Natascha Kampusch: „Man hat mich habgierig, mediengeil und verlogen geschimpft!“

INTERVIEW

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Natascha Kampusch: „Man hat mich habgierig, mediengeil und verlogen geschimpft!“

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Die inzwischen 31-Jährige ist heute als Buchautorin und Schmuckdesignerin tätig. (FOTO: KOSMO)

13 Jahre ist Natascha Kampuschs Flucht aus einem Kellerverließ in Strasshof an der Nordbahn nun schon her. 1998 wurde sie im Alter von zehn Jahren von Wolfgang Přiklopil entführt und acht Jahre lang gefangen gehalten.

Die inzwischen 31-Jährige ist heute als Buchautorin und Schmuckdesignerin tätig. Die Geschehnisse eines der spektakulärsten Entführungsfälle der Geschichte verarbeitete die Wienerin in ihren beiden Autobiografien „3096 Tage“ und „10 Jahre Freiheit“.

Aufgrund ihrer Vergangenheit geriet die Wienerin des Öfteren ins Visier von Cyber-Attacken. In ihrem neuen Buch „Cyberneider“, das am 9. Oktober 2019 erschien, schildert Kampusch ihre Erlebnisse und Erfahrungen mit der Leserschaft und macht sich für einen respektvollen Umgang im Internet stark. Um mit der Autorin über ihr neuestes Werk zu sprechen, trafen wir sie zum Gespräch im Dachbuch Verlag.

KOSMO: Ihr Buch trägt den Titel „Cyberneider – Diskriminierung im Internet“. Warum haben Sie diesen Titel gewählt? Nicht jede Form der Diskriminierung im Netz hat schließlich zwangsweise mit Neid zu tun.
Natascha Kampusch:
Zum einen habe ich mich für diesen Titel entschieden, weil er gut klingt und außerdem weil ich persönlich mit viel Neid konfrontiert wurde. Zahlreiche Menschen haben mir den Erfolg nicht gegönnt und da es im Buch auch um meine Erfahrungen geht, spiegelt sich das in meinem Titel wieder.

Sie selbst sind aufgrund Ihrer Vergangenheit ins Visier von Cyber-Attacken geraten. Der Standard bezeichnete Sie sogar als erstes prominentes Opfer von Online-Mobbing. Welche Dinge sagte man im Netz über Sie?
Man hat mich schon habgierig, mediengeil, verlogen oder fresssüchtig geschimpft. Es fällt mir wirklich schwer, darüber zu sprechen, vor allem weil es auch häufig zu sexistischen Bemerkungen kam, aber auch Angriffe gegen meine Familie blieben nicht aus. Ich musste zudem viele Unwahrheiten zu meiner Person lesen und hören…

Welche Folgen hatte das auf Ihre Psyche bzw. auf Ihr Wohlbefinden?
Es ging so weit, dass ich eine Soziophobie entwickelt hatte und das Haus irgendwann nicht mehr verlassen konnte. Auf der Straße oder in den Öffis wurde ich häufig von Menschen beschimpft und attackiert. Das war mit der Zeit einfach nicht mehr tragbar.

Sind Sie damals gegen derartige Cyber-Attacken vorgegangen?
Manche Täter habe ich geklagt, bei anderen sah ich aber recht schnell ein, dass sie mich mit einer bestimmten Absicht provozierten, nämlich um eine gewisse mediale Aufmerksamkeit zu erhaschen. Diesen Personen wollte ich mit einer Klage nicht noch mehr Beachtung schenken.

„Es ging so weit, dass ich eine Soziophobie entwickelt hatte.“

– Natascha Kampusch

Ist Ihr Buch eine Abrechnung mit all jenen, die Sie virtuell attackierten?
Keinesfalls! Es geht ausschließlich darum, Betroffenen zu helfen oder Eltern und Großeltern über Cybermobbing zu informieren, die wiederum ihre Kinder davor schützen wollen. Ich möchte mit diesem Buch etwas Gutes tun, nicht mit meinen Kritikern abrechnen.

Was denken Sie… aus welchem Grund ist Ihre Medienpräsenz manchen Menschen ein Dorn im Auge?
Es könnte unter anderem daran liegen, dass man vor allem uns Frauen seit Anbeginn der Zeit versucht mundtot zu machen. Möglich ist auch, dass ich aufgrund der langen Isolation anders rüber komme und die Menschen gewisse Verhaltenszüge meinerseits als Arroganz auffassen, was mich wiederrum in den Augen mancher Menschen zum Hassobjekt machte.

Das wird nun auch am Beispiel von Greta Thunberg deutlich. Ihr Verhalten wird aufgrund ihres Asperger-Syndroms, von dem viele gar nichts wissen, meines Erachtens auch häufig fehlinterpretiert. Man ist in diesem Fall einfach nicht so sozial bewandert, wie andere.

Gab es einen bestimmten Punkt, einen Auslöser, der das Fass zum Überlaufen brachte und wodurch Sie sich dazu entschlossen haben, dieses Buch zu verfassen?
Es hat thematisch gut zu derzeitigen Debatten, wie #MeToo gepasst, aber ich wollte auch unbedingt meine Erfahrungen mit Cybermobbing teilen und damit auch auf andere Betroffene aufmerksam machen.

Ihr Buch soll also ein Hilfsmittel sein…eventuell auch für Täter?
Ganz recht. Es wurde bereits von einer Bewährungshilfeorganisation beantragt, die sich mit Menschen befasst, die Täter im Netz waren und gestraft und verurteilt wurden. Es soll abgesehen davon sowohl Menschen dienen, die sich mit dem Internet auskennen, als auch jenen, die auf diesem Gebiet nicht sonderlich bewandert sind.

Sie sagten in einem Interview, dass andere in Ihrer Situation und mit Ihrer Vergangenheit längst tot oder zerrüttet wären. Was hat Ihnen dabei geholfen all das durchzustehen?
Zweifelsfrei meine optimistische Ader!

Laut Kampusch kommt Cyber-Mobbing einer Körperverletzung gleich. (FOTO: KOSMO)

In Ihrem Buch nehmen Sie sowohl die Rolle der Betroffenen als auch jene der Beobachterin ein, die unter anderem Cyber-Attacken auf bekannte Persönlichkeiten, wie Journalist Armin Wolf oder Influencer, wie Cathy Hummels beleuchtet. Was ist das Besondere an diesen zwei Seiten der Medaille?
Das, was ich unbedingt vermitteln möchte, ist die Absicht, die Leser zu ermutigen, sie selbst zu sein und andere zu akzeptieren – genauso wie sie nunmal sind. Es darf einfach nicht mehr gesellschaftlich akzeptabel sein, dass Menschen, die nicht der Norm entsprechen, diskriminiert werden.

Was denken Sie muss getan werden, um Cybermobbing adäquat bekämpfen zu können. Wo besteht Nachholbedarf?
Die jeweiligen Plattformen sollten definitiv vermehrt agieren und von sich aus mehr gegen Täter vorgehen. Irgendwo wird ja hoffentlich registriert, wenn jemand mehrfach blockiert oder gesperrt wurde. Kommt dies öfter vor, sollte man auf jeden Fall rechtlich gegen diese Person vorgehen.

Im Buch steht, dass Sie Mobbing für Körperverletzung halten?
Jeder der, derartige Attacken erlebt hat, weiß, wie schlecht man sich danach fühlt. Bei jungen Kindern kann Cybermobbing unter anderem zu schlechten Noten führen. Manche Opfer bekommen Fieber, Haarausfall, Magenbeschwerden. Es stresst den Organismus einfach enorm, wenn man gesellschaftlich keine Akzeptanz erfährt. Wir Menschen sind nunmal auf die Gruppe angewiesen.

„Es darf einfach nicht mehr gesellschaftlich akzeptabel sein, dass Menschen, die nicht der Norm entsprechen, diskriminiert werden.“

– Natascha Kampusch

Sollte Mobbing demnach als Körperverletzung geahndet werden?
Es wäre zumindest nicht schlecht, darüber nachzudenken. Psychische Schäden sind schwer zu ermessen, daher könnte das schwierig werden, aber es ist in jedem Fall an der Zeit, umzudenken.

Sie wollten schon von Kindesbeinen an, Reporterin werden. 2008 moderierten Sie sogar Ihre eigene Talkshow. Denken Sie hat Ihnen Ihre schwere Vergangenheit in der Medienwelt einige Türen geöffnet?
Mir wurden dadurch sicherlich einige Möglichkeiten geboten, weil viele einfach daran interessiert waren, mit mir zusammenzuarbeiten bzw. merkten, dass sich etwas besser verkauft, wenn mein Bild auf dem Titelblatt zu sehen ist. Häufig wurde das aber auch zu meinem Nachteil ausgenutzt.

Bleibt man in den Augen von Kollegen, Lesern und Kunden für immer das „Entführungsopfer Natascha Kampusch“ oder fühlen Sie sich inzwischen auch als Buchautorin und Schmuckdesignerin ernst genommen?
Ich fühle mich inzwischen durchaus ernst genommen, weil sich vor allem Kenner mit meinen Büchern befassen. Was meine Schmuckkollektion Fiore angeht, kann ich auch nicht behaupten, dass man meine Stücke aus nostalgischen Gründen kauft, oder weil man mich so gern hat. Vor allem bei Schmuck muss man sich nämlich dafür erwärmen können.

Sie haben sich bis zur Veröffentlichung Ihres zweiten Buches im Jahre 2016 ein wenig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Inwiefern hat sich Ihr Verhältnis zu den Medien und der Öffentlichkeit mit den Jahren verändert?
Inzwischen habe ich ein gutes Verhältnis zu den Medien. Das könnte auch daran liegen, dass neue Journalisten in den Vordergrund getreten sind, die mehr auf Ethik setzen. Ich musste mir auf jeden Fall ein dickeres Fell zulegen, um all der Kritik standzuhalten.

Wie gehen Sie heute mit Cybermobbing um? Lesen Sie negative Kommentare überhaupt?
Hin und wieder ertappe ich mich dabei, wie ich sie lese… es ist eine kleine Sucht von uns Menschen. Allerdings trifft es mich nur, wenn es um ein Thema geht, das mir am Herzen liegt. Wenn jemand lediglich mein Aussehen bemängelt, tangiert mich das nicht sonderlich. Meine Fanpost wird allerdings selektiert. Mir werden nämlich unter anderem Nacktanhänge zugeschickt, es gibt auch Menschen, die mich für eine Außerirdische halten. Derartige Fanpost schafft es gar nicht erst bis zu mir.

Gibt Ihnen die Medienpräsenz ein Gefühl der Sicherheit oder ist sie einfach „part of the game“, die Sie eher schlecht als recht über sich ergehen lassen?
Sie gibt mir durchaus Sicherheit, allerdings nicht in Form eines Ego-Boosters, wie das vielleicht manche sehen. In Hinblick auf meine Vergangenheit wurde versucht, vieles unter den Teppich zu kehren. Daher war es sehr wohl gut, dass ich meine ersten zwei Bücher veröffentlichen konnte.

In Ihrem Buch raten Sie Betroffenen und vor allem Influencern sich einen Rückzugsort abseits des Trubels zu schaffen. Wo liegt Ihrer?
Definitiv in der Natur. An der frischen Luft lade ich meine Batterien auf und komme wieder zu Kräften.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Können wir weitere Bücher und Schmuckkollektionen erwarten?
Ja können Sie, aber auch noch anderes. Ich wollte schon immer viele Bücher schreiben. Nun kann ich endlich meiner Leidenschaft nachgehen.

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