Die bosnische Diaspora als wirtschaftliche Lebensader für die Heimat
Die Überweisungen bosnischer Staatsbürger aus dem Ausland nehmen in Zeiten anhaltender Preissteigerungen eine immer wichtigere Rolle ein. Ohne diese finanzielle Unterstützung wäre das Leben vieler Familien in Bosnien und Herzegowina kaum zu bewältigen. Nach Angaben der bosnischen Zentralbank flossen allein zwischen Jänner und September 2025 fast 4,3 Milliarden Konvertible Mark (KM) ins Land – ein Plus von 150,5 Millionen KM im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Davon entfielen mehr als 3,26 Milliarden KM auf persönliche Überweisungen. Im Gesamtjahr 2024 belief sich die Summe der Diaspora-Überweisungen auf 5,69 Milliarden KM.
Die Zentralbank verfügt derzeit über keine detaillierte Aufschlüsselung, aus welchen Ländern die Geldströme hauptsächlich stammen. „Eine offizielle Auswertung nach Herkunftsländern existiert noch nicht. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die Überweisungen vorwiegend aus westeuropäischen Ländern, Skandinavien und Nordamerika kommen – Regionen mit besonders starker bosnischer Diaspora“, erläuterten Vertreter der Zentralbank gegenüber der Zeitung „Avaz“.
Wirtschaftliche Bedeutung
Die im Ausland lebenden Bosnier stellen eine unverzichtbare Wirtschaftsressource für das Land dar, betont Amila Pilav-Velić, Professorin an der Wirtschaftsfakultät der Universität Sarajevo. „Die jährlichen Auslandsüberweisungen in Milliardenhöhe bilden einen der stabilsten Zuflüsse in der bosnischen Zahlungsbilanz und übertreffen sogar die ausländischen Direktinvestitionen. Sie tragen maßgeblich zur Stützung des Binnenkonsums bei, senken das Armutsrisiko und stabilisieren die öffentlichen Finanzen.“
Neben den formellen Überweisungen schafft die Diaspora zusätzliche wirtschaftliche Impulse durch Ausgaben während ihrer Heimataufenthalte, Immobilieninvestitionen und die Förderung kleiner Familienunternehmen. Die Diaspora fungiert damit nicht nur als sozialer Puffer, sondern auch als informeller Investitionskanal, erläutert die Wirtschaftsexpertin.
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Pilav-Velić weist darauf hin, dass Bosnien und Herzegowina ohne den kontinuierlichen Beitrag der Landsleute im Ausland mit deutlich geringerer Binnennachfrage, höherem Steuerdruck und verminderter wirtschaftlicher Widerstandskraft konfrontiert wäre.
Zukunftssorgen
Jovan Vasilić, Vorsitzender des Verbraucherschutzverbands „Zvono“ aus Bijeljina, geht noch weiter: „Bosnien und Herzegowina könnte ohne die Auslandsüberweisungen schlichtweg nicht überleben.“ Er betont, dass die offiziell erfassten 4,3 Milliarden KM lediglich die über Bankkonten transferierten Beträge umfassen. Der tatsächliche Umfang der Diaspora-Unterstützung könnte nach seiner Einschätzung doppelt so hoch sein.
„Dieser Mittelzufluss wird anhalten, solange hier noch Pensionisten und Verwandte leben, die auf Hilfe angewiesen sind. Wenn sich unsere Wirtschaft jedoch dauerhaft auf die Diaspora-Unterstützung stützt, fehlt jede Zukunftsperspektive. Das erkennen besonders junge Menschen und verlassen das Land in wachsender Zahl – mittlerweile sogar ganze Familien – weil sowohl die politische als auch die allgemeine Lage desolat ist“, warnt Vasilić.