Start AKTUELLE AUSGABE Hebein: „Meine Vision ist die Klimahauptstadt Wien“
INTERVIEW

Hebein: „Meine Vision ist die Klimahauptstadt Wien“

(FOTO: Karo Pernegger)

Anlässlich der Wien-Wahl 2020 sprachen wir mit der Vizebürgermeisterin und der Spitzenkandidatin der Grünen Birgit Hebein über die aktuelle Situation in Wien und weitere Ziele für die Stadt.

KOSMO: Welche Schulnote würden Sie Ihrer bisherigen Amtszeit geben, worauf sind Sie besonders stolz und wo gibt es Verbesserungsmöglichkeiten?
Birgit Hebein: Ich bin stolz darauf, zu meinem Versprechen gestanden zu sein: Ich bin angetreten, um vom ersten Tag an Klima und Soziales zu verbinden und mit mutigen Schritten umzusetzen. Dank neuer Bauordnung schaffen wir im Neubau zwei Drittel leistbares Wohnen. Wir haben ganze Bezirke zu Klimaschutzgebieten gemacht, wo es im Neubau kein Öl und Gas geben wird. Wir haben Coole Straßen und mehr Radwege geschaffen, und hunderte neue Bäume gepflanzt.

Immer wieder ernten die Grünen aufgrund diverser Klimaprojekte Kritik (Stichwort: Pool am Gürtel, Coole Straßen, Pop-Up-Radwege) Wie entgegnen Sie diesen kritischen Stimmen und wie möchten Sie die Klimakrise auf Wiener Ebene bewältigen?
Meine Vision ist die Klimahauptstadt Wien. Wien soll Vorbild sein, wie man eine Stadt so organisiert, dass sie der Hitze trotzt, dass die Menschen in dieser Stadt Platz zum Leben haben. Wenn wir nichts tun, werden wir die Klimakrise nicht mehr aufhalten können. Dann wird jede Diskussion um einen Parkplatz mehr oder weniger sinnlos sein. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird sich Wien so aufheizen, dass wir Temperaturen haben wie in Skopje. Jetzt braucht es Mut und klare Visionen.

(FOTO: Karo Pernegger)
„Meine Vision ist die Klimahauptstadt Wien. Wien soll Vorbild sein, wie man eine Stadt so organisiert, dass sie der Hitze trotzt“

Wien wird aufgrund des Corona-Infektionsgeschehens oft der „schwarze Peter“ zugeschoben. Wie beurteilen Sie die Situation in der Hauptstadt?
Die Zahlen sind ernst zu nehmen, nicht vergessen darf man, dass wir in einer Millionenstadt leben. Wir testen sehr viel, das ist auch einer der Gründe, warum die Zahlen steigen. Wir sind gut vorbereitet, das Entscheidende ist, dass wir sehr gut mit dem Bund zusammenarbeiten. Hier vertraue ich auf die Besonnenheit von Gesundheitsminister Rudi Anschober, mit dem wir in sehr engem Austausch sind.

Soziale Missstände klafften aufgrund der Pandemie noch weiter auf. Wie möchten Sie die Arbeitslosigkeit, den Gender-Pay-Gap und ähnliche soziale Ungerechtigkeiten nachhaltig bekämpfen?
Wir wollen die 35-Stunden-Woche für alle im Dienste dieser Stadt einführen, bei 65.000 Beschäftigten schaffen wir so 7.000 neue Jobs. Wien geht hier voran und entlastet alle, die diese Stadt täglich am Laufen halten. Und das sind vor allem Frauen. Denn von den 65.000 Beschäftigten der Stadt sind 60 Prozent Frauen. Allein in den Kindergärten arbeiten 97 Prozent Frauen, in der Pflege sind es 82 Prozent, in der Verwaltung 73 Prozent. Eine 35 Stunden Woche bedeutet de facto eine Gehaltserhöhung. Davon haben die Menschen wirklich etwas.

„Wir setzen uns seit Jahren für ein Wahlrecht für EU-BürgerInnen und Drittstaatenangehörige ein. Das Wahlrecht ist das höchste demokratische Gut.“

Wie kommentieren Sie, dass ein Drittel der Wiener im Wahlalter nicht wahlberechtigt sind?
Die Grünen setzen sich seit jeher für ein Wahlrecht für EU-BürgerInnen und Drittstaatsangehörige ein. Das Wahlrecht ist das höchste demokratische Gut. Es steht allen Menschen über 16 Jahren zu, die ihren Lebensmittelpunkt in Wien haben. Es ist äußerst bedenklich, dass ein Drittel der Wiener*innen nicht wählen dürfen.

Gibt es für Sie eine Alternative zu Rot-Grün in Wien?
Am 11. Oktober gibt es eine Richtungswahl: Geht es mit Grün in Richtung Zukunft und in Richtung Klimahauptstadt? Oder betoniert sich Rot-Schwarz in der Vergangenheit und im Stillstand ein. Wenn wir wollen, dass Wien die lebenswerteste Stadt bleibt, dann dürfen wir die Stadt nicht nur verwalten. Wir müssen sie gestalten. Wir müssen mutig sein, ehrgeizige Projekte angehen und eine Vision für eine bessere gemeinsame Zukunft entwerfen.