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Frage nach der Herkunft: Harmloses Interesse oder doch Rassismus?

(FOTO: iStockphoto)

Jeder, der schon einmal die Stadt oder den Ort gewechselt hat, und sei es nur innerhalb des Landes, wurde mit Sicherheit schon einmal mit der Frage „Woher kommst du (eigentlich)?“ konfrontiert.

Viel häufiger als Einheimischen, die zum Beispiel von Graz nach Wien gezogen sind, bekommen diese Frage Menschen mit Migrationshintergrund gestellt. Sei es, weil sie einen ausländischen Akzent, keine kaukasischen Gesichtszüge, eine andere Hautfarbe oder Ähnliches haben. Ich selbst bin Einheimischer und stelle diese Frage gerne und häufig, Aber nicht jedem gefällt es, nach seinen Wurzeln gefragt zu werden. Dies habe ich auch schon am eigenen Leib erfahren.

Aber warum ist das so? Tritt man zu sehr in die Privatsphäre ein? Ist diese Frage eine unterbewusste Reduktion der Menschen auf ihre Herkunft, die im Grunde Diskriminierung oder Rassismus gleicht? Wie empfindet mein Gegenüber diese Frage? Und warum oder wann ist diese Frage problematisch bzw. harmlos?

Erst kürzlich bin ich auf ein interessantes Video zu diesem Thema von der Wissenschaftsjournalistin und Kommunikatorin Mai Thi Nguyen-Kim aus Deutschland gestoßen, die auf ihrem YouTube-Kanal „MaiLab“ ein Video dazu veröffentlicht hat. Dieses stammt zwar von letztem Jahr und wurde aufgrund einer landesweiten Debatte (#vonhier) veröffentlicht, die Dieter Bohlen während einer TV-Show losgetreten hat. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass das Thema seither keinesfalls an Bedeutung verloren hat.

In meinem Arbeitsumfeld und Freundeskreis gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund. Ich habe mit einigen genau über dieses Thema gesprochen, sie nach ihren Standpunkten gefragt und versucht objektiv einen Einblick darin zu bekommen, wann und warum man die „Woher kommst du?“-Frage (nicht) stellen sollte.

Grundlegend muss man hier erstmals die zwei Ausgangsposition differenzieren. Es gibt auf der einen Seite den Fragenden und auf der anderen Seite den Gefragten. Beginnen wir einmal mit dem Fragensteller und dessen Intention.

Eine Frage der Intention
Wenn es die ursprüngliche Absicht war, Interesse an seinem Gegenüber und dessen Herkunft zu zeigen, so ist diese Frage keinesfalls primär als Rassismus zu verstehen. Allerdings lässt sich aber auch über die “ach so gut gemeinte” Intention streiten, insofern man sich vor Augen führt, dass man seinen Gesprächspartner womöglich mit der Antwort auf „Woher bist du?“ kategorisieren möchte.

Dies ist jedoch oftmals kein bewusster Prozess, sondern einfach eine Art unseres Gehirnes mit diversen Informationen umzugehen, diese zu selektieren und einzuordnen. Dennoch stellt sich die Frage, ob solch ein Einordnen in eine Schublade überhaupt von Nöten ist, bzw. wozu es dienen kann? Möchte ich wissen, woher mein Gegenüber stammt, damit ich ihm von meinem Urlaub in dessen Heimatland schwärmen kann, mit ihm meine Fremdsprachenkenntnisse üben oder was auch immer Positives anstellen möchte, dann ist die Frage per se nicht als diskriminierend zu sehen.

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Insofern die Herkunft jedoch in mir andere Assoziationen auslöst, zum Beispiel: „Das ist aber ein armes Land. Der hat sicher keine Bildung.“, „Warum ist er überhaupt hier, in den USA lebt es sich ja gut“ oder „Oje, nicht noch ein Jugo bei uns.“. Dann muss ich mir sehr wohl darüber bewusstwerden, dass die Herkunftsfrage meinerseits einen kleineren oder ziemlich großen Touch von Diskriminierung oder gar Rassismus enthält.

Herkunft ist (k)ein Thema für Small Talk
Auch wenn für Einheimische die Frage nach der Herkunft oftmals banal erscheint, so darf man sein Gegenüber und dessen Gefühle dabei keinesfalls ignorieren. Geht man davon aus, dass mein Gesprächspartner diese Frage täglich gestellt bekommt, oder gar Traumata wie Krieg, Flucht, Angst und dergleichen mit seinem Heimatland verbindet, so kann man es ihm nicht verübeln, dass ihm das „Woher bist du?“ irgendwann auf die Nerven geht.

Es ist also nicht immer ein gutes Small Talk-Thema, jemandem nach der Herkunft zu fragen. Warum? Weil man nicht weiß, welche Wunden man bei seinem Gegenüber aufreißt und in welchen schlechten und traumatischen Erinnerungen man damit stochert.

Frech und abweisend reagieren hilft auch nicht
Gleichzeitig muss sich aber auch der Gefragte darüber im Klaren sein, dass man nicht einfach so mit einer abweisenden, negativen oder frechen Antwort reagieren darf. Hierbei sind wir beim vorherigen Punkt meines Textes, der Intention. Man weiß als Mensch mit Migrationshintergrund schlichtweg beim ersten Treffen nicht, ob jemand ehrliches Interesse und Neugier zeigt, oder doch andere Ziele verfolgt. Ganz zu schweigen davon, dass mein Gegenüber nichts von meiner z.B. traumatischen Fluchtvergangenheit weiß.

Ein Lösungsansatz wäre es, die Frage bei ersten Treffen einfach sein zu lassen und sollte sie doch gestellt werden, und man möchte nicht darauf antworten, die Frage mit einem höflichen „Ich werde das hundert Mal gefragt und ich fühle mich etwas reduziert.“, „Sorry, aber ich verbinde schmerzhafte Erinnerungen mit meiner Heimat“ oder dergleichen auf die feine Englische abzuschmettern.

Wie siehst du das Ganze?
Wie man sieht, ist die Frage nach „Woher bist du?“ keine banale Sache, sondern viel vielschichtiger als sie auf den ersten Blick erscheint. Ich bin mir bewusst darüber, dass auch die Art, wie die Frage stellt wird, Körpersprache, Mimik und Gestik ebenso das Gespräch miteinfließen. Kommunikationsmodelle sind komplexe theoretische Konstrukte mit die neben dem Sender und Empfänger einer Nachricht noch hunderte andere Dinge (nonverbale Kommunikation, Kommunikationskanäle, Störquellen, äußere Rahmenbedingungen, usw.) beinhaltet. Darauf einzugehen, würde jedoch jeglichen Rahmen sprengen.

Um ehrlich zu sein, bin ich selbst nachdem ich diesen Text verfasst habe, auf keinen grünen Zweig gekommen, ob man die Frage nach „Rassismus oder ehrliches Interesse“ einfach so schwarz-weiß beantworten kann. Meiner Meinung nach ist das schier unmöglich und die Grenze oftmals fließend und ungenau, weshalb ich die Suche nach solch einer Antwort aufgegeben habe.

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Was mich jedoch brennend interessiert, ist eure Meinung zu diesem Thema. Wie fühlt ihr euch, als Menschen mit Migrationshintergrund, wenn euch jemand die Herkunftsfrage stellt und wie reagiert ihr? Und andererseits: wieso stellt ihr, die Einheimischen, solch eine Frage und warum ist euch die Information zu den Wurzeln eures Gegenübers überhaupt wichtig? Schreibt uns in den Kommentaren unter dem Facebook-Post, eine PN auf Facebook oder eine E-Mail an redaktion@kosmo.at.

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Der gebürtige Wiener hatte seine ersten Berührungspunkte mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien bereits im Teenageralter. Ihre Sprache faszinierte ihn sehr schnell und die Liebe zum Balkan führte ihn bis zum Abschluss des Studiums der Slawistik (B/K/S). Heute ist er ein hervorragender Kenner der Balkangeschichte, der südslawischen Sprachen sowie der kleinsten kulturellen Nuancen der bosnischen, kroatischen und serbischen Dialekte. Mit einem kritischen Blick auf dem Balkan, schreibt er seine Texte aus einer besonderen, transslawischen, internationalen Perspektive, und seine Kritik lässt niemanden unberührt.