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Exodus

Exodus der Jugend: 450.000 Bosnier fliehen vor Perspektivlosigkeit

Exodus der Jugend: 450.000 Bosnier fliehen vor Perspektivlosigkeit
(FOTO: iStock)
3 Min. Lesezeit |

Während Politiker Heimatliebe predigen, packen junge Bosnier ihre Koffer. Der demografische Aderlass wird zum Existenzproblem für ein Land ohne Perspektiven.

Der Exodus der Jugend

Während politische Entscheidungsträger den europäischen Integrationsprozess verzögern, entscheiden sich immer mehr junge Menschen für ein Leben im Ausland. Die anhaltende Abwanderung junger Fachkräfte entwickelt sich zu einem demografischen Notstand, der von offizieller Seite weitgehend ignoriert wird. Zwar wird gelegentlich die Rückkehr einzelner Staatsbürger medienwirksam präsentiert, doch diese Zahlen verblassen angesichts des kontinuierlichen Bevölkerungsverlusts.

„Diese Rückkehrer haben während ihrer Zeit im Ausland die tatsächlichen Potenziale und Zukunftschancen erkannt, die in Bosnien und Herzegowina schlummern. Das stimmt durchaus hoffnungsvoll“, erklärt der Akademiker Esad Durakovic. Tatsächlich hat die Ernüchterung über Lebensbedingungen im Westen – angesichts zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung, wirtschaftlicher Unsicherheit, rechtspopulistischer Tendenzen und bewaffneter Konflikte – einige Staatsbürger zur Rückkehr bewogen. So kehrten in den ersten drei Quartalen dieses Jahres mehr als 130 Schülerinnen und Schüler in den Kanton Tuzla zurück, vorwiegend aus Deutschland, Slowenien und den USA.

Prognosen zufolge planen etwa 32.000 Menschen, innerhalb der kommenden fünf Jahre nach Bosnien und Herzegowina zurückzukehren. Besorgniserregend bleibt jedoch die deutlich höhere Zahl jener, die dem Land weiterhin den Rücken kehren. Zwischen 2013 und 2025 haben schätzungsweise 450.000 Menschen Bosnien und Herzegowina verlassen.

Dramatische Abwanderung

Experten zufolge betrifft dieser Exodus vor allem Menschen im erwerbsfähigen Alter. Laut einem Bericht des UN-Bevölkerungsfonds aus dem Jahr 2021 erwägen 47 Prozent der jungen Menschen eine Auswanderung – 23 Prozent temporär, 24 Prozent dauerhaft. Fast jeder zweite Jugendliche steht also bereit, seine Koffer zu packen.

„Ich bin vor etwa drei bis vier Jahren nach Jordanien gegangen. Bei jedem Besuch in der Heimat verspüre ich zunächst den Wunsch zu bleiben, doch dieser verfliegt schnell, sobald ich erkenne, dass sich die Verhältnisse nicht verbessert haben“, berichtet Adi Brankovic. Der Demograf Amer Osmic bestätigt: „Nach wie vor verabschieden wir regelmäßig junge Menschen an Flughäfen und Busbahnhöfen im ganzen Land. Die Indikatoren sind eindeutig: Täglich verlieren wir Bevölkerung – insbesondere gut ausgebildete Fachkräfte mit Hochschul- oder Fachschulabschluss, die ihr Wissen dann in westeuropäischen Ländern wie Deutschland, Österreich, Tschechien und Slowenien einbringen.“

Die anhaltende Abwanderung führt zu sinkenden Geburtenraten, verändert die demografische Struktur nachhaltig und hemmt die sozioökonomische Entwicklung. Eine Studie des Instituts für Entwicklung und Innovation beziffert den jährlichen wirtschaftlichen Verlust durch die Emigration junger Menschen auf etwa 1,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig nehmen die Hauptursachen für die Abwanderung – politische und ethnische Spannungen, Korruption und Vetternwirtschaft – nicht ab.

⇢ Neue Mindestsicherung wird scharf kritisiert!

Dabei überbieten sich Politiker mit Lippenbekenntnissen zu Staat, Volk und Heimat. Doch wie der Soziologe Vladimir Vasic nüchtern feststellt: Von Patriotismus allein kann niemand leben. „Die Menschen sorgen sich nicht primär um Gehälter oder gesellschaftliche Positionen – sie wollen vor allem Sicherheit und keine Angst vor bewaffneten Konflikten haben. Unter diesen Umständen sollen Menschen zurückkehren? Täuschen wir uns nicht: Die Menschen verlassen ihre Heimat nicht aus mangelnder Liebe zum Land, zu ihren Wurzeln oder aus fehlendem Patriotismus. Sie gehen schweren Herzens, aber mit realistischem Blick auf die Verhältnisse“, betont Vasic.

Die Realität zeigt sich auch in den demografischen Prognosen: Die Bevölkerung Bosnien und Herzegowinas, derzeit bei knapp drei Millionen, wird Schätzungen zufolge bis 2070 auf 1,6 Millionen schrumpfen – mit einem überproportional hohen Anteil älterer Menschen.

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KO KOSMO-Redaktion
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