Weniger Worte, mehr Stille – und das hat Folgen, die Forscher nun in Zahlen fassen.
Wir sprechen weniger – und Forscher fragen sich, was das mit uns macht. Eine aktuelle Studie mit dem Titel „Sliding Into Silence? We Are Speaking 300 Daily Words Fewer Every Year“, veröffentlicht im Juli 2026 im Fachjournal Perspectives on Psychological Science, liefert dazu beunruhigende Zahlen: Zwischen 2005 und 2019 ist die Zahl der täglich gesprochenen Wörter um 28 Prozent zurückgegangen. Pro Jahr sprechen Menschen im Schnitt rund 300 Wörter weniger – Tag für Tag.
Die Studie stützt sich auf Audioaufnahmen aus 22 Einzeluntersuchungen mit insgesamt mehr als 2.000 Teilnehmenden. Die Probanden trugen dabei Geräte, die ihre Sprache im ganz normalen Alltag aufzeichneten – nicht im Labor, sondern mitten im Leben.
Junge besonders betroffen
Besonders deutlich zeigt sich der Trend bei Menschen unter 25 Jahren. Dass es sich dabei um ein geschlechtsspezifisches Phänomen handelt, lässt sich laut Hauptautorin Valeria Pfeifer von der University of Missouri nicht bestätigen: Der Rückgang betrifft Männer wie Frauen gleichermaßen.
Was die Forschenden nun beschäftigt, ist die Frage nach den Folgen. Verlieren wir durch das schwindende Gespräch etwas, das auch für unser Gehirn unverzichtbar ist? Kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und soziale Kompetenz stehen dabei im Fokus – Fähigkeiten, die durch lebendige Kommunikation trainiert und erhalten werden.
Digitaler Rückzug
Der Politikwissenschaftler Robert Putnam, bekannt durch sein Werk Bowling Alone, verweist darauf, dass der Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben keineswegs ein Produkt des Smartphone-Zeitalters ist. Bereits in den 1960er Jahren setzte dieser Prozess ein – die Digitalisierung habe ihn lediglich beschleunigt.
Cal Newport, Informatikprofessor an der Georgetown University in Washington, D.C., und Forscher zum Einfluss von Technologie auf den Alltag, bringt es auf den Punkt: Ein direktes Gespräch fordert das Gehirn weit mehr als das Tippen einer Nachricht. „Das Paradoxon des modernen Lebens ist: Wenn wir das Zusammensein einfacher machen, müssen wir uns nicht unbedingt verbundener fühlen“, so Newport.