Wenn der Organismus sich selbst angreift

GESUNDHEIT

Wenn der Organismus sich selbst angreift

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AUTOIMMUNKRANKHEITEN. Sie entstehen, wenn das Immunsystem, das den Körper vor Krankheiten schützen soll, auf gesunde Zellen im eigenen Organismus wie auf fremde reagiert und beginnt, sie anzugreifen.

Im Herbst, in den ersten kalten Tagen, wenn die ersten Tropfen aus den Wolken und aus der Nase rinnen, sprechen wir immer häufiger über unser Immunsystem, d.h. über einen Abfall oder Mangel an Immunität und über die Möglichkeiten, sie zu heben oder zu stärken. Man weiß inzwischen, wie wichtig das Immunsystem ist, und bemüht sich, es mit verschiedenen Beeren, Kernen, Säften, Vulkanerde und anderem zu unterstützen. Warum das so ist, haben wir die ständige Mitarbeiterin des Magazins KOSMO, Dr. Vesna Budić Spasić, gefragt.

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 Gesundheitliche Probleme werden von vielen auf die leichte Schulter genommen und als etwas Alltägliches abgestempelt. Hier fünf der häufigsten Krankheitssymptome:

 

„Weil es die natürliche Funktion des Immunsystems ist, uns gegen verschiedene Angreifer zu schützen und zu verteidigen, die sich gegen uns wenden können, um uns zu schädigen, d.h. uns krank zu machen. Alles ist gut und schön, solange das Immunsystem nach seinem normalen Programm arbeitet, das es ihm ermöglicht, zwischen dem „Fremden“ und dem „Eigenen“ zu unterscheiden. In dem Moment, in dem das Abwehrsystem unfolgsam wird und Defekte bekommt, wird der Mensch zum Opfer seines eigenen Immunsystems. Dann kommt es zu Überreaktionen des Immunsystems, die sich gegen Materien wenden, die unserem Organismus fremd sind (Allergene), und das nennen wir Allergien. Die Reaktionen können sehr heftig und manchmal sogar lebensbedrohlich sein.

Eine andere Form eines gestörten Immunsystems ist seine Wendung gegen Materien, die unserem Organismus nicht fremd sind, sondern zu seinen integrierten Bestandteilen gehören. Das sind Autoimmunreaktionen, die zu Autoimmunkrankheiten führen, von denen Dr. Budić Spasić sagt: „Aus Gründen, die uns noch unbekannt sind, beginnt das Immunsystem, sehr unerwünscht zu reagieren. Es gibt mehrere Theorien, die zu erklären versuchen, warum das passiert. Sie alle sind möglich und ergänzen sich irgendwie, aber eine 100-prozentige Erklärung gibt es noch nicht. Mögliche Ursachen sind Stress, chronische Irritationen, übertriebene Kontakte, eine biochemische Ähnlichkeit verschiedener Allergene und Gewebe des menschlichen Organismus. Auch die Genetik und der Lebensstil des Patienten spielen eine gewisse Rolle. In jedem Fall handelt es sich um eine Aggressivität des Immunsystems, das sich gegen Zellen und Gewebe des eigenen Organismus wendet, denn es verliert seine sogenannte Toleranz gegenüber bekannten Strukturen.

Eine hundertprozentig genaue Erklärung für
das Auftreten dieser Krankheiten gibt es nicht.

Das Immunsystem kann jede beliebige Zelle und jedes Gewebe auswählen, und so können sehr verschiedene Erkrankungen entstehen. Heute geht man davon aus, dass ihre Zahl mehr als 50 beträgt. An Autoimmunkrankheiten und an Allergien erkranken nicht alle Menschen, sondern nur einige. Sehr oft treten bei einem Menschen mehrere Autoimmunstörungen auf. Selten kommt eine Autoimmunkrankheit alleine bzw. ganz isoliert. Normalerweise treten mehrere von ihnen gemeinsam auf und verkomplizieren dadurch das klinische Bild bei dem Betroffenen. Im Blut entstehen sogenannte Autoantikörper, die die Zellen und Gewebeteile verschiedener Organe angreifen.“

Krankheitsverläufe
Wenn wir Autoimmunkrankheiten mit einer Armee vergleichen, können wir sagen, dass sie auftreten, wenn ein General des Immunsystems beginnt, Kommandos gegen die eigenen Zellen zu geben, weil er die Fähigkeit verloren hat, zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden. Denn die Zellen des Immunsystems, die Lymphozyten oder weißen Blutkörperchen, beginnen, die Zellen von anderem Gewebe zu verschlingen oder Entzündungsprozesse auszulösen, die Gewebe und Organe beschädigen. Dabei entstehen im Organismus Autoantikörper, die für die jeweilige Erkrankung charakteristisch sind. Mit modernen Labortests können sie sehr genau bestimmt werden und eine Diagnose wird schnell gestellt. Leider gilt dies jedoch nicht für die Behandlung, denn die kann sehr lange dauern. Gegen Autoimmunerkrankungen kämpfen wir meistens das ganze Leben lang an.

Typisch sind schwerere und leichtere Phasen, die sich abwechseln: Schübe, in denen die Krankheit wütet, und ihr Gegenteil, Remissionen, in denen die Krankheit zurückgeht und der Patient symptomfrei ist. Das grundlegende Ziel der Behandlung ist, dass die Remissionen möglichst lang werden und dass Schübe immer seltener auftreten. Mit der Therapie wird versucht, das Immunsystem unter Kontrolle zu bringen und seine Aggressivität gegenüber dem eigenen Körper zu besiegen. Die Medikamente dafür heißen Immunsupressiva und werden meistens mit Kortison und Biologika kombiniert.

Heute gibt es über 50 Autoimmunkrankheiten.

Die häufigsten Autoimmunerkrankungen
• Rheumatoide Arthritis:
Eine Entzündung der Gelenke und des umliegenden Gewebes
• Lupus erythematodes:
Die Symptome zeigen sich an der Haut, Gelenken, Nieren, Gehirn und anderen Organen.
• Zöliakie:
Eine Reaktion auf Gluten (sie sind in Mehl, Korn, Gerste enthalten), die eine Schädigung der Dünndarmschleimhaut bedingt.
• Perniziöse Anämie:
Eine Verminderung der Zahl und eine Vergrößerung der roten Blutkörperchen, hervorgerufen durch die Unfähigkeit, Vitamin B12 zu absorbieren.
• Vitiligo:
Weiße Flecken auf der Haut, hervorgerufen durch einen Pigmentverlust.
• Sklerodermie:
Eine Erkrankung des Bindegewebes, die Veränderungen der Haut, der Blutgefäße, Muskeln und der inneren Organe hervorruft.

Die Behandlung kann sehr lange dauern. Oft kämpfen wir ein Leben lang gegen die Autoimmunerkrankungen.

• Psoriasis:
Ein Hautzustand, der von Rötungen und Irritationen sowie von silbrig-weißen, schuppigen Veränderungen der Haut geprägt ist.
• Entzündliche Darmerkrankungen:
Eine Gruppe von entzündlichen Erkrankungen des Dick- und Dünndarms.
• Hashimoto-Krankheit:
Eine Entzündung der Schilddrüse.
• Morbus Addison:
Insuffizienz der Nebenniere.
• Basedowsche Krankheit:
Übersteigerte Aktivität der Schilddrüse.
• Reaktive Arthritis:
Entzündung der Gelenke, Harnwege und Augen. Kann Bläschen an der Haut und Schleimhaut hervorrufen.
• Sjögren-Syndrom:
Es zerstört Tränen- und Speicheldrüsen, verursacht trockene Augen und einen trockenen Mund und kann auch die Nieren und Lungen angreifen.
• Diabetes Typ I:
Zerstörung der Zellen, die in der Bauspeicheldrüse Insulin produzieren.
• Idiopathische Autoimmunthrombozytopenie:
Das Immunsystem greift die Thrombozyten oder Blutplättchen an.
• Colitis ulcerosa:
Das Immunsystem greift die Darmschleimhaut an.
• Multiple Sklerose:
Das Immunsystem kämpft gegen die Zellen der weißen Gehirnsubstanz.
• Myasthenia gravis:
Eine Beschädigung der Nervenenden, die mit den Muskeln verbunden sind.

Rheumatoide Arthritis: Eine Entzündung der Gelenke und des
umliegenden Gewebes führt zu Deformitäten und einer Funktionsminderung.