Österreichs größter Gletscher steht vor einer dramatischen Veränderung. Die Pasterze könnte bald ihre charakteristische Zunge verlieren – ein Wendepunkt in ihrer 150-jährigen Beobachtungsgeschichte.
Die Pasterze am Großglockner an der Grenze zwischen Kärnten und Osttirol zeigt zunehmende Schmelzerscheinungen, wie aktuelle Untersuchungen der Grazer Universitätsgeografen bestätigen. Bei ihren jährlichen Messungen in dieser Woche identifizierten die Forscher eine kritische Schwachstelle: Der schmale Verbindungsbereich zwischen Hauptgletscher und Zunge könnte in absehbarer Zeit nachgeben. Sollte diese Verbindung reißen, würde die Eiszufuhr unterbrochen und die charakteristische Gletscherzunge zu Toteis (abgetrenntes, nicht mehr fließendes Gletschereis) degradiert werden.
📍 Ort des Geschehens
Trotz dieser besorgniserregenden Entwicklung zeigt sich Messleiter Andreas Kellerer-Pirklbauer für die unmittelbare Zukunft noch verhalten optimistisch: „Die Verbindung misst derzeit noch gut 100 Meter Breite und wird in diesem und auch im nächsten Jahr mit Sicherheit bestehen bleiben.“ Das vergleichsweise kühle Sommerwetter habe zur relativen Stabilität dieser Verbindung beigetragen.
Der 15 Quadratkilometer große Gletscher im Nationalpark Hohe Tauern verliert jährlich rund 1,5 bis 2 Meter an Eisdicke, wobei die Gletscherzunge im unteren Bereich bis zu zehn Meter pro Jahr schrumpft.
Langfristige Prognosen
Die Wissenschaftler betonen jedoch, dass langfristige Vorhersagen mit großer Unsicherheit behaftet sind. Dennoch halten sie einen Abriss der Pasterze innerhalb der kommenden fünf Jahre für wahrscheinlich. „Selbst wenn die Zunge vom Hauptgletscher getrennt wird, bleibt Österreichs größter Toteiskörper voraussichtlich noch einige Jahrzehnte sichtbar“, erläutern die Experten. Laut GeoSphere Austria wird der untere Teil der Pasterze, insbesondere die markante Zunge, voraussichtlich bis 2050 weitgehend verschwunden sein, während die oberen Gletscherbereiche in deutlich verkleinerter Form länger bestehen bleiben.
Die systematischen Beobachtungen des Gletschers reichen fast 150 Jahre zurück. Die letzte Ausdehnung talabwärts verzeichneten die Forscher in den 1930er Jahren. Seither schrumpft die Eismasse kontinuierlich – trotz der temporären Entlastung durch die diesjährigen kühlen Sommermonate.
Herausfordernde Feldforschung
Die Feldforschung gestaltete sich für das Team der Universität Graz dieses Jahr besonders anspruchsvoll. Während ihrer mehrwöchigen Expedition, davon drei Tage auf der Pasterze selbst, zwangen wechselhafte Wetterbedingungen zu ständigen Routenanpassungen. Zusätzlich verschärft der fortschreitende Klimawandel die Gefahrensituation bei den wissenschaftlichen Arbeiten im alpinen Gelände.