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Familienstudie

Studie deckt auf: Teenager-Gewalt gegen Eltern nimmt zu

Studie deckt auf: Teenager-Gewalt gegen Eltern nimmt zu
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4 Min. Lesezeit |

Ein Tabu, das Zehntausende Familien betrifft: Neue Daten zeigen, wie oft Jugendliche gegenüber Eltern handgreiflich werden.

Auseinandersetzungen zwischen Eltern und ihren Kindern sind ein fester Bestandteil des Familienlebens – sei es wegen schlechter Noten, Hausregeln oder der Frage, wie viel Zeit vor dem Bildschirm erlaubt ist. Doch gelegentlich überschreiten diese Konflikte die Grenze des Verbalen. Eine Schweizer Langzeitstudie liefert nun Belege dafür, dass körperliche Übergriffe von Jugendlichen auf ihre Eltern weitaus verbreiteter sind, als bislang vermutet wurde.

Über dieses Phänomen wird in der Öffentlichkeit kaum gesprochen – Betroffene schweigen häufig aus Scham oder aus der Befürchtung, als versagende Elternteile zu gelten. In der Wissenschaft ist das Thema unter dem Begriff „Youth-to-Parent Aggression“ bekannt und gilt nach wie vor als eines der am wenigsten untersuchten Gebiete innerhalb der Forschung zu häuslicher Gewalt.

Erschreckende Zahlen

Erstmals hat ein Forschungsteam der Universität Zürich systematisch erhoben, wie oft es zu körperlichen Übergriffen von Jugendlichen auf Elternteile kommt. Die Studie erschien im Fachjournal European Child & Adolescent Psychiatry und stützt sich auf das sogenannte z-proso-Projekt – eine Langzeituntersuchung, die mehr als 1.500 Personen von der frühen Pubertät bis ins junge Erwachsenenalter begleitet hat. Das zentrale Ergebnis: Knapp ein Drittel der Befragten – konkret 32,5 Prozent – gab an, zwischen dem elften und 24. Lebensjahr mindestens einmal körperlich gegen einen Elternteil vorgegangen zu sein.

Den Höchstwert verzeichnete die Studie im Alter von 13 Jahren, als rund 15 Prozent der Jugendlichen von entsprechenden Vorfällen berichteten. Mit zunehmendem Alter sank die Häufigkeit merklich und pendelte sich im jungen Erwachsenenalter bei etwa fünf Prozent ein. Studienautorin Lilly Shanahan betont jedoch, dass es sich in den meisten Fällen um isolierte Ereignisse im Rahmen eskalierender Konflikte während der Pubertät handele. „Es geht nicht um systematische Gewalt und auch nicht um ein individuelles Versagen der Eltern“, so Shanahan.

Ob vergleichbare Zahlen auch für Österreich zutreffen, lässt sich derzeit nicht beantworten – entsprechende Erhebungen fehlen. In der österreichischen Kriminalstatistik wird Gewalt gegen Eltern in der Regel unter dem Sammelbegriff „Gewalt in der Familie“ erfasst. Die Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass das Problem keine bestimmte Bevölkerungsgruppe bevorzugt trifft. Bildungsstand oder sozioökonomische Lage spielen laut den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern keine entscheidende Rolle. „Kind-Eltern-Aggressionen betreffen alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen“, sagt Erstautorin Laura Bechtiger.

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Risikofaktoren & Prävention

Ausschlaggebender sind andere Einflussgrößen. Ein besonders deutlicher Risikofaktor ist das Erleben körperlicher Bestrafung oder verbaler Aggression durch die Eltern selbst. In solchen Konstellationen kann ein sogenannter „Kreislauf der Gewalt“ entstehen, bei dem konfliktbehaftete Verhaltensmuster von den Jugendlichen übernommen werden. Auch ein generell angespanntes Familienklima sowie häufige Konflikte zwischen den Eltern erhöhen der Studie zufolge die Wahrscheinlichkeit körperlicher Auseinandersetzungen. Jugendliche mit ADHS-Symptomen sind darüber hinaus anfälliger dafür, impulsiv zu reagieren und körperlich aggressiv zu werden.

Bemerkenswert ist außerdem, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Vergleich zu anderen Gewaltformen verhältnismäßig gering ausfallen. Zwar berichten männliche Jugendliche etwas häufiger von körperlicher Aggression, das grundlegende Muster ist bei Burschen und Mädchen jedoch weitgehend gleich.

Besonders ins Gewicht fällt ein weiterer Befund: Wer in der Jugend bereits einmal gegenüber den Eltern handgreiflich wurde, trägt ein deutlich erhöhtes Risiko, dieses Verhalten zu wiederholen. Jugendliche, die mit 15 Jahren Gewalt gegen Eltern ausübten, wiesen ein bis zu 13-fach höheres Risiko auf, dies mit 17 erneut zu tun. Wer mit 20 Jahren aggressiv wurde, hatte sogar eine fast 18-fach höhere Wahrscheinlichkeit, auch mit 24 noch gewalttätig zu sein. Diese Zahlen legen nahe, dass aus einzelnen Vorfällen in bestimmten Fällen verfestigte Verhaltensmuster werden können.

Die Studie hält jedoch auch eine ermutigende Erkenntnis bereit: Gewalt lässt sich durch gezielte Maßnahmen verhindern. Jugendliche, die lernen, mit negativen Gefühlen umzugehen und Konflikte auf konstruktivem Weg zu bewältigen, werden deutlich seltener körperlich übergriffig. Ein stabiles und unterstützendes familiäres Umfeld kann zusätzlich dazu beitragen, dass aggressive Ausbrüche Ausnahmen bleiben.

„Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen sind normal und wichtig für die Entwicklung“, erklärt Denis Ribeaud, Ko-Direktor des z-proso-Projekts. Einzelne Ausrutscher seien kein Grund zur Panik – ein wiederkehrendes Muster körperlicher Gewalt jedoch schon.

Fachleute raten in solchen Situationen dazu, frühzeitig externe Unterstützung in Anspruch zu nehmen – etwa durch Beratungsstellen oder Familientherapie. Viele Familien scheuen diesen Schritt allerdings aus Angst vor gesellschaftlichem Urteil oder rechtlichen Folgen. Die Forschenden sehen deshalb vor allem frühe Prävention als entscheidend: Eltern sollten auf körperliche Bestrafung verzichten und ein konstruktives Miteinander in der Familie fördern.

Kinder wiederum sollten möglichst frühzeitig darin gestärkt werden, Emotionen zu regulieren und Konflikte auf friedlichem Weg zu lösen.

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KO KOSMO-Redaktion
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