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INTERVIEW

Die Kultvorstellung von Zijah Sokolović wird 25!

FOTO: Mediha Adrovic

KULT. Er ist bekannt bei Alt und Jung. Seine Rollen haben so einige unserer Kultserien geprägt und einen deutlichen Stempel in unserer einheimischen Kinowelt hinterlassen. Die Werke von Zijah Sokolović wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und seine Monodramen werden in vielen Ländern der Welt gespielt.

Viele verbinden mit ihm die sorglosen Tage ihrer Jugend, wir erinnern uns an ihn in den Kultserien, die die Kindheit vieler Generationen begleitet haben. Zijah Sokolović, ein bosnisch-herzegowinischer Schauspieler und Regisseur mit österreichischer Adresse, besuchte kürzlich seine Heimatstadt Sarajevo, wo er ein bedeutendes Jubiläum feierte, nämlich den 25. Geburtstag seiner Vorstellung „Cabares Cabarei“, die im Kulturzentrum Sarajevo aufgeführt wurde. Für dieses Monodrama, das zum 1350. Mal gespielt wurde, waren die Karten ausverkauft. Sokolović spielt darin einen Mann, der mit Einsamkeit und Desorientiertheit, mit einer frustrierenden Wirklichkeit konfrontiert ist, einen „einfachen Mann, aber auch einen Philosophen“.

Das Monodrama erzählt vom Kennenlernen, der Erfahrung, einem normalen Tag, Erfolg und Misserfolg, von Vereinbarungen, dem Kampf der Gedanken, vom Essen, dem gesunden Menschenverstand, dem Autofahren, der Zukunft, der Bühne, Verwandtschaft, der Rückständigkeit und der Versöhnung mit dem Leben. Mit Kosmo.at spricht er über seine Rollen, seine Kultprogramme, über das Wesen der Schauspielerei, die Kunst, das Kabarett, unseren Alltag, die Politik und die wichtigste Botschaft der Vorstellung „Cabares Cabarei“, die lautet: „Lebe nicht morgen und nicht gestern, sondern heute!“

KOSMO: Die Vorstellung „Cabares Cabarei“ ist 1993 in Wien entstanden. Wir wissen, dass sich das Kabarett mit Fragen des Staates, der Ehe… beschäftigt. Wie aktuell ist der Text heute und hat sich in diesen 25 Jahren irgendetwas verändert? Wie sehr hat die Übersiedlung aus B-H nach Österreich und die unvermeidliche Vereinsamung infolge der Adressänderung damit zu tun, dass Sie dieses Programm geschrieben haben?
Zijah: Genau diese Vereinsamung und der Existenzkampf waren der Grund, dass ich nach einem Programm wie dem von „Cabares Cabarei“ gesucht habe. Wenn wir über Veränderungen sprechen, glaube ich, dass die Welt und die Umstände, in denen wir leben, sich im Sinne der Staaten, der Ökonomie und der Natur sicher sehr verändert haben und nicht mehr dieselben sind, die sie einmal waren. Aber auf einer elementaren Ebene, in der Natur des Menschen und seiner Einsamkeit und Einmaligkeit, ist alles gleich geblieben. Zwar passt er sich jetzt an die neuen zeitlichen, politischen und ökonomischen Umstände an, aber sein menschliches Wesen ist gleichgeblieben.

Cabares Cabarei nimmt als Kabarett genau auf diese natürliche Einsamkeit Bezug. Einsamkeit deswegen, weil er alleine ist, und er ist immer alleine. Er kann mit jemandem zusammenleben, er kann jemanden lieben, aber er ist doch alleine. Aus dieser Perspektive der Einsamkeit hat die Suche begonnen, wer dieser einsame Mensch in der heutigen Welt ist, wie er denkt und womit er sich beschäftigt. Sicher ist auch er romantisch, klug und ein Philosoph, sicher ist er auch ein Flegel, denn das ist Teil der menschlichen Natur, und sicher ist er auf irgendeine Weise verwirrt und unzufrieden, was auch normal ist. D.h. die Summe seiner ganzen Natur, die ich versucht habe zu finden, die ist das Geheimnis der Vorstellung.

Ich glaube, dass die Rückkehr in Ihre Heimatstadt Sarajevo mit dieser Vorstellung und die Feier dieses Jubiläums, der 25 Jahre, in denen diese Vorstellung gespielt wird, für Sie ein emotionales Erlebnis sind. Wie sehen Sie Sarajevo heute?
Ich bin wirklich froh, dass ich diese Vorstellung schon 25 Jahre spiele, dass ich diesen Moment erleben durfte, sie in Sarajevo zu spielen. Ein Teil dieses Milieus oder dieser Philosophie Sarajevos oder dieser Mentalität steckt auch in meiner Beharrlichkeit und meiner Art zu denken, die ich genau dort erlernt habe und die ich – bewusst oder unbewusst – immer in mir trage. Die Stadt hat sich durch diese groben Umstände der Zivilisation, in der wir leben, verändert und Änderungen durchgemacht, die unbarmherzig sind und sozusagen dem vorgegebenen Weg des Kapitals, der Politik, der Religion oder anderer Elemente folgen, die auf diesen Gesamtkomplex der Umstände einwirken. Wenn ich das sagen darf: Mir scheint, wenn ich so nachdenke, dass die Menschen, die heute unter diesen Umständen in Sarajevo leben, der Staat, die Nation irgendwie nach einer Identität suchen. Die kann man auf unzählige Arten und Weisen suchen. Eine der Arten ist dieser staatliche, politische Weg, den jedes Land geht, aber ein anderer dieser Wege ist sicherlich auch die Kunst. Dass sich die Menschen in diesem nationalen Sinne finden, ist nichts Schlechtes, denn sie gehören einfach keiner anderen Nation an, in deren Kultur sie sich wiederfinden könnten.

„Der Mensch kann mit jemandem zusammenleben, und ihn lieben,
aber ihm Grunde ist er alleine!“

Das geht nur durch die, die zu ihnen gehört, zu der sie gehören, die sie in Form der Tradition weiterentwickeln sollten, und genau das fehlt mir. Ich glaube, dass das Theater in dieser Zeit mehr Recht haben sollte, diese Identität irgendwie aufzubauen, bzw. dass man ein Bewusstsein dafür schaffen muss, dass die Menschen selbst in ihrer Stadt, so wie sie ist, ins Theater gehen müssen, auch wenn sie das nicht gewohnt sind. Man muss sie informieren, sie anleiten, diese Gewohnheit anzunehmen, ins Theater zu gehen. In Ausstellungen zu gehen, denn diese Ausstellungen sind Teil ihrer Zeit, ihres Raums, von irgendetwas, dem sie angehören, man könnte das Nation nennen. Ich glaube, dass durch diesen künstlerischen Weg, durch die Kunst, eine nationale Identität aufgebaut werden kann, die sich auch weiter verbreiten kann. Ohne diese Identität durch die Kunst wird jede andere Identität, die aufgebaut wird, nicht richtig oder nicht komplett sein, so denke ich mir das.

Die Budgets für die Kultur sind in allen Republiken des ehemaligen Jugoslawien minimal. Wäre die Kultur anders, einflussreicher, wenn ihr mehr Geld zur Verfügung stände? Glauben Sie, dass dieses existentielle Minimum auch eine Herausforderung für Künstler ist?
Ich muss mich wieder auf die Spur dieser Frage begeben, damit es aussieht, als ob wir daraus eine Vorstellung machten. Die Neugestaltung dieser Länder, die sich gebildet haben, war zu schnell, als dass Kunst oder Kultur für sie eine Notwendigkeit gewesen wären. Das ist so eine zivilisatorische Geschwindigkeit und eine chaotische Veränderung mit Menschen, die nicht gerade in der Lage sind, diesen Prozess zu leiten. Vor allem, weil sie ihn nicht auf eine staatsmännische, sondern auf eine populistische oder nationalistische Weise leiten. Das heißt, dass die Segmente des Staats im zivilisatorischen Moment nicht funktionieren können, sondern sie funktionieren nationalistisch. Sie haben kein Kapital erworben, mit dem der Staat ruhig seinen Weg gehen könnte. Allein darum haben sie keine Konzentration, keine Zeit, denn sie bauen das System gerade erst auf, es ist zu chaotisch, als dass sie sich mit einem Segment wie der Kunst beschäftigen könnten.

Ich glaube, wenn die Menschen das Bedürfnis äußern würden, wenn sie selber ins Theater kämen, dann wäre das wie eine Wählermasse, die ins Theater geht. Aber nicht, indem man Reklame macht, dass die Karten kostenlos sind, und auch nicht, indem die Politiker die Karten für meine Vorstellung kostenlos bekommen, denn das wäre Prostitution der übelsten Art.  Sondern indem die Menschen von selber ins Theater gehen, denn dann entstünde durch die Besuche der Theater, Konzerte, Ausstellungen und alles, was kulturell in der Kunstszene dieser Stadt passiert, eine Wählermasse, die für das stimmt, was sie aus eigenem Bedürfnis geschaffen haben. Dann würden die, die diese Wählermasse brauchen, so glaube ich, auch diesen Leuten mehr Geld geben, damit sie sie, so wie sie sind, an der Macht halten.

FOTO: Mediha Adrovic

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