INTERVIEW: Bildungsminister Christoph Wiederkehr erklärt im KOSMO-Interview, wie er überlastete Schulen entlastet, frühkindliche Förderung stärkt, Eltern einbindet, digitale Kompetenzen ausbaut und Demokratieunterricht gegen Extremismus einsetzt.
KOSMO: Viele Schulen stoßen durch steigende Migration an ihre Grenzen. Sie sprechen von Überlastung und fordern Einschränkungen beim Familiennachzug. Wie passt das mit dem Recht auf Bildung und einer integrativen Schulpolitik zusammen?
Wiederkehr: Mir ist wichtig, dass alle Kinder in Österreich die bestmögliche Bildung erhalten. Jedes Kind – egal ob geboren, zugewandert oder geflüchtet – soll sofort einen Schulplatz bekommen. Deshalb gibt es Orientierungsklassen für Kinder ohne vorherige Schulerfahrung. Das betrifft besonders Jugendliche, die aus Syrien oder anderen Krisenregionen geflüchtet sind und lange in Lagern gelebt haben. Neben dem Schulzugang ist uns wichtig, dass sie unsere Werte kennenlernen und verstehen.
Mit dem zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr und verstärkten Sprachprogrammen setzen Sie früher an. Wie messen Sie, ob diese Maßnahmen wirken – und wo liegt für Sie die Grenze zwischen individueller Förderung und einem strukturellen Problem?
Wiederkehr: Sprache ist die Eintrittskarte in unsere Gesellschaft. Mit dem zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr ab vier Jahren und neuen Sprachprogrammen wollen wir früh ansetzen. Zwei Jahre verpflichtende Vorschule sind international bewährt und verbessern deutlich die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder. Sie lösen nicht alle Probleme, sind aber ein entscheidender Schritt, um Integration zu erleichtern.

Künftig sollen Eltern stärker in die Pflicht genommen und bei fehlender Kooperation sogar sanktioniert werden. Wie verhindern Sie, dass daraus soziale Stigmatisierung entsteht – und wie schaffen Sie gleichzeitig echte Unterstützung für Familien in schwierigen Lagen?
Wiederkehr: Die meisten Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Wichtig ist, sie einzubinden und zu informieren. Sanktionen greifen nur, wenn Angebote und Gespräche konsequent abgelehnt werden – etwa bei Gewalt im Klassenzimmer, wenn die Eltern sich weigern, mit Lehrkräften zu kooperieren. Dann sind klare Konsequenzen notwendig, aber immer in Kombination mit Unterstützung.
Sie wollen ein eigenes Schulfach „Demokratie“ einführen und Projekte wie „ERINNERN:AT“ ausbauen. Wie stellen Sie sicher, dass Jugendliche dabei nicht nur abstrakte Werte lernen, sondern auch mit konkreten Gefahren wie Antisemitismus und Extremismus umgehen können?
Wiederkehr: Demokratie muss erfahrbar sein. Deshalb sollen Schüler:innen das Parlament besuchen oder Gedenkstätten wie Mauthausen kennenlernen. Antisemitismus und Extremismus werden klar thematisiert. Der Lehrplan wird mit Expert:innen entwickelt, sodass das Fach ab dem nächsten Schuljahr starten kann.
Sie haben Handyverbote ausgesprochen und warnen vor KI-Tools als Lernabkürzung. Gleichzeitig sollen Schüler:innen digitale Kompetenzen aufbauen. Wie bringen Sie Verbote und Förderung moderner Technologien im Unterricht unter einen Hut?
Wiederkehr: Wir haben ein Handyverbot bis zur 4. Klasse eingeführt, um Konzentration zu fördern. Gleichzeitig lernen Schüler:innen in „Digitaler Grundbildung“, wie sie Geräte und KI sinnvoll nutzen. So verbinden wir Schutz vor Ablenkung mit dem Erwerb von Zukunftskompetenzen.
„Jedes Kind soll sofort einen Schulplatz in Österreich bekommen.“
Sie wollen Schulen mehr Eigenverantwortung geben und die Bildungsdirektionen entlasten. Welche Kompetenzen sollen konkret vor Ort entschieden werden – und wie verhindern Sie, dass dadurch Unterschiede zwischen den Bundesländern noch größer werden?
Wiederkehr: Weniger Bürokratie, mehr Entscheidungsspielraum: Direktor:innen sollen vor Ort entscheiden, was für ihre Schule funktioniert. Jede Schule ist anders, daher ist lokale Verantwortung entscheidend, um bessere Ergebnisse zu erzielen und Chancengleichheit zu wahren.
Sie betonen die Bedeutung von Teamfähigkeit, Kritikvermögen und Resilienz. Wie lassen sich solche Fähigkeiten systematisch fördern – und auch tatsächlich überprüfen, damit sie mehr sind als schöne Schlagworte im Lehrplan?
Wiederkehr: Diese Kompetenzen werden in den Lehrplan aufgenommen und in der Ausbildung angehender Lehrkräfte verankert. Pädagog:innen sollen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Kooperationsfähigkeit, Kreativität und Kritikfähigkeit fördern – Fähigkeiten, die im 21. Jahrhundert unverzichtbar sind. Nur so können Schüler:innen optimal auf die Anforderungen einer komplexen, digitalen und vielfältigen Gesellschaft vorbereitet werden.