Start AKTUELLE AUSGABE Vučjak: Bosnische Flüchtlingsmütter, die helfen wo sie nur können! (GALERIE)
HUMANITÄR

Vučjak: Bosnische Flüchtlingsmütter, die helfen wo sie nur können! (GALERIE)

Während wir mit ihr durch Bihać gehen und Winterkleidung verteilen und während sie den Flüchtlingen Burek und Hähnchen kauft und sie mütterlich tröstet, weswegen die meisten sie schon kennen und ihr zuwinken, wirkt sie, wahrscheinlich aufgrund des tiefen Glaubens, den sie besitzt, völlig unerschrocken. „Gestern in der Nacht habe ich draußen Decken verteilt. Als die Polizei kam, sind alle weggelaufen, weil sie fürchteten, verhaftet und nach Vučjak gebracht zu werden. Aber ich fürchte mich vor niemandem, ich bin dageblieben und habe mit den Polizisten geredet und sie gebeten, gut zu den Flüchtlingen zu sein“, sagt Zemira.

Todesdrohungen
Während die meisten unserer Kontakte, bei denen wir Spenden für die Flüchtlinge abgeben, lieber anonym bleiben wollen, macht Zemira ihren Kampf für die Rechte der Flüchtlinge öffentlich. „Auf Facebook gibt es schon mehrere Gruppen, die aktiv gegen die Flüchtlinge hetzen. Darin stacheln sie regelmäßig auch gegen uns Helfer. Einmal, als ich sogar eine Morddrohung erhalten habe, hat es meine Tochter geschafft, mich zum Aufhören zu überreden. Aber nach acht Tagen habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich kann dieses menschliche Leiden nicht mitansehen, ohne etwas zu tun. Das sind auch irgendjemandes Kinder, Menschen, die unsere Hilfe brauchen“, sagt uns Zemira, die dankbar ist für die Spenden, die wir ihr mitgebracht haben.

„Sie beschimpfen uns, weil wir helfen, sie bedrohen uns sogar mit dem Tod“, sagt eine lokale Helferin.

„Immer mehr Menschen kommen, daher brauchen wir immer mehr Winterjacken, Pullover, Schuhe… Der Winter wird sehr hart“, ist sich Zemira der Tatsache bewusst, dass es bald noch kälter wird und dass es in den Zelten der Lager wie Vučjak keine Heizung und keinen Strom gibt und dass auch das Wasser oft auf wenige Stunden am Tag beschränkt ist. Obwohl der bosnische Minister für Sicherheit Dragan Mektić die Schließung des verrufenen Flüchtlingslagers sowie die Investition in neue zwei Millionen teure Unterkünfte angekündigt hat, bleiben die meisten Beobachter skeptisch. „Vučjak ist nur ein Spiegel der Probleme, ein Teil davon“, betonen viele und weisen darauf hin, dass die Situation auch in anderen Lagern sehr schwer ist…

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Unabhängig davon, ob es sich um die islamische Gemeinschaft mit ihrer eigenen humanitären Organisation, um die Volksschullehrerin oder um die Landwirtin Anera handelt, die in ihrem Haus 35 Flüchtlinge versteckt: Bei allen Helfern, die wir treffen, handelt es sich um Frauen. „Für einen Mann wäre es noch schwerer, diesen Druck, diese Atmosphäre, in der jeder, der den Flüchtlingen hilft, ein Feind ist, zu ertragen“, erklärt eine von ihnen, warum fast nur Frauen in der Flüchtlingshilfe aktiv sind.

SOS Balkanroute

Nachdem wir alle fünf Transporter entladen haben und schon die ersten Flüchtlinge eintreffen, um die Kleidung der österreichischen Spender abzuholen und anzuziehen, ist die erste größere Operation der Mission „SOS Balkanroute“ erfolgreich abgeschlossen. Aber gleichzeitig ist uns bewusst geworden, dass das nur der Anfang sein kann und dass noch Tausende Menschen keine Winterjacke und keine adäquaten Schuhe haben und dass unsere fünf Transporter nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind…

Nach offiziellen Schätzungen befinden sich in der Region um Bihać, Velika Kladuša und Cazin rund sechstausend Flüchtlinge, aber inoffizielle Beobachter nennen eine weit höhere Zahl. Solange weder Bosnien-Herzegowina noch die Europäische Union eine angemessene Lösung findet und nichts Entscheidendes getan wird, ist zu erwarten, dass sich diese humanitäre Krise noch weiter ausbreiten wird. Alle Menschen, mit denen wir sprechen, fürchten sich nur allzu berechtigt vor dem Einbruch des Winters, der für viele einen Kampf ums nackte Überleben bringen wird.

Dass sich nur 515 Kilometer von Wien entfernt Szenen abspielen, die an die düsteren Zeiten des letzten Jahrhunderts erinnern, lässt auch die vielen Österreicher nicht gleichgültig, die ihre Kleidung für „SOS Balkanroute“ gespendet haben. Derzeit bildet sich eine breite Front von Menschen, die die fürchterlichen Bilder aus Vučjak nicht auf ihren Fernsehbildschirmen sehen wollen, sondern sich entschließen, einen Beitrag im Kampf für Menschlichkeit gegenüber den Flüchtlingen zu leisten.

Bereits im September haben Kid Pex und Holzinger die ersten Spenden nach Bihać gebracht. Von einem Transporter ist die Aktion auf fünf angewachsen.

Die meisten von ihnen sind im vergangenen Monat in die Räume des Vereins „Boem“ im 5. Bezirk gekommen, der der Aktion „SOS Balkanroute“ diesen Raum für die Spenden zur Verfügung gestellt hat. Aber auch die Politik hat sich eingeschaltet: So hat zum Beispiel die Vertreterin der Grünen Partei Alma Zadić einen Kleinbus zum Transport der Kleidung bezahlt. Renato Čiča, Vorsitzender der Vereinigung „We help“, die während der großen Überschwemmungen Hilfe für den Balkan organisiert hat, engagiert sich ebenfalls mit seinem Knowhow und übernimmt mit seiner Erfahrung den logistischen Teil unserer Aktion.

515 km trennen Vučjak von Wien.

Die nächsten Sammelaktionen von Winterkleidung im Rahmen der Aktion „SOS Balkanroute“ finden am 9.11. und 16.11. (von 15 bis 19 Uhr), am 20.11. (von 17 bis 20 Uhr) und am 23.11. (von 15 bis 19 Uhr) unter der Adresse Leberstraße 2a im dritten Wiener Bezirk statt. Es empfiehlt sich, zuvor auf der Webseite von „SOS Balkanroute“ die Liste der Dinge anzuschauen, die derzeit am dringendsten benötigt werden. Geldspenden können auf das Konto der Gesellschaft „We help“ überwiesen werden (IBAN AT70 2011 1828 7647 5700, Verwendungszweck: „SOS Balkanroute“).