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Glamourisierung

Luxus-Videos und TikTok-Glitzer – Mafia macht soziale Medien zum Rekrutierungskanal

Luxus-Videos und TikTok-Glitzer – Mafia macht soziale Medien zum Rekrutierungskanal
Foto: iStock
4 Min. Lesezeit |

Vom Gangster-Glamour zum TikTok-Trend: Die Mafia hat ihre Selbstinszenierung ins digitale Zeitalter verlagert und macht mit Luxus-Content Jagd auf Klicks und Nachwuchs.

In sozialen Netzwerken inszeniert sich die Mafia zunehmend als glamouröser Lifestyle. Ein anonymes TikTok-Profil veröffentlichte ein Video einer nächtlichen Autofahrt durch eine süditalienische Stadt, unterlegt mit treibender Elektromusik. Der begleitende Text lautet: „Das ist das Lied, das in meinem Kopf spielt, wenn die Ehrenwerte Gesellschaft mich anruft, damit ich jemanden töte🩸⛓️🥷“. Die Selbstbezeichnung „Ehrenwerte Gesellschaft“ verweist eindeutig auf die Mafia, zusätzlich unterstrichen durch das Hashtag #mafia.

Das Video erreichte innerhalb von drei Monaten etwa 84.000 Aufrufe und über 4.200 Likes. Ob es sich um Realität oder Fiktion handelt, tritt dabei in den Hintergrund. Eine Nutzerin bringt es auf den Punkt: „Kriminell zu sein, ist eine Mode geworden.“

Was früher aufwendigen Filmproduktionen wie „Der Pate“ vorbehalten war, betreiben kriminelle Organisationen heute selbst in den digitalen Medien. Besonders auf TikTok präsentieren Mafiosi ihren vermeintlich beneidenswerten Lebensstil – mit Luxusautos, Designerartikeln und Geldbergen. Sie vermarkten die „Marke Mafia“ gezielt als attraktive Lebensform.

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Digitale Mafia-Präsenz

Diese digitale Präsenz zeitigt mehrere Effekte: Sie trägt zur Normalisierung des kriminellen Milieus bei und macht die Mafia für Jugendliche aus prekären Verhältnissen als Karriereweg attraktiv. Die sozialen Medien werden so zum indirekten Rekrutierungskanal. Gleichzeitig nutzen die Organisationen ihre Online-Präsenz, um Konkurrenten einzuschüchtern und Kritiker zu bedrohen. Nicht zuletzt dient die Selbstdarstellung als loyal, mutig und ehrenhaft der Selbstlegitimation.

Der Wissenschaftler Marcello Ravveduto von der Universität Salerno hat dieses Phänomen in seiner Studie „Die Mafia im digitalen Zeitalter“ untersucht. Er dokumentiert unter anderem, wie auch die Schweiz als Kulisse für die Zurschaustellung von Reichtum dient. So postete der 32-jährige „Danilone“ aus Reggio Calabria Fotos aus dem Luxushotel Kempinski Engadin, bevor er wegen Straftaten im Zusammenhang mit Online-Wetten verhaftet wurde. Ravveduto erklärt: „In Zeiten, in denen Aufmerksamkeit eine Währung geworden ist, sind auch die Mafiosi in das Geschäft eingestiegen.“ Die Algorithmen der Plattformen begünstigen dabei die Verbreitung sensationeller Inhalte.

Die Mafiosi produzieren ihre Beiträge primär für ihr unmittelbares Umfeld, ohne sich immer eindeutig zu erkennen zu geben. Dennoch spricht ihre Ästhetik auch andere Nutzer an, die die Inhalte teilen – oft ohne den kriminellen Hintergrund zu durchschauen. Ein Beispiel ist der Kalabrier M. G., der in Muri im Kanton Aargau ein Restaurant führte. Sein Facebook-Profil bot laut der Studie „eine fast vollständige Zusammenfassung der zeitgenössischen kriminellen Ästhetik“: weiße Limousine, Ferraris, Muskeln, Löwen-Tattoos und religiöse Bezüge. 2024 wurde er in Italien zu 17 Jahren Haft verurteilt – unter anderem wegen des Besitzes von 20 illegalen Pistolen, die in seinem Schweizer Restaurant und seinem Haus sichergestellt wurden. Daneben gibt es sogenannte „Mafiofili“ – Personen, die keiner kriminellen Organisation angehören, aber deren Ästhetik nachahmen.

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Glamouröses Storytelling

Auch Frauen spielen in diesem digitalen Inszenierungsspiel eine bedeutende Rolle. Tina Rispoli, Witwe eines hochrangigen Camorra-Bosses, hat sich als Luxus-Influencerin etabliert. Die Forscher bezeichnen ihren Fall als exemplarisch für ein „glamouröses Storytelling“, das wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftliches Ansehen betont und dabei bewusst Distanz zu negativen Assoziationen mit Kriminalität schafft. Eine ähnliche Umdeutung betreiben Ehefrauen von Inhaftierten, die auf TikTok dokumentieren, wie sie Lebensmittelpakete ins Gefängnis bringen und anderen „Freundinnen“ in gleicher Lage „eine gute Besuchszeit“ wünschen.

Die gesellschaftliche Durchdringung dieses Narrativs zeigt sich in einem aktuellen TikTok-Trend: Zahlreiche Nutzer verwenden KI-Filter, um sich selbst als Mafia-Bosse zu inszenieren. In einem typischen Video verwandelt sich eine junge Frau beim Durchschreiten einer Tür in eine von Rottweilern und Hubschraubern flankierte Figur, die mit einer Pistole auf den Betrachter schießt.

Wie selbstverständlich diese Ästhetik mittlerweile ist, verdeutlicht der Fall einer Nutzerin, die denselben Effekt auf ein Video ihres Säuglings anwendete – mit Schnuller im Mund und virtuellem Rottweiler an der Seite feuert das Kleinkind eine digitale Waffe ab.

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KO KOSMO-Redaktion
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