Wiens Vorzeige-Weingut Cobenzl gerät in die Kritik: Trotz Bio-Versprechen wurden auf der Hälfte der Rebflächen konventionelle Methoden eingesetzt. Der Vertrauensbruch hat Folgen.
Das städtische Wiener Weingut Cobenzl steht im Zentrum eines Etikettierungsskandals. Das renommierte Unternehmen, das vor zwei Jahren stolz seine vollständige Umstellung auf Bio-Produktion verkündete, hat offenbar bei der Einhaltung der Bio-Standards erhebliche Abstriche gemacht. Wie nun bekannt wurde, bewirtschaftete das Weingut die Hälfte seiner Rebflächen mit konventionellen Methoden – ein herber Rückschlag für Konsumenten, die auf nachhaltige Produktion vertrauen.
Konkret wurden auf 30 der insgesamt 60 Hektar großen Anbaufläche am Bisamberg chemische Hilfsmittel eingesetzt. Die zuständige Magistratsabteilung 49 bestätigte diesen Sachverhalt und verwies auf „betriebsstrategische Gründe“ für die konventionelle Bewirtschaftung. Gleichzeitig betonte die Behörde, dass die betroffenen Flächen bereits wieder in der Umstellungsphase zur Bio-Produktion seien.
Die MA 49 weist zudem Vorwürfe eines Etikettenschwindels zurück und versichert, dass keine konventionell erzeugten Weine mit Bio-Kennzeichnung in den Handel gelangt seien – eine Behauptung, die nun eingehend überprüft werden muss. Die Auswirkungen des Vorfalls sind bereits jetzt gravierend. Neben dem erheblichen Reputationsschaden drohen dem Weingut auch finanzielle Einbußen, die Fachleute auf rund eine Million Euro schätzen.
Politische Reaktionen
Die Wiener FPÖ reagierte mit scharfer Kritik und bezeichnete den Vorfall als „beispiellosen Weinskandal“. Umweltsprecher Michael Stumpf fordert lückenlose Aufklärung und sieht den Vorfall als „beschämend für den Wiener Weinbau und ein Schlag ins Gesicht der Konsumenten“. Aus Sicht der Freiheitlichen handelt es sich nicht um einen einfachen Betriebsfehler, sondern um „systemisches Versagen“ mit politischer Dimension.
Auch die Wiener Grünen äußerten ihre Besorgnis über den Vorfall. Tina Wirnsberger, Umwelt- und Ernährungssprecherin der Partei, warnt vor einem grundsätzlichen „Vertrauensverlust in die gesamte Bio-Zertifizierung“ und verlangt schnelle Aufklärung. Besonders alarmierend findet Wirnsberger Medienberichte, wonach Bio-Weine des Jahrgangs 2024 im Handel aufgetaucht sein sollen – obwohl laut MA 49 in diesem Jahr ein erheblicher Teil der Flächen konventionell bewirtschaftet wurde.
Offizielle Stellungnahme
Die Wiener Volkspartei schließt sich der Kritik an. Gemeinderätin Elisabeth Olischar, Umweltsprecherin der ÖVP, bezeichnet die Vorgänge als „erheblichen Schaden für die Glaubwürdigkeit“. Sie kritisiert insbesondere die Doppelmoral der Stadtverwaltung: Einerseits setze die Stadt für private Landwirte strenge Bio-Vorgaben, andererseits halte sie sich selbst nicht an diese Standards.
In einer ersten Stellungnahme betont die MA 49, dass die Umstellung eines Teils der Rebflächen „weder verheimlicht noch missbräuchlich kommuniziert“ worden sei. Bei einer routinemäßigen Qualitätskontrolle sei der Einsatz chemischer Düngemittel nicht auszuschließen gewesen, was umgehend der Landwirtschaftskammer Wien und der Bio-Zertifizierungsstelle gemeldet wurde.
Dadurch sei rechtzeitig verhindert worden, dass falsch etikettierte Produkte in den Handel gelangten.