Start AKTUELLE AUSGABE Dr. Slaven Šteković: „Im Herbst könnte uns eine zweite Corona-Welle erwarten“
INTERVIEW

Dr. Slaven Šteković: „Im Herbst könnte uns eine zweite Corona-Welle erwarten“

Dr. Slaven Šteković_Coronavirus (FOTO: zVg., iStock)

Die genaue Erforschung des Coronavirus sowie auch die Suche nach einer passenden Therapie dauern noch immer an. Obwohl die Medien täglich über neue Erkenntnisse der Wissenschaftlicher berichten, ist es Fakt, dass wir noch immer nicht viel über dieses Virus wissen. Wir haben mit Dr. Slaven Šteković gesprochen, der aus Banja Luka stammt und jetzt als Mikrobiologe in Graz arbeitet.

KOSMO: Was ist am Coronavirus spezifisch und welches sind die wichtigsten Unterschiede zur saisonalen Grippe oder zu anderen Grippearten, deren Pandemien wir in der jüngeren Vergangenheit erlebt haben?
Dr. Slaven Šteković: Vor allem handelt es sich bei SARS-CoV-2 (oder, wie er von den Medien meist genannt wird, dem „Coronavirus“) um ein neues Virus aus der Familie der Coronaviren, zu denen auch SARS und MERS gehörten – die tödlicheren, aber schwerer übertragbaren Mitglieder dieser Familie, mit der wir im 21. Jahrhundert bereits konfrontiert waren. Im Unterschied zu den saisonalen Grippen besitzt unser Immunsystem keine spezifische Kapazität zur Verteidigung gegen dieses neue Virus. Die Krankheit, die das Virus hervorruft, nennt sich COVID-19 und sie verursacht wie die Grippe trockenen Husten, Mattigkeit und Fieber. Im Unterschied zur Grippe ruft COVID-19 auch eine flache und erschwerte Atmung und einen Sauerstoffverlust bei den Patienten hervor, und wenn das der Fall ist, sollte man unbedingt ärztliche Hilfe suchen. Bei vielen Erkrankten verläuft die Krankheit mit leichten oder unmerklichen Symptomen. Obwohl das sehr gut klingt, bedeutet es gleichzeitig, dass auch Personen, die keine ausgeprägte Symptomatik zeigen, die Krankheit auf andere übertragen können. Und wenn auch Niesen nicht zu den Symptomen von COVID-19 gehört, heißt das nicht, dass eine Person den Virus nicht in sich trägt und dass keine Möglichkeit einer Sekundärinfektion besteht. Was die Verbreitung der Krankheit und ihren endgültigen Ausgang betrifft, so verbreitet sich dieses neue Virus viel schneller als das Grippevirus und die Sterberate ist unter den Erkrankten viel höher als bei der normalen saisonalen Grippe. Das macht die derzeitige Pandemie so gefährlich und darum müssen alle mithelfen, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen.

Wir haben bereits Erfahrung mit den Pandemien durch frühere Viren – warum ist es dennoch so schwer, ein passendes Medikament für diese zu finden?
Das Virus ist so schwer zu behandeln, weil er sich innerhalb der Zellen vermehrt und darum für Therapien oder für unser Immunsystem so schwer erreichbar ist. Darum ist die einzige langfristig erfolgreiche Taktik, das Virus mit einer Impfung zu bekämpfen, auf die wir aber noch etwas warten müssen. Viele Wissenschaftlergruppen arbeiten an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen dieses neue Virus, aber bis zum Abschluss der klinischen Tests werden wahrscheinlich noch 12 bis 18 Monate vergehen. Darum müssen wir die Ausbreitung des Virus kurzfristig verlangsamen. Die Behandlung der Infektion bei bereits erkrankten Personen erfolgt derzeit rein symptomatisch und da werden im Moment Standardtherapien gegen Fieber, zur Erleichterung der Atmung und zur Stärkung des Immunsystems empfohlen.

„Im Unterschied zu den saisonalen Grippen besitzt unser Immunsystem keine spezifische Kapazität zur Verteidigung gegen dieses neue Virus.“

Warum wird erkrankten Patienten dieselbe Therapie verordnet, mit der auch HIV bekämpft wird? Heißt das, dass das HIV-Virus und Corona gemeinsame Eigenschaften haben, und wenn ja, welche?
Die WHO empfiehlt bei hohem Fieber die Senkung der Körpertemperatur mit Antipyretika und bei Patienten mit schweren Symptomen die Ventilation mit einem Respirator zur Erleichterung der Atmung. Alle anderen Therapien sind, den Empfehlungen der führenden Gesundheitsorganisationen zufolge, derzeit experimentell und haben in der Fachliteratur und aufgrund der statistischen Daten über bisher geheilte Patienten nur sehr wenig Unterstützung.

Wie ist Ihre Prognose für die Bekämpfung der Pandemie?
Derzeit lässt sich nur schwer eine Prognose stellen. Dafür haben wir noch nicht genügend Daten. Wenn man vom chinesischen Modell ausgeht, haben wir in Österreich noch vier bis acht Wochen dieser kritischen Situation vor uns. Das heißt aber nicht, dass das Virus nicht zurückkommen kann oder dass sich die Situation in anderen Ländern gleichzeitig auch beruhigt. Wenn das chinesische Modell aufgrund der klimatischen, sozialen oder sonstiger Gründe auf die europäischen Länder nicht anwendbar ist, müssen wir über zusätzliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus nachdenken. Derzeit kursieren Vorschläge über eine gezielte Infektion einer großen Zahl von Menschen, um eine Immunität gegen die Erkrankung zu schaffen. Im Moment sollte man diese Strategie nicht anwenden, denn unsere Gesundheitssysteme haben nicht die Kapazität, einen so sprunghaften Anstieg der Erkrankungen zu verkraften. Denn wenn wir uns für diesen Schritt entscheiden, muss das unter Aufsicht von medizinischem Personal erfolgen, um unnötige Todesfälle und eine Verbreitung der Krankheit zu verhindern. Im Moment ist es am wichtigsten, vernünftig und geduldig zu bleiben, die Zeit zu Hause mit unseren Lieben und unseren Hobbys zu genießen und die Vorteile der neuen Technologien auszunutzen – von Telefonkonferenzen und sozialen Netzwerken bis hin zu Netflix und anderen Videoportalen.

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