Rekordgewinne, Milliardenübernahme – und dann 348 Kündigungen per Zugangssperre. Lottomatica sorgt für Aufsehen.
Das italienische Glücksspiel- und Wettunternehmen Lottomatica hatte erst kürzlich öffentlich verkündet, dass das Jahr 2024 finanziell außerordentlich erfolgreich verlaufen sei. Gleichzeitig hatte der Konzern im selben Jahr die Firma SKS365 – bekannt unter der Marke Planetwin365 – um 639 Millionen Euro übernommen. Umso mehr Aufsehen erregt nun die Nachricht, dass 348 IT-Mitarbeiter in der Belgrader Niederlassung des Unternehmens von einem Tag auf den anderen ihren Job verloren haben – und zwar auf eine Art, die selbst hartgesottene Beobachter der Branche aufhorchen lässt.
Die Kündigungen wurden nicht in einem persönlichen Gespräch übermittelt, nicht in einer Betriebsversammlung angekündigt – sie trafen die Betroffenen mitten im laufenden Arbeitstag. Zunächst wurde der Zugang zum VPN gekappt, dann zu den E-Mail-Konten, schließlich zu den Arbeitsrechnern. Am Ende der Schicht landete eine E-Mail im Posteingang: die formelle Bestätigung der Entlassung.
Gewerkschaft alarmiert
Dass es sich dabei nicht um ein technisches Missverständnis handelte, bestätigte die italienische Gewerkschaft USB in einer offiziellen Mitteilung. Demnach wurden 348 Beschäftigte in der serbischen Lottomatica-Tochter PWO entlassen. Die Gewerkschaft zeigt sich alarmiert und fordert Verhandlungen zu drei konkreten Punkten: dem Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf Arbeitsprozesse, verbindlichen Beschäftigungsgarantien für die gesamte Unternehmensgruppe sowie Schutzmaßnahmen für jene, denen weiterer Jobverlust droht.
Besonders eindringliche Schilderungen finden sich in einem Reddit-Thread unter dem Titel „Lottomatica kaputt“ im Forum r/programiranje, wo sich Nutzer zu Wort meldeten, die angaben, selbst betroffen zu sein. „Um 12 Uhr haben sie das VPN abgeschaltet – wir dachten, es sei ein technisches Problem. Um 14 Uhr kam die E-Mail, dass wir alle entlassen wurden“, schrieb einer. „Ein Kollege, der im Büro war, konnte nicht einmal mehr hinausgehen, weil seine Zugangskarte bereits deaktiviert worden war. PC gesperrt. Als wären wir Kriminelle.“ Das Portal Startit, das als erstes über den Vorfall berichtete, hält fest, dass sich die Urheberschaft dieser Kommentare nicht mit Sicherheit verifizieren lasse – „aber Ton und Details sind konsistent“.
KI als Faktor
Das Belgrader IT-Team war nach inoffiziellen Angaben aus denselben Reddit-Kreisen für die Migration auf die Lottomatica-eigene Plattform zuständig. Die naheliegende Vermutung: Das Team wurde überflüssig, sobald diese Arbeit abgeschlossen war. In seinem Jahresbericht für 2024 bewirbt Lottomatica die sogenannte LAMP-Plattform, die KI „strategisch in alle Geschäftsbereiche integriert – von der Kundenbetreuung bis zur Logistik“.
In den Quartalsergebnissen für das erste Quartal 2025 wird zudem ein KI-Modell hervorgehoben, das Tickets vollautomatisch verwaltet und Entscheidungen in 150 Millisekunden trifft. Gegenüber Investoren präsentiert sich der Konzern damit offen als Vorreiter beim KI-gestützten Effizienzabbau. Die Gewerkschaft USB nennt KI explizit als einen der Faktoren, über die verhandelt werden müsse.
Doch die nüchternste Erklärung für die Entlassungen liefert das Portal Startit selbst: Was hier passiert sei, sei wohl schlicht „klassisches Aufräumen nach einer Übernahme“ – ein Vorgang, der in der Konzernwelt so alt ist wie die Übernahme selbst, der die Betroffenen aber nicht weniger hart trifft.