Leere Häuser, vergreiste Dörfer – Serbien kämpft um sein ländliches Erbe. Der Staat lockt mit Geld, doch die Wahrheit liegt im Detail.
Serbiens Dörfer sterben aus – doch der Staat kämpft dagegen an. Rund 4.700 Ortschaften gibt es im Land noch, aber jede vierte ist vom Verschwinden bedroht. Das zeigen die Zahlen des Republikanischen Statistikamts: Etwa 508.000 landwirtschaftliche Betriebe sind registriert, die bewirtschafteten Flächen erstrecken sich auf knapp 4,8 Millionen Hektar – doch 43 Prozent der Landwirte sind älter als 65 Jahre.
In 86 Prozent der Dörfer schrumpft die Bevölkerung, in rund 200 Ortschaften gibt es keine Menschen unter 20 Jahren mehr, in manchen keine Frauen. 150.000 Landhäuser stehen leer.
Staatliche Förderung
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, setzt die Regierung ihr Förderprogramm zur Rückkehr aufs Land fort. Junge Menschen können dabei eine Subvention von 1,5 Millionen Dinar für den Kauf eines bestehenden Landhauses mit Grundstück erhalten. Die aktuelle Ausschreibung läuft bis 1. November – oder solange, bis die bereitgestellten Mittel ausgeschöpft sind.
Bei dem Programm handelt es sich um nicht rückzahlbare staatliche Mittel. Anspruchsberechtigt sind laut der geschäftsführenden Staatssekretärin im Ministerium für ländliche Entwicklung, Snezana Petrovic, junge Menschen bis 45 Jahre, die keine Immobilie auf ihren Namen besitzen und in den vergangenen fünf Jahren auch keine veräußert haben – und die ihr Wohnproblem durch ein Leben auf dem Land lösen möchten.
Der Ablauf ist dabei klar geregelt: Interessierte suchen sich selbst ein Dorf und ein passendes Haus – es muss bereits gebaut, grundbuchlich eingetragen und frei von Hypotheken oder rechtlichen Streitigkeiten sein. Gemeinsam mit dem Verkäufer wenden sie sich an die zuständige Gemeinde, wo eigens eingerichtete Kommissionen bei der Dokumentenbeschaffung und Antragstellung helfen. Wichtig: Die Förderung gilt ausschließlich für den Kauf bestehender Häuser – nicht für Neubauten.
Seit dem Programmstart im Jahr 2021 wurden bereits rund 4.000 Häuser vergeben, in die mehr als 17.000 Menschen eingezogen sind – Kinder, die seither geboren wurden, noch nicht eingerechnet. Derzeit liegen über 200 neue Anträge vor. Petrovic betont, dass das Programm Teil einer umfassenderen Strategie zur Wiederbelebung des ländlichen Raums ist, die in Abstimmung mit nationalen Institutionen und Fachgremien umgesetzt wird.
Das Interesse junger Menschen habe alle Erwartungen übertroffen, sagt Petrovic – besonders angesichts der alarmierenden Altersstruktur der Landbevölkerung. Die Gründe für den Zuzug lassen sich laut ihr auf drei wesentliche Motive zurückführen: der Wunsch nach einem ruhigeren, gesünderen Leben, die Lösung der Wohnfrage sowie der Wunsch junger Menschen, die bereits am Land leben, sich selbständig zu machen und eine eigene Familie zu gründen, ohne die Heimat verlassen zu müssen.
Hartes Landleben
Auch Landwirt Miroslav Dobric hat sich bewusst für das Leben auf dem Land entschieden. „Die Stadt hat zweifellos viele Vorteile. Aber das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin und mein ganzes Leben verbracht habe, hat Vorzüge, die man nicht wegdiskutieren kann. Was mich an der Stadt am meisten stört, ist die Anspannung, das Gedränge. Die Menschen wirken auf mich viel zu nervös. Das schwappt zwar langsam auch auf kleinere Orte über, aber in einem viel geringeren Ausmaß. Und was ich am Landleben besonders schätze: Man produziert seine Lebensmittel selbst, für sich und die Familie. Man weiß zumindest in diesem Bereich, was man gegessen hat – das ist in der Stadt leider nicht so, und das ist einer der Gründe, warum ich hier bin“, sagt Dobric.
Romantik sollte man sich freilich keine erwarten. Dobric macht keinen Hehl daraus, dass das Leben auf dem Land harte Arbeit bedeutet. Im Sommer beginnt der Tag für seine Familie um halb fünf Uhr morgens, die Arbeit endet erst gegen 22 Uhr. Besonders die Tierhaltung kennt keine Auszeiten – weder Wochenenden noch Feiertage noch Urlaub. 365 Tage im Jahr, ohne Unterbrechung.
Auch wirtschaftlich ist die Lage alles andere als einfach. „Schön leben kann man von der Landwirtschaft leider nicht. Um heute nur ein anständiges Auskommen zu haben, muss man in mehreren Bereichen gleichzeitig tätig sein – auch wenn in manchen Medien propagiert wird, man solle sich auf eine einzige Sparte konzentrieren und diese maximal ausbauen. In der Praxis funktioniert das nicht. Meine Familie und ich betreiben Ackerbau, Gemüseanbau und Viehzucht, um auf dem heutigen Markt – der genauso hart ist wie in anderen Branchen – bestehen zu können. Man muss viel arbeiten und viele verschiedene Dinge tun, einfach um zu überleben – um nicht in riskante Kredite zu geraten, aus denen man so schnell nicht wieder herauskommt“, sagt Dobric.