Start NEWS PANORAMA Wenn die junge Elite das Land verlässt: Serbien
BRAIN-DRAIN

Wenn die junge Elite das Land verlässt: Serbien

Vladimir Grečić
Prof. dr Vladimir Grečić (FOTO: zVg.)

Ist die Migration heute tatsächlich für ein besseres Leben unverzichtbar oder ist sie einfach zum Trend geworden?

Das Weltwirtschaftsforum veröffentlicht jedes Jahr einen Wettbewerbsindex, der eine Reihe von Faktoren umfasst, die den Arbeitsmarkt bestimmen, und auch Faktoren, die entscheidend für die Migration sind. Hier werde ich die verhältnismäßig problematischsten Faktoren für die Beschäftigung (die ersten fünf der Reihe) anführen, und zwar für Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro. Für Serbien sind am problematischsten: (1) die Steuersätze, (2) die Verfügbarkeit von Finanzierungen, (3) die Ineffizienz der staatlichen Verwaltung, (4) die Korruption und (5) die politische Instabilität. Für Kroatien: (1) die Ineffizienz der staatlichen Verwaltung, (2) die politische Instabilität, (3) die Steuergesetzgebung, (4) die Korruption und (5) die Steuersätze. Für B-H: (1) die Ineffizienz der staatlichen Verwaltung, (2) die Korruption, (3) die Steuersätze, (4) die politische Instabilität und (5) die Instabilität der Regierung. Für Montenegro: (1) die Verfügbarkeit von Finanzierungen, (2) die Ineffizienz der staatlichen Verwaltung, (3) die Korruption, (4) das inadäquate Angebot an Infrastruktur und (5) die inadäquate Ausbildung der Arbeitskräfte.

Das sind die Ergebnisse einer Umfrage unter Geschäftsleuten in den oben genannten Ländern. Mir scheint, dass die moralischen, psychologischen und sonstigen Probleme ziemlich ähnlich sind. So sieht es zumindest aufgrund der Medienberichte aus.

Warum führt Serbien keine einheitliche Evidenz über Wanderbewegungen seiner Bevölkerung?

Niemand besitzt also ganz zuverlässige Migrationsstatistiken, aber viele Länder haben zumindest eine annähernde. Das könnte auch Serbien. Bei uns kümmert sich nur niemand besonders darum. Das Amt für Statistik der Republik Serbien besitzt nur die Daten, die es alle zehn Jahre aus den Volkszählungen erhält. Und die Immigrationsstatistik wird in fast allen Ländern, in denen es eine erheblichere Immigration gibt, jährlich geführt. Die Evidenz über die Immigration von Ausländern nach Serbien führt das Kommissariat für Flüchtlinge, das meistens auch unvollständige Daten über die Emigration veröffentlicht. Meine Meinung dazu, die ich schon mehrfach öffentlich geäußert habe, ist, dass die zuständige Behörde, sei es das Amt für Statistik, das Kommissariat oder irgendeine andere, eine Vereinbarung über den regelmäßigen Informationsaustausch mit den wichtigsten Immigrationsländern und ihren Immigrationsbehörden schließen müsste, der mindestens auf jährlichem Niveau stattfinden würde. Mit so einem Informationsaustausch könnte man auch die Immigranten erfassen, die in kleiner Zahl kommen und die die Statistiken, die die Immigranten nach Herkunftsländern erfassen, unter „sonstige“ einordnen. (Daher scheint Serbien als Herkunftsland nicht auf.)

Kann man etwas tun, um den Brain-Drain zu stoppen oder zumindest zu verringern, und wer wäre dafür in erster Linie verantwortlich?

Um die Migration steuern zu können, bräuchte es ein geordnetes System, mit dem eine klare Migrationspolitik und eine planmäßige und organisierte Lenkung der Migrationsflüsse möglich wäre. Die Migrationspolitik ist eine übergeordnete Politik, da sie partielle öffentliche Politikfelder einschließt: die Devisenüberweisungen durch Migranten, direkte ausländische Investitionen durch Angehörige der Diaspora, die Kooperation mit der Diaspora, aktuelle Migrationen aller Arten. In meiner Einstellung zu diesem Thema liegt der Fokus auf den migrierenden Talenten, auf denen, die in der neuesten Literatur die „overachievers“ (karriereorientierte Menschen) genannt werden.

Die Lenkung der Migrationsströme ist zu einem der ernstesten Probleme der nationalen, regionalen und globalen Politiken geworden. Dieses komplexe Gebiet der Steuerung ist untrennbar mit den Fragen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung verbunden, vor allem mit der Arbeit, den Aspekten der Bevölkerungspolitik und Fragen der wirtschaftlichen Sicherheit. Die Fähigkeit, die auf die Lenkung der Migration bezogenen Fragen zu lösen, ist zum Fundament der verantwortungsvollen Lenkung des Staates und der internationalen Beziehungen geworden.

Die effiziente Verwaltung der Migrationen ist auch immer mehr zu einer Frage der effizienten gemeinsamen Führung zwischen Staaten und zwischen den Staaten und den wichtigsten nichtstaatlichen Akteuren geworden. Außerdem sind die Aspekte des Migrationsmanagements in gewisser Weise zur einer Konkurrenzfrage zwischen Staaten geworden, die die besten Lösungen und erfolgreichsten Praxisbeispiele suchen. Die Priorität liegt in den entwickelten Ländern darauf, die talentiertesten unter den hochqualifizierten Migranten als Einwanderungsländer anzuziehen.

„In der serbischen Bevölkerung herrscht die Wahrnehmung eines sehr ernsthaften Pessimismus hinsichtlich der Kapazität unseres Staates, Talente zu halten und anzuziehen.“

Die Abwanderung der Jungen ins Ausland kann und muss man nicht aufhalten. Sie sollen auswandern, eine Zeitlang arbeiten, neue Kompetenzen und wertvolle Erfahrungen erwerben, aber sie sollen in ihr Heimatland zurückkehren, im konkreten Fall nach Serbien. Kein Staat hat es geschafft, die Emigration zu unterbinden, aber mehrere Staaten, die uns ähnlich sind, haben es geschafft, günstige Bedingungen für die Rückkehr der jungen Menschen aus dem Ausland zu schaffen, indem sie die „zirkuläre Migration“ bewerben. Alle Menschen verdienen Aufmerksamkeit, aber der Abfluss von Talenten, die Träger von Know-How und Innovationen und damit wichtige Faktoren für Entwicklung, Prosperität und gesteigerte Konkurrenzfähigkeit Serbiens sind, stellt die größte Herausforderung für die Träger politischer Funktionen dar.

Die Faktoren, die die Kapazität bestimmen, junge talentierte Menschen im Lande zu halten, sind zahlreich. Ich will hier nur einige nennen: die Schaffung eines politischen Rahmens und umfassender Bedingungen für das Engagement von Talenten; es muss mehr in Forschung und Entwicklung investiert werden; Investitionen sollten nicht nur finanzieller Natur sein, sondern auch darin bestehen, dass man sich den Fragen widmet, von denen hier die Rede ist. Der Fokus muss auf den Beitrag unserer Talente zum innovativen System des Landes und auf Arten ihrer Zusammenarbeit mit den Kräften der Wissenschaft und der Technologie aus der Diaspora gelegt werden; ein Fokus auf Einzelpersonen mit nachgewiesenen außerordentlichen Resultaten; Erleichterungen für die Bildung von Partnerschaften zwischen der Diaspora und Gruppen lokaler reformorientierter Agenturen; Unterstützung für Initiativen aus der Diaspora, die klar definierte Projekte mit erkennbaren Resultaten anbieten.

In der serbischen Bevölkerung herrscht die Wahrnehmung eines sehr ernsthaften Pessimismus hinsichtlich der Kapazität unseres Staates, Talente zu halten und anzuziehen. Der jüngste Bericht des Weltwirtschaftsforums (2017-2018) zeigt auch, dass Serbien beim Indikator „Kapazität zur Beibehaltung von Talenten“ auf dem 134. Platz liegt und beim Indikator „Kapazität zur Anziehung von Talenten“ auf Position 132 von 137 Ländern. Diese Tatsachen legen den Schluss nahe, dass die Gestalter und vor allem die Träger der öffentlichen Politikfelder den Fragen nach dem Brain-Drain auf der politischen Agenda der Exekutive einen hohen Platz einräumen sollten.

PERSÖNLICHE GESCHICHTE: Andrija Kurtić (33), Masterstudium IT, Fakultät für Organisationswissenschaften Belgrad.

Andrija Kurtić
Andrija Kurtić (FOTO: zVg.)

„Meine Gründe für die Auswanderung waren wirtschaftlicher und emotionaler Natur und haben auch meinen Lebensstil betroffen. Lebensstilmäßig, weil ich neue Erfahrungen machen wollte, wirtschaftlich, weil ich ein besseres Gehalt und als Arbeiter mehr Rechte bekommen habe, und emotional, weil ich jemanden kennengelernt hatte, dem ich nahe sein wollte. In Serbien hat mich am meisten enttäuscht, dass harte Arbeit und Kompetenz nicht geschätzt werden, der Mangel an einer Kultur kritischen Denkens und die Unmöglichkeit, das zu verbalisieren und zu akzeptieren, sowie auch der Mangel an Willen, den ich fast mit einer kollektiven Depression der Gesellschaft gleichsetzen würde. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das ‘mein’ Staat ist. Als Junge hatten wir keine Chance, an der Formung und am Funktionieren der Gesellschaft teilzuhaben. Wir waren einfach marginalisiert. Aber wir waren auch passiv, denn wir waren müde geworden. Serbien ist ein Land müder Menschen. In Österreich bin ich sehr zufrieden und es tut mir nicht leid, dass ich weggegangen bin, denn ich sehe das nicht als etwas Endgültiges. Eine Rückkehr auf geschäftlicher Ebene ist sicherlich möglich. Aber da müssen natürlich die Puzzleteilchen und Interessen zusammenpassen. Ich bin derzeit mit der Planung von Projekten beschäftigt, mit denen ich versuchen will, Unternehmern und Start-ups in Serbien und der Region mit Kontakten und Erfahrungen von meinem Weg zu helfen. Die einzige Art, den Brain-Drain aufzuhalten, ist die Entwicklung und Umsetzung einer langfristigen nationalen Strategie in einigen Schlüsselbereichen.“