Ein Rücktritt mit sofortiger Wirkung, Vorwürfe aus der Vergangenheit – beim ORF bricht ein politisch heißer Sommer an.
Die Vorwürfe gegen Weißmann wurden inzwischen konkretisiert: Laut einer offiziellen Aussendung des ORF-Stiftungsrats hat eine Mitarbeiterin Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben. Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer bestätigte, dass „sowohl Schrift-, Ton- als auch Bildmaterial“ vorliege, das ein Fehlverhalten nahelege. Weißmann bestreitet die Vorwürfe weiterhin, sein Anwalt spricht von einer „überschießenden Reaktion“ und kündigt rechtliche Schritte an.
Die Politik reagierte weitgehend mit Zustimmung zum Rücktritt. Medienminister Andreas Babler (SPÖ) bezeichnete ihn als „notwendigen Schritt“ und sprach sich dafür aus, dass die Nachfolge eine Frau übernehmen solle. Die Grüne Mediensprecherin Sigrid Maurer nannte den Rücktritt einen „richtigen Schritt“ zum Schutz des ORF. Am Donnerstag, 12. März, soll der Stiftungsrat Radiodirektorin Ingrid Thurnher offiziell mit der interimistischen Führung beauftragen. Die ORF-Wahl findet planmäßig am 11. August statt — die Ausschreibung startet ab 1. Mai.
Roland Weißmann, Generaldirektor des Österreichischen Rundfunks, ist am Sonntag mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurückgetreten. Wie aus einer Aussendung seines Anwalts hervorgeht, liegen gegen ihn Vorwürfe unangemessenen Verhaltens gegenüber einer Frau aus dem Jahr 2022 vor – jenem Zeitraum, in dem Weißmann seine Tätigkeit als ORF-Chef aufgenommen hatte. Die Vorwürfe weist er zurück.
Nach eigenen Angaben war ihm der genaue Sachverhalt bis zuletzt nicht bekannt. Um Schaden vom Unternehmen abzuwenden, sei er dennoch zu weitreichenden Zugeständnissen bereit gewesen und habe daher am Sonntag um 11:45 Uhr seinen Rücktritt erklärt. Inzwischen sei eine Einigung mit der betroffenen Frau erzielt worden.
Nachfolge & Aufklärung
Der Abgang Weißmanns trifft den österreichischen Medienmarkt mit erheblicher Wucht und verändert die Ausgangslage für die im August anstehende ORF-Wahl grundlegend. Aus dem ORF-Stiftungsrat heißt es, die Wahl solle planmäßig stattfinden. In der Mitteilung seines Anwalts heißt es: „Mein Mandant wurde vom Stiftungsrat darüber in Kenntnis gesetzt, dass ihm von einer Mitarbeiterin unangemessenes Verhalten zu Beginn seiner Amtszeit als Generaldirektor (2022) vorgeworfen wird.“
Weiter wird festgehalten: „Ihm wurde seitens des Stiftungsrates eine Frist von wenigen Tagen eingeräumt, um seinen Rücktritt zu erklären, obwohl mein Mandant die Vorwürfe bestritten hat und eine inhaltliche Überprüfung der Vorwürfe nicht erfolgte.“ Stiftungsrats-Vorsitzender Heinz Lederer und sein Stellvertreter Gregor Schütze erklärten in einer gemeinsamen Aussendung, der im Raum stehende Vorwurf verlange eine rasche und transparente Aufklärung in enger Kooperation mit der ORF-Compliance-Stelle. Zugleich sprachen Lederer und Schütze Weißmann ihren Dank für seine Verdienste und seine 30-jährige Tätigkeit im ORF aus.
Als vorläufige Leiterin der Geschäfte des Generaldirektors soll Radiodirektorin Ingrid Thurnher eingesetzt werden. Stiftungsrats-Vorsitzender Heinz Lederer betonte, es sei die Verantwortung des ORF-Stiftungsrats, rasch die nötigen Schritte zu setzen, damit die erhobenen Vorwürfe transparent aufgeklärt werden könnten. Sein Stellvertreter Gregor Schütze ergänzte, Thurnher werde den ORF mit ihrer großen Erfahrung souverän durch diese herausfordernden Zeiten führen.
Weißmanns ORF-Karriere
Vor seiner Zeit als Generaldirektor hatte Weißmann seit 2012 die Funktion des Chefproducers Fernsehen inne, in der er das größte Programmbudget des ORF verantwortete. Ab 2017 übernahm er zusätzlich das Amt des Vizefinanzdirektors. Bereits 2016 hatte der damals neu bestellte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz ihn ursprünglich als Kaufmännischen Direktor vorgesehen, nachdem der ÖVP-„Freundeskreis“ im obersten ORF-Gremium seine Forderungen jedoch sukzessive ausgeweitet hatte, zerschlug sich diese Option.
Seine Karriere beim ORF begann Weißmann nach einem Studium der Publizistik und Geschichte im Jahr 1995 im aktuellen Dienst des ORF-Landesstudios Niederösterreich. Nach Stationen als Chef vom Dienst bei Ö3 sowie als stellvertretender Chronikressortleiter in der ORF-Radioinformation kehrte er nach Niederösterreich zurück, wo er ab 2003 als stellvertretender Chefredakteur tätig war.