Zehntausende Menschen in Österreich leben ohne Krankenversicherung und viele warten über ein Jahr, bevor sie zum Arzt gehen.
Eine im Auftrag der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) erstellte Studie belegt erhebliche Lücken im heimischen Krankenversicherungssystem. Demnach sind bis zu 57.000 Menschen – das entspricht rund 0,6 Prozent der Wohnbevölkerung – ohne aufrechten Versicherungsschutz. Besonders stark betroffen sind Personen zwischen 20 und 34 Jahren, häufig mit geringen Einkommen und ohne weiterführenden Bildungsabschluss.
Prekäre Lebenslagen
Die Autoren der Studie, Martin Schenk von der Diakonie Österreich und Michael Fuchs vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, machen deutlich, dass die Versorgungslücken vor allem Menschen in prekären Lebenslagen treffen – darunter Personen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen sowie Studierende. Überproportional häufig sind Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft betroffen, insbesondere jene aus anderen EU-Ländern. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Betroffene aus Angst vor Kosten oder aus Scham notwendige medizinische Behandlungen aufschieben: 28 Prozent suchen erst drei Monate nach dem Auftreten erster Symptome ärztliche Hilfe, 19 Prozent warten sogar mindestens ein Jahr.
Schenk bringt die Tragweite dieser Situation auf den Punkt: „Auszuschließen ist, dass es Null Personen ohne Krankenversicherung gibt, da allein die befragten Ambulanzen einige tausend Patienten behandeln.“ Die Studienverfasser drängen auf rasche politische Konsequenzen, vor allem bei der Sozialhilfe und der Absicherung von Kindern. Gleichzeitig fordern sie eine stärkere finanzielle Unterstützung für Einrichtungen wie AmberMed, die gemeinsam von Diakonie und Rotem Kreuz betrieben wird.
Solche Anlaufstellen schließen nicht nur unmittelbare Versorgungslücken, sondern tragen auch dazu bei, langfristige gesellschaftliche Folgekosten zu vermeiden – gerade außerhalb der großen Städte, wo das Angebot besonders dünn ist.
Ambulanzen im Einsatz
Im Jahr 2025 wurden allein im Gesundheitszentrum AmberMed in Wien 2.697 Personen betreut, in der Marienambulanz der Caritas Steiermark in Graz 2.221 und in der Virgilambulanz in Salzburg 96. Bei AmberMed und der Virgilambulanz waren sämtliche Behandelten ohne Versicherungsschutz, bei der Marienambulanz betraf dies 944 der insgesamt versorgten Patientinnen und Patienten.
Einrichtungen wie das Wiener AmberMed in Wien-Liesing stellen durch den Einsatz ehrenamtlicher Ärztinnen und Ärzte sicher, dass Unversicherte unkompliziert medizinische Hilfe erhalten. Schenk unterstreicht die Dringlichkeit niederschwelliger Angebote: „Es kann zu größeren gesundheitlichen Problemen kommen, wenn nicht rechtzeitig therapeutisch gehandelt wird.“