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Aufklärung

Vitamin-D-Hype: Warum die Pillen für viele reine Geldverschwendung sind

Vitamin-D-Hype: Warum die Pillen für viele reine Geldverschwendung sind
(Symbolbild FOTO: iStock)
4 Min. Lesezeit |

Während die dunkle Jahreszeit viele zu Vitamin-D-Präparaten greifen lässt, warnen Experten vor pauschaler Einnahme. Für bestimmte Gruppen sinnvoll, für andere überflüssig.

Nicht jeder braucht Nahrungsergänzung

In der kalten Jahreszeit greifen viele Menschen zu Vitamin-D-Präparaten in der Annahme, ihrem Körper etwas Gutes zu tun. Der deutsche Gelbe-Liste-Informationsdienst für Ärzte und Apotheker stellt jedoch klar: Für gesunde Personen ist eine zusätzliche Einnahme grundsätzlich nicht erforderlich. Eine übermäßige Dosierung kann sogar gesundheitsschädlich sein. Obwohl Vitamin D in Nahrungsergänzungsmitteln häufig mit Versprechen von besserem psychischem Wohlbefinden bis hin zum Schutz vor Knochenbrüchen beworben wird, raten Experten von einer pauschalen Supplementierung für Gesunde ab.

Vitamin D nimmt im menschlichen Organismus eine besondere Position ein – zwischen klassischem Vitamin und Hormon. Laut Fachinformation unterscheidet es sich von anderen Vitaminen dadurch, dass der Körper es unter Einwirkung von UV-B-Strahlung selbst in der Haut produzieren kann. In der Ernährung findet man nennenswerte Mengen fast ausschließlich in fettreichen Fischen. In nord- und mitteleuropäischen Regionen ist die körpereigene Produktion jedoch oft eingeschränkt – hauptsächlich wegen mangelnder Sonneneinstrahlung und der überwiegend bedeckenden Kleidung während eines Großteils des Jahres.

Studien haben gezeigt, dass Vitamin-D-Mangel weit verbreitet ist. Besonders betroffen sind ältere Menschen, Personen mit wenig Aufenthalt im Freien, Menschen mit verhüllender Kleidung sowie Patienten mit bestimmten chronischen Erkrankungen. Gravierende Mangelzustände können ernsthafte Folgen haben: „Ein ausgeprägter Vitamin-D-Mangel führt zu Störungen der Knochenmineralisierung.“ Bei Kindern manifestiert sich dies als Rachitis, bei Erwachsenen als Osteomalazie. Mildere Defizite sind mit erhöhtem Knochenabbau und einem gesteigerten Osteoporoserisiko assoziiert. Beobachtungsstudien weisen zudem auf Zusammenhänge zwischen Vitamin-D-Mangel und Erkrankungen wie Infektionen, Herz-Kreislauf-Problemen, Diabetes oder Krebserkrankungen hin.

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Risikogruppen identifizieren

Die zentrale Frage bleibt, wer nachweislich von einer Vitamin-D-Supplementierung profitiert, ohne Nebenwirkungen zu riskieren. Die wissenschaftlichen Empfehlungen sind eindeutig: Bei Säuglingen gehört die Vitamin-D-Gabe zur etablierten Vorbeugung und gilt als eine der erfolgreichsten Maßnahmen gegen Rachitis. Auch für Kinder und Jugendliche wird zunehmend eine Supplementierung empfohlen, da ausreichende Sonnenexposition oft nicht gegeben ist.

Für Schwangere wird in Deutschland meist eine Vitamin-D-Ergänzung angeraten, häufig als Teil von Kombinationspräparaten zusammen mit Folsäure und Jod. Ältere Menschen profitieren ebenfalls, da ihre Haut altersbedingt weniger Vitamin D produzieren kann und ihre Mobilität oft eingeschränkt ist.

Deutliche Empfehlungen gibt es auch für Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sowie für Personen mit Nachtschichtarbeit oder kulturell bedingter geringer Sonnenexposition. Klinische Studien mit Zufallszuteilung und Placebo-Kontrolle haben positive Effekte einer Vitamin-D-Supplementierung auf den Knochenstoffwechsel nachgewiesen. Bei älteren Menschen wurde eine Verringerung von Stürzen und Knochenbrüchen festgestellt. „Zudem weisen Metaanalysen auf eine Senkung der Gesamtmortalität hin, einschließlich einer Reduktion der krebsassoziierten Mortalität.“

Richtige Dosierung

Für gesunde Erwachsene mittleren Alters sind solche Wirkungen jedoch nicht belegt. „Dem gegenüber konnten bei gesunden Erwachsenen ohne Risikokonstellation keine relevanten Effekte auf Frakturen, Stürze, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Infektionen nachgewiesen werden“, heißt es in dem Übersichtsartikel. Der Informationsdienst stellt fest: „Auf Basis der verfügbaren Evidenz wird für gesunde Erwachsene mit normaler Lebensweise derzeit keine allgemeine Empfehlung zur Vitamin-D-Supplementation ausgesprochen.“ Sonnenexposition reicht in dieser Gruppe meist aus, um einen adäquaten Status zu erreichen.

Eine individuelle, niedrig dosierte Selbstmedikation gilt dennoch als „sicher und kostengünstig“. Üblich sind täglich etwa 1000 I.E., empfohlen werden 800 bis maximal 3000 I.E. pro Tag, vorzugsweise mit täglicher statt wöchentlicher Einnahme.

Vor hohen Dosierungen ohne medizinische Indikation wird ausdrücklich gewarnt. Überdosierungen können Gefäße und Nieren verkalken lassen. Paradoxerweise kann es sogar zu verstärktem Knochenabbau kommen. Die Zusammenfassung der wissenschaftlichen Erkenntnisse lautet: „Die aktuelle Evidenz spricht für einen gezielten Einsatz von Vitamin D bei klar definierten Risikogruppen. Für die breite gesunde Bevölkerung bleibt der Nutzen einer routinemäßigen Supplementation nicht belegt. Für die klinische Praxis bedeutet dies eine differenzierte Beratung: Vitamin D ist weder Allheilmittel noch überflüssig.“

Erst weitere wissenschaftliche Untersuchungen könnten klären, ob eine Vitamin-D-Supplementierung auch für Personengruppen außerhalb der bekannten Risikogruppen im Einzelfall sinnvoll sein könnte.