Vom funktionalen Sehbehelf zum angesagten Fashion-Statement – die randlose Brille erobert Hollywood und Laufstege. Ein unerwartetes Comeback mit prominenten Vorreitern.
Als Timothée Chalamet kürzlich in der „Graham Norton Show“ auf BBC erschien, sorgte nicht nur sein Outfit aus Jeans und skianorakähnlicher Jacke für Aufsehen. Der 29-jährige Schauspieler, der gerade seinen Film „Marty Supreme“ promotet, komplettierte seinen Look mit einem unerwarteten Accessoire: einer randlosen Brille. Da er vermutlich nicht zum Vorlesen eingeladen war, handelte es sich wohl kaum um eine funktionale Sehhilfe – vielmehr um ein bewusstes modisches Statement. Doch was genau will uns der Hollywoodstar mit dieser Wahl vermitteln?
Die randlose Brille – jene Sehhilfe ohne Fassung, die der österreichische Hersteller Silhouette international bekannt machte – verkörpert eigentlich das Gegenteil von modischer Extravaganz. Sie ist die bevorzugte Wahl für Menschen, die Kontaktlinsen ablehnen, aber dennoch auf auffällige Brillengestelle verzichten möchten. In der Welt dieser Brillenträger spielen saisonale Farbtrends oder angesagte Formen keine Rolle – hier zählt das Funktionale, das Reduzierte.
Der verstorbene Apple-Mitgründer Steve Jobs mit seiner Vorliebe für schwarze Rollkragenpullover verkörperte geradezu idealtypisch diese Haltung: Modische Spielereien haben bei Trägern randloser Brillen traditionell keinen Platz.
Unerwarteter Modewandel
Es überrascht daher nicht, dass der Boom dekorativer Brillen als modisches Accessoire bislang an randlosen Modellen vorbeigegangen ist. Schließlich steht die als stylisches Beiwerk getragene Brille – oft ohne Sehstärke, dafür mit markanten Fassungen und auffälligen Verzierungen – in direktem Gegensatz zur minimalistischen, pragmatischen Ästhetik der randlosen Variante. Wer sich über Modebegeisterte mit Fake-Brillen ärgerte, konnte sich bisher zumindest auf die Authentizität der randlosen Modelle verlassen.
Doch nun gerät selbst diese Gewissheit ins Wanken.
Prominente Vorreiter
Chalamet ist dabei nur die sichtbarste Manifestation eines größeren Phänomens. Topmodels wie Bella Hadid und Kendall Jenner zeigen sich ebenfalls mit randlosen Brillen. Modeikone Miuccia Prada integrierte sie als zentrales Element in ihre Herbst-/Winterkollektion.
In New York und Paris gehören sie bereits zum Standardrepertoire stilprägender Persönlichkeiten. In sozialen Medien schwärmen Anhänger des Trends von der nostalgischen Anmutung, die sie an ihre Großeltern erinnert – ein heimeliges Retro-Gefühl. Gleichzeitig wird die Verbindung zur Hip-Hop-Kultur der frühen 2000er Jahre hergestellt, in der getönte randlose Brillen bereits einmal Kultstatus genossen.
Dass die Modewelt eine Verbindung zwischen Großeltern-Ästhetik und Millennium-Rapkultur herstellt, mag zunächst befremdlich erscheinen.
Doch durch die randlose Brille betrachtet, offenbart sich darin eine bemerkenswerte kulturelle Synthese.