport. Plötzlich war dieses schlechte Bild vom Boxen weg.

„Meine Wohnung ist heute ein richtiges Box-Museum“, sagt Gogi als er uns in seiner Wohnung zum Interview empfing. (FOTO: Radule Bozinovic)
„Meine Wohnung ist heute ein richtiges Box-Museum“, sagt Gogi als er uns in seiner Wohnung zum Interview empfing. (FOTO: Radule Bozinovic)

Was gibt dir mit 37 Jahren noch die Kraft, immer wieder und wieder in den Ring zu steigen?  
2004, als ich im Gefängnis gessesen bin, haben alle gesagt: „Er wird nicht rauskommen und wird aufgrund seines Alters kein Boxer werden. Dann, als ich Boxmeister wurde, sagten viele Leute: „Du wirst nie österreichischer Staatsmeister“. Ich bin es geworden. Dann sagten viele: „Du wirst nie vom Boxen leben können“ – auch das habe ich geschafft. Vor jedem Titelkampf zweifelte man an mir, aber auch das habe ich geschafft – ich wurde WBC Europameister, GBU-Weltmeister, WBF interkontinentaler Meister. Ich habe die Neider immer wieder vom Gegenteil überzeugen müssen. Das hat mir immer wieder Kraft gegeben. Ich bin den Neidern dafür dankbar. Ohne sie wäre ich nie so weit gekommen.

Wo siehst du Dich in zehn Jahren? 
Mein Leben war bis jetzt wie ein Hollywood-Film, angefangen von meiner Rotlicht-Zeit, über die Ermordung meines Trainers zu all dem, was ich mit der Zeit aus eigener Kraft erreicht habe. Ich kann daher nie wissen, was morgen passiert. Ich schaue, dass es meiner Familie und mir gut geht. Das ist das Wichtigste für mich. Boxen will ich noch immer, den nötigen Biss und Hunger habe ich auch. Ich kann nichts ausschließen, auch nicht dass ich irgendwann gegen Nader in den Ring steige, aber sicherlich nicht unter den heutigen Bedingungen. Im Leben ist alles möglich. Ich glaube, ich bin der beste Beweis dafür.

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