Ein Selfie, das mehr verrät als jede Akte: KI analysiert Gesichter von Krebspatienten – mit weitreichenden Folgen für die Medizin.
Ob ein simples Foto tatsächlich über Leben und Tod entscheiden kann – diese Frage stellt sich nach einer aktuellen Entwicklung aus den Vereinigten Staaten mit neuer Dringlichkeit. Denn einem KI-gestützten Programm genügt ein einziges Selfie, um das biologische Alter von Krebspatienten zu bestimmen und deren Überlebenschancen einzuschätzen. Mediziner sehen in dieser Methode das Potenzial, die diagnostische Praxis grundlegend zu verändern.
Entwickelt wurde die Technologie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am Mass General Brigham in Massachusetts. Für das Training des Programms wurden mehr als 40 Millionen Gesichtsaufnahmen herangezogen. Auf dieser Datenbasis ist das System in der Lage, sowohl das biologische Alter zu schätzen als auch Prognosen zur Überlebenswahrscheinlichkeit zu erstellen. Die Studienergebnisse erschienen im Fachmagazin „The Lancet – Digital Health“.
Zwei Modelle
Im Zentrum der Forschung stehen zwei unterschiedliche Modelle. FAHR-FaceAge stellt das biologische dem tatsächlichen Lebensalter gegenüber und setzt die ermittelte Abweichung in Beziehung zur Überlebensdauer nach einer Strahlentherapie – Patienten, deren Alter als geringer eingestuft wurde, lebten im Durchschnitt länger. Das zweite Modell, FAHR-FaceSurvival, berechnet die Überlebenswahrscheinlichkeit direkt: Bei als besonders gefährdet eingestuften Personen verstarben 52,5 Prozent innerhalb von 90 Tagen.
Künftiger Einsatz
Für ihre Analysen richten die Modelle den Fokus auf bestimmte Gesichtsregionen – darunter Stirn und Augenpartie. Künftig könnten diese Werkzeuge auch bei anderen Erkrankungen oder in Fällen unklarer Diagnosen zum Einsatz kommen. Gerade für Menschen in der Diaspora, deren Zugang zu medizinischer Versorgung oft eingeschränkt ist, könnte die Technologie erhebliche Vorteile bringen.
Die Forschenden sprechen sich dafür aus, das System in weiteren Studien zu erproben und kontinuierlich weiterzuentwickeln.