Längere Trockenphasen, gefährdete Wasserreserven und schrumpfende Dörfer: Klimarisiken setzen den Balkan unter Druck. Studien aus Serbien zeigen, wie sich Umweltprobleme und Bevölkerungsschwund überlagern. Auch Österreich muss sich auf Veränderungen einstellen.
Der Klimawandel bedroht am Balkan nicht nur Ernten und Ökosysteme, sondern auch die Lebensbedingungen vieler Menschen. Besonders dort, wo Abwanderung und wirtschaftliche Schwäche bereits den Alltag prägen, kommen Hitze, Dürren und andere Wetterextreme als zusätzliche Belastung hinzu.
Der Belgrader Geografieprofessor Aleksandar Valjarević warnte am 19. Oktober gegenüber der Nachrichtenagentur Beta vor diesen miteinander verbundenen Risiken. Wie ernst die wirtschaftlichen Folgen bereits sind, zeigt eine von UNDP veröffentlichte Bilanz: Die materiellen Schäden durch Extremwetter in Serbien wurden für den Zeitraum 2000 bis 2024 auf insgesamt 10,45 Milliarden Euro geschätzt. Mehr als 70 Prozent entfielen auf Dürren und hohe Temperaturen.
Studie sieht Hunderte Dörfer gefährdet
Eine 2025 im Fachjournal „Journal of Urban Management“ veröffentlichte Untersuchung von Valjarević modelliert für den Zeitraum 2011 bis 2050 das Verschwinden von insgesamt 680 ländlichen Siedlungen in Serbien. Die Analyse berücksichtigt klimatische, demografische, wirtschaftliche und infrastrukturelle Faktoren. Besonders gefährdet erscheinen Teile Süd- und Ostserbiens.
Die Zahl ist keine sichere Vorhersage und bedeutet nicht, dass der Klimawandel allein Hunderte Dörfer verschwinden lässt. Sie beschreibt das Ergebnis eines Modells, in dem mehrere Belastungen zusammentreffen. Abwanderung und demografischer Rückgang müssen deshalb ebenso berücksichtigt werden wie die zunehmende Belastung durch Wetterextreme.
Eine weitere, 2026 im Fachjournal „Physics and Chemistry of the Earth“ veröffentlichte Arbeit untersucht diese räumliche Überlagerung. Ihr demografisches Basismodell projiziert einen Rückgang der ländlichen Bevölkerung von rund 2,1 Millionen Menschen im Jahr 2022 auf etwa 1,44 Millionen im Jahr 2050.
Die Autoren stellen ausdrücklich klar, dass die Klimabelastung dabei als eigene räumliche Informationsebene einfließt. Der Bevölkerungsrückgang wird somit nicht als unmittelbar berechnete Folge des Klimawandels ausgewiesen.
Warum Wasser zum Schlüsselthema wird
Der Weltklimarat IPCC bezeichnet den Mittelmeerraum als Brennpunkt miteinander verbundener Klimarisiken. Höhere Temperaturen, stärkere Verdunstung und zunehmende Trockenheit setzen Wasserreserven, Landwirtschaft und Ökosysteme unter Druck. Teile des Balkans gehören zu diesem besonders gefährdeten Raum.
Auch heftige Regenfälle lösen das Problem nicht automatisch. Für die Wasserversorgung ist entscheidend, wie viel Niederschlag im Boden versickert, gespeichert wird oder rasch abfließt. Höhere Temperaturen können durch stärkere Verdunstung zusätzlich zur Austrocknung beitragen.
Valjarević fordert deshalb eine vorausschauende Planung: Gemeinden müssten wissen, welche Wasserressourcen verfügbar sind und wie hoch der Verbrauch ist. Zu seinen Vorschlägen gehören Rückhaltebecken zur Regenwasserspeicherung, mehr Begrünung und die gezielte Nutzung von Brauchwasser, damit wertvolles Trinkwasser nicht unnötig verbraucht wird.
Serbien hat bereits einen Anpassungsplan
Serbien beginnt bei der Anpassung nicht bei null. Ein nationaler Anpassungsplan für den Zeitraum 2023 bis 2030 umfasst 25 prioritäre Maßnahmen. Sie betreffen unter anderem Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Wasser, Energie, Infrastruktur und Gesundheit.
Ein digitaler Klimaatlas stellt außerdem Daten zu bestehenden Klimabedingungen und möglichen künftigen Veränderungen bereit. Diese Informationen sollen Behörden dabei unterstützen, Risiken regional zu bewerten und Maßnahmen gezielter zu planen.
Damit geht es nicht allein um neue politische Zuständigkeiten. Entscheidend sind auch die Umsetzung bestehender Maßnahmen, ihre Finanzierung und die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stellen und Gemeinden.
Auch Österreich erwärmt sich besonders stark
Die Herausforderungen enden nicht am Balkan. Nach Angaben von GeoSphere Austria hat sich Österreich gegenüber dem vorindustriellen Vergleichszeitraum 1850 bis 1900 um rund 3,1 Grad erwärmt, Stand Ende 2024. Der Anstieg liegt damit deutlich über dem globalen Mittel.
Der Klimastatusbericht für 2025 zeigt zudem, wie relevant Wasserfragen bereits sind: Österreichweit fiel rund 17 Prozent weniger Niederschlag als im langjährigen Durchschnitt. Flussabflüsse und Grundwasserstände lagen vielerorts unter dem Mittel.
Die Entwicklungen in Österreich und Serbien sind nicht in allen Einzelheiten vergleichbar. Gemeinsam ist ihnen jedoch der wachsende Anpassungsbedarf: Wasser zurückhalten, Böden schützen und Infrastruktur auf zunehmende Klimabelastungen vorbereiten. Für gefährdete ländliche Regionen kommt eine weitere Aufgabe hinzu: Lebensbedingungen zu schaffen, die Menschen auch langfristig eine Perspektive vor Ort bieten.