London gibt Kiew Zugang zu streng gehüteten Geheimnissen – ein Schritt, der die Kräfteverhältnisse im Krieg neu ordnen könnte.
Großbritannien hat entschieden, der Ukraine geheime Konstruktionspläne für Storm-Shadow-Marschflugkörper zu übergeben. Premierminister Andy Burnham reist zu diesem Zweck nach Kiew, wo er anlässlich des 35. Jahrestages der ukrainischen Unabhängigkeit von der Sowjetunion erwartet wird.
Bei seinem ersten Besuch in der Ukraine als Regierungschef wird Burnham Kiew vertrauliche Informationen über britische Komponenten der Langstreckenrakete zugänglich machen, damit das Land die Waffe künftig selbständig produzieren kann. Die entsprechende Ankündigung ist für Montag geplant, wenn Burnham gemeinsam mit weiteren Staats- und Regierungschefs in der ukrainischen Hauptstadt eintrifft.
Dort wird der Premierminister Präsident Wolodymyr Selenskyj treffen und eine Sitzung der sogenannten „Koalition der Willigen“ leiten. „Am 35. Jahrestag der Unabhängigkeit der Ukraine sollte für das ukrainische Volk kein Zweifel bestehen – das Vereinigte Königreich steht heute und so lange wie nötig an eurer Seite“, wird Burnham erklären. „Ich bin stolz auf den Beitrag, den unser Land für die Ukraine geleistet hat, und ich möchte, dass das ukrainische Volk direkt von mir hört, dass unsere Unterstützung nicht nachlassen wird. Denn letztlich ist die Sicherheit der Ukraine unsere Sicherheit.“
„Die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern wird den illegalen Krieg Russlands bei Weitem überdauern. Sowohl im Kampf als auch beim Wiederaufbau, der noch vor uns liegt, werden wir an der Seite der Ukraine stehen und Chancen für Menschen in beiden Ländern schaffen. Russland darf keinen Zweifel an unserer Entschlossenheit haben. Wir werden nicht zurückweichen, bis ein gerechter und dauerhafter Frieden erreicht ist.“
Ukrainische Eigenproduktion
Frankreich hatte bereits im Rahmen eines im Juli geschlossenen Verteidigungsabkommens zugestimmt, der Ukraine die Konstruktionspläne für seine Scalp-EG-Raketen – dem Exportnamen der Storm Shadow – zu überlassen. Die Fähigkeit der Ukraine, die Waffe tatsächlich im eigenen Land herzustellen, hing jedoch davon ab, ob London dem europäischen Rüstungskonzern MBDA erlauben würde, sensible Informationen über britisch gefertigte Komponenten weiterzugeben. Britische und französische Streitkräfte hatten der Ukraine bereits eine begrenzte Anzahl dieser Raketen geliefert, die eine Reichweite von rund 240 Kilometern aufweisen und mit bunkerbrechenden Gefechtsköpfen bestückt sind.
Die luftgestützten Waffen haben sich im ukrainischen Kriegseinsatz als besonders wirksam erwiesen, vor allem gegen stark gesicherte und schwer erreichbare Ziele weit hinter der Frontlinie – sowohl in besetzten ukrainischen Gebieten als auch auf russischem Staatsgebiet. Besondere Bekanntheit erlangten Storm-Shadow-Raketen durch Angriffe auf Sewastopol auf der Krim, bei denen im September 2023 das Hauptquartier der russischen Schwarzmeerflotte sowie ein U-Boot getroffen wurden. Auf russischem Festland kamen sie erstmals ein Jahr später zum Einsatz, nachdem der damalige US-Präsident Joe Biden ein westliches Veto gegen grenzüberschreitende Angriffe mit leistungsstarken Raketen aufgehoben hatte.
Die Trump-Regierung stellte dieses Veto zunächst wieder her, hob es jedoch im Oktober 2025 erneut auf. Da die britisch-französische Rakete auf geheime US-Zieldaten angewiesen ist, um ihren Flugpfad dem Gelände anzupassen, bleibt offen, ob Washington bei jedem geplanten Einsatz einer inländisch produzierten Scalp-EG/Storm Shadow durch die Ukraine grünes Licht geben und die erforderlichen Daten bereitstellen würde. Hinzu kommt, dass der Aufbau komplexer Fertigungslinien erhebliche Anlaufschwierigkeiten mit sich bringt – eine sofortige Serienproduktion ist keineswegs garantiert.
Selenskyj drängt seit geraumer Zeit darauf, westliche Waffensysteme direkt in der Ukraine zu produzieren, um die Versorgung der eigenen Streitkräfte zu verbessern und zu beschleunigen. Die Entscheidungen Großbritanniens und Frankreichs, Kiew in dieser Frage weitreichend entgegenzukommen, könnten andere westliche Partner dazu bewegen, ähnliche Schritte zu unternehmen. Donald Trump hatte der Ukraine zudem eine Lizenz zur Herstellung von Patriot-Flugabwehrraketen zugesagt, die das Land dringend benötigt, um sich gegen anfliegende russische ballistische Raketen zu schützen.
Dieser Prozess verzögerte sich jedoch aus Sorge, die Technologie könnte in russische Hände geraten – Trump soll im Juli offenbar von seiner Zusage abgerückt sein. Selenskyj erklärte am Samstag, die Ukraine habe bei ihren Verbündeten 360 Patriot-Raketen angefordert, rechne aber damit, rund 300 zu erhalten. Russland hat seine Langstreckenangriffe auf Kiew und andere ukrainische Städte zuletzt deutlich intensiviert, während es an den in den USA produzierten Abfangraketen mangelt, die als einzige verlässliche Waffe gegen ballistische Raketen gelten.
Selenskyj bezeichnete den Mangel an Abfangraketen und ein Finanzierungsloch von 27 Milliarden US-Dollar im ukrainischen Verteidigungshaushalt als die beiden drängendsten Herausforderungen seines Landes. Er verwies zudem auf laufende Gespräche mit Frankreich und Deutschland, um 30 Milliarden Euro an EU-Mitteln freizugeben, die wegen ausstehender Reformforderungen an Kiew derzeit blockiert sind.
Russische Reaktion
Der britische Schritt, die ukrainische Eigenproduktion von Scalp-EG-Raketen voranzutreiben, dürfte die ohnehin angespannten diplomatischen Beziehungen zu Moskau weiter belasten. Am Sonntag bestätigte der Kreml den Abzug seines langjährigen Botschafters in London, Andrej Kelin, der sieben Jahre in Großbritannien tätig war. Ein Sprecher des russischen Außenministeriums warf London bei der Ankündigung vor, sich für einen „Konfrontationskurs“ entschieden zu haben, und forderte die britische Regierung auf, ihre „Politik gegenüber unserem Land zu überdenken“.
Bereits in der Vorwoche hatte Moskau mit nicht näher definierten „Konsequenzen“ gedroht, nachdem bekannt geworden war, dass in Großbritannien hergestellte Drohnen von der Ukraine für Angriffe auf russisches Staatsgebiet eingesetzt worden waren. Wie das Portal The Telegraph unter Berufung auf westliche Geheimdienstquellen berichtet, hat Russland unter dem Deckmantel plausibler Abstreitbarkeit eine neue Welle von Sabotageaktionen gegen europäische Rüstungsbetriebe gestartet. In Werken in Estland, Italien und Bulgarien, die Drohnen und Munition für die Ukraine produzieren, wurden mehrere Brände und Explosionen registriert.
Dem Vernehmen nach rekrutiert der Kreml lokale Bandenmitglieder, um Rüstungsunternehmen zu sabotieren und damit die Entschlossenheit des Bündnisses auf die Probe zu stellen. Nach Einschätzung von Geheimdienstvertretern sind diese Angriffe offenbar bewusst so kalkuliert, dass sie knapp unterhalb der Schwelle bleiben, die Artikel 5 des NATO-Vertrags – die kollektive Beistandspflicht – auslösen würde. Laut The Telegraph erklärte ein NATO-Beamter: „In den vergangenen Jahren hat Russland seine Destabilisierungs-Kampagnen gegen Alliierte durch Cyberangriffe, Mordversuche und Sabotageakte verstärkt.“
Was als „hybrider Krieg“ des Kremls bekannt geworden ist, zielt nach Ansicht verschiedener Verantwortlicher darauf ab, Spannungen unter den NATO-Verbündeten zu verschärfen und die Unterstützung für die Ukraine zu untergraben. Derselbe NATO-Beamte ergänzte: „Die NATO stärkt weiterhin ihre Resilienz und setzt die uns zur Verfügung stehenden Instrumente ein, um hybride Aktionen zu bekämpfen und baut sie aus. Wir beobachten weiterhin bösartige Aktivitäten gegen Alliierte, auch wenn sie durch Stellvertreter erfolgen. In jeder Phase werden wir sicherstellen, dass das Bündnis darauf vorbereitet ist, jede Bedrohung abzuschrecken und abzuwehren und unsere eine Milliarde Bürger zu schützen.“