Eine ORF-Legende übernimmt das Ruder – und das unter Umständen, die den Sender noch lange beschäftigen werden.
Der ORF-Stiftungsrat hat Ingrid Thurnher am Donnerstag einstimmig mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des ORF-Generaldirektors beauftragt. Das 35-köpfige oberste Gremium des öffentlich-rechtlichen Senders fasste diesen Beschluss in einer eigens einberufenen Sitzung. Notwendig wurde dieser Schritt, nachdem Roland Weißmann am Sonntag seinen Rücktritt von der Spitze des ORF erklärt hatte – ausgelöst durch Vorwürfe der sexuellen Belästigung, die Weißmann von sich weist.
Thurnher, 63 Jahre alt, gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten des österreichischen Rundfunks. In ihrer vier Jahrzehnte umspannenden Karriere durchlief die Vorarlbergerin nahezu alle relevanten Stationen des Hauses: von der TV-Ansagerin über das Niederösterreich-Landesstudio und die Innenpolitikredaktion beim Hörfunk bis hin zur Moderation von „ZiB“, „ZiB2″ und „Im Zentrum“, der Chefredaktion bei ORF III sowie schließlich der Radiodirektion. Der Stiftungsrat habe sich für sie entschieden, weil sie die „öffentlich-rechtliche DNA“ in sich trage.
Sie habe die Unabhängigkeit stets an erste Stelle gestellt und sei eine hervorragende Chefredakteurin und Direktorin gewesen, hieß es bereits am Mittwoch beim Pressegespräch von Stiftungsratsvorsitzendem Heinz Lederer und seinem Stellvertreter Gregor Schütze. Lederer kündigte für die nahe Zukunft eine Ausschreibung für den Posten des ORF-Generaldirektors bis Jahresende an. Es gilt als wahrscheinlich, dass Thurnher, die zugleich ORF-Radiodirektorin ist, dafür kandidieren wird.
Strobls Rolle
Noch vor Beginn der Sitzung wandte sich Stiftungsrat Peter Westenthaler an die zahlreich erschienenen Medienvertreter und verlangte, dass „alles auf den Tisch“ müsse. Der von der FPÖ in das Gremium entsandte Stiftungsrat sieht den Ruf des ORF durch die Causa „angeschlagen, um nicht zu sagen zerstört“. In der Sitzung wollte er zudem die Rolle von ORF-Manager Pius Strobl beleuchten, dem eine Verwicklung in die Angelegenheit nachgesagt wird.
Strobl selbst äußerte sich am Donnerstag in einem Interview mit dem „Standard“ zu den Vorwürfen. Er bestätigte dabei, dass Weißmann eine ihm vom früheren ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz vertraglich zugesicherte Pensionsregelung nicht habe umsetzen wollen und er diese nach seinem ORF-Abschied Ende 2026 gerichtlich einfordern müsste. Die Weißmann zur Last gelegten Vorfälle stünden in keinem Zusammenhang mit seiner beruflichen Tätigkeit.
Strobl räumte ein, denselben Anwalt zu haben wie jene Frau, die sich mit den Vorwürfen gegen Weißmann an die Stiftungsratsspitze gewandt hatte. Er wies jedoch entschieden zurück, sie zur Erhebung der Anschuldigungen veranlasst zu haben. „Die betroffene Frau braucht(e) meine Motivation nicht, sondern nur ihren persönlichen großen Mut für diesen Schritt“, so Strobl.
Neue Geschäftsordnung
Neben der Bestellung Thurnhers stand in der Stiftungsratssitzung auch eine Änderung der Geschäftsordnung auf der Tagesordnung. Geplant ist, künftig eine straffere Führung der Debatten zu ermöglichen. Bei anhaltenden Störungen sollen Ordnungsrufe sowie der Entzug des Rederechts möglich sein; darüber hinaus soll eine Sitzungsunterbrechung zur Beruhigung der Lage eingesetzt werden können.
Lederer hatte am Mittwoch klargestellt, dass die Änderungen kein „Alleinwerk“ seien, sondern auf einer breiten Debatte beruhten. Er gehe davon aus, dass Ordnungsrufen Folge geleistet werde und das Anschreien sowie Unter-Druck-Setzen von Kollegen der Vergangenheit angehöre.
Westenthalers Auftreten hatte in früheren Sitzungen wiederholt für Verstimmung unter anderen Stiftungsräten gesorgt.