Vedrana Rudan: „Jugoslawien ist lebendiger denn je“

INTERVIEW

Vedrana Rudan: „Jugoslawien ist lebendiger denn je“

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Vedrana Rudan hat zehn Bücher geschrieben, die in ca. zehn Weltsprachen übersetzt worden sind, und ihre Dramen werden in aller Welt gespielt. Kürzlich ist sie in die Sammlung „Die besten europäischen Geschichten“ aufgenommen worden. Ihre Internetseite www.rudan.info wird von ca. 150.000 Fans mit über 10 Millionen Klicks verfolgt.

Viele halten Vedrana, die auf Einladung der Tageszeitung Vesti und des Magazins KOSMO kürzlich in Wien zu Gast war, für eine kontroverse Schriftstellerin und Person. „Ich nehme an, man hält mich für kontrovers, weil ich das sage, was ich denke. Das wird in der Welt der Menschen, die nicht denken oder sich nicht trauen, offen zu reden, nur schwer akzeptiert. Aber das stört mich nicht, denn ich habe schon längst mit der typischen Frage unserer Küstenregion „Was werden die Leute sagen?“ gebrochen. Es interessiert mich überhaupt nicht, was wer über mich denkt oder sagt, und ich glaube, die Menschen spüren, dass ich da ehrlich bin.

Bei der Präsentation in Wien gab es verschiedene Reaktionen – von Entrüstung über die Terminologie, die Vedrana verwendet, bis hin zu ehrlicher Begeisterung.

Im Publikum sitzen immer die, die mich mögen, neben denen, die mich nicht mögen, und die, die mich verstehen, neben denen, die mich nicht verstehen. Aber ich mag sie alle. Sie sind mein Publikum, die Menschen, für die ich schreibe, und es wäre dumm, wenn eine reife Person in der Erwartung durchs Leben geht, dass sie alle lieben. Ich will nicht, dass mich die Menschen mögen, sondern, dass sie mich lesen und mir zuhören. Der Abend in Wien war für mich phänomenal.

Die Bandbreite der Themen, mit denen Sie sich in Büchern beschäftigen, ist sehr breit: von den großen Themen des Lebens, den Geschlechterbeziehungen, bis hin zur Politik.

Am meisten werden doch die politischen Themen gelesen. Wenn ich in einer Kolumne auf meiner Webseite die serbisch-kroatischen Beziehungen oder Tito erwähne, wird das sehr viel gelesen. Mein Sohn, der die Seite verwaltet, sagt mir manchmal: ’Komm, schreib über Tito und du hast sofort 100.000 Klicks!’ Aber am meisten interessieren mich doch die Geschichten aus dem Leben, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, ich glaube, das ist das Wichtigste. Wichtig ist, was ich für die Menschen um mich herum empfinde und was sie für mich empfinden, und nicht, was Tito vor hundert Jahren gemacht hat und ob er ein Verbrecher oder ein Held war.

Vedrana Rudan lesen alle Generationen in der gesamten Region. Ihre Literaturabende sind immer gut besucht, sie hat viele Fans gewonnen.

Ich nenne die Region gerne Jugoslawien, denn Jugoslawien ist nicht tot. Es ist sehr lebendig und wird noch lebendiger werden. Nicht in seiner alten Form, sondern in einer viel schlechteren, aber es gibt dieses Jugoslawien. Ich glaube, dass ich in Serbien Erfolg habe, aber auch in Kroatien, weil ich ehrlich bin und weil ich keine Kroatin bin, sondern ein Mensch. In mir ist wirklich nichts Kroatisches, denn ich glaube, dass es Kroatien ebenso wenig gibt wie Serbien und ebenso wenig wie die Chinesen. Es gibt Menschen: gute und schlechte, erfolgreiche und erfolglose, warme und kalte. Wenn ich irgendwo spreche, spüren die Menschen, dass ich nicht als Kroatin spreche, sondern als jemand, der seinen Standpunkt hat und der mit einer Nation überhaupt nichts zu tun hat.

In ihren Büchern und Kolumnen beschäftigt sie sich intensiv mit den serbisch-kroatischen Beziehungen – mit denen zwischen den Politikern und mit denen zwischen den einfachen Menschen.

Die kroatischen und die serbischen Politiker verstehen sich sensationell gut. Ihre Beziehung ist perfekt. Ich appelliere an die Bürger beider Seiten, sich nicht manipulieren zu lassen. Der serbische Präsident hasst unsere Präsidentin nicht und umgekehrt. Sie arbeiten an der gleichen Aufgabe, sich in ein bestimmtes Organ Europas hineinzudrängen. Sie sind also wie leibliche Brüder und wir sind manipulierte Idioten. Und dagegen kämpfe ich, denn ich möchte, dass die Menschen begreifen, dass es keinen Hass gibt zwischen den serbischen und den kroatischen Politikern, sondern nur zwischen einigen Serben und einigen Kroaten, und das tut mir leid.“

Vedrana Rudan ist Mutter einer erwachsenen Tochter und eines Sohnes, die wegen ihrer Werke oft Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind.

Ich glaube, dass mein Sohn viele meiner Bücher nicht gelesen hat, weil es für ihn ‚too much‘ war. Sie sind beide an meinen Stil gewöhnt und reagieren nicht heftig darauf, auch wenn sie meinetwegen am Arbeitsplatz und in ihrem Umfeld Probleme haben. Zum Glück haben sie einen anderen Familiennamen und sind geringerem Druck ausgesetzt, auch wenn Rijeka eine Kleinstadt ist und man schnell herausfindet, wessen Kinder sie sind. Aber ich will mich ihretwegen dennoch nicht ändern. Sie müssen sich an den Krieg gewöhnen. Ich liebe sie nicht so sehr, dass ich mich für ihre Liebe verändern würde.

Die einen sagen, dass Frau Rudan über die Mann–Frau–Beziehungen aus der Perspektive des Mannes schreibt, während andere behaupten, dass sie eine ausgesprochene Feministin ist. Was ist richtig?

Beides. Ich spreche wirklich so über Frauen, wie die Männer sie sehen, und erweitere so den Blickwinkel meiner jüngeren Schwestern. Und ich bin auch Feministin und glaube, dass es nicht in Ordnung ist, dass Feministinnen so beschimpft werden, wie das heute organisiert der Fall ist. Feministinnen sind keine verwirrten, unbefriedigten und frustrierten Vetteln, die gegen die Männer kämpfen, sondern sie sind Frauen, die für Menschenrechte kämpfen. Vor allem kämpfen sie für die Rechte der Frauen, denn die sind, wie John Lennon einmal gesagt hat, die Neger der Welt.

Meistens meint man, dass sich Feministinnen überhaupt nicht mit traditionellen Frauenarbeiten wie dem Bügeln und dem Kochen von Sonntagsessen beschäftigen. Aber das muss nicht richtig sein.

Ja, aber ich finde, dass das in meinem Leben nicht ausschließlich eine Frauensache ist. All das macht auch mein Mann. Er kocht öfter, geht öfter einkaufen, und Wäsche bügele ich überhaupt nicht. Ich kann das Bügeleisen nicht einmal einschalten, das macht eine Frau für mich. Das erinnert an Momo Kapor, der einmal gesagt hat, dass hinter jeder emanzipierten Frau mehrere unemanzipierte Frauen stehen. Mein Leben ist weitgehend frei von diesen sogenannten Frauenarbeiten. Sonntagsessen koche ich erst, seitdem ich eine Enkeltochter habe, und auch nur ihr zuliebe, denn sie ist eigentlich meine größte Liebe. Alles habe ich ihr gewidmet, aber wenn ich wählen müsste, wen ich häufiger sehen könnte – sie oder meinen Mann -, würde ich mich sicher für meinen Mann entscheiden, denn er ist mir das Liebste auf der Welt.

Wenn Sie so über Ihren Mann reden, sagen Sie ihm sicher auch oft ein liebes Wort.

Jeden Tag. Ich liebe ihn wirklich und glaube, dass ich nicht so wäre, wenn es ihn nicht gäbe, denn du kannst nicht sagen, was du denkst, und kannst nicht frei sein, wenn du keinen Mann hast. Ich weiß, dass das total unfeministisch klingt, aber es ist die Wahrheit. Hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein Mann, der sie unterstützt. Wir leben in einer Männerwelt.

Interview: Vera Marjanović / KOSMO