Wer mehrere Sprachen spricht, altert langsamer – und mit jeder zusätzlichen Sprache verstärkt sich dieser Effekt. Eine europäische Großstudie liefert überzeugende Belege.
Mehrsprachigkeit verlangsamt den Alterungsprozess, wie eine umfassende europäische Studie mit über 86.000 Erwachsenen aus 27 Ländern belegt. Der Schutzeffekt gegen beschleunigtes Altern bleibt auch dann bestehen, wenn andere positive Faktoren wie Bildungsgrad, körperliche Betätigung oder soziale Kontakte berücksichtigt werden.
Im Vergleich zu Menschen, die nur eine Sprache beherrschen, zeigen Mehrsprachige ein deutlich geringeres Risiko für vorzeitiges Altern. Bemerkenswert ist dabei der dosisabhängige Zusammenhang: Mit jeder zusätzlich beherrschten Sprache verstärkt sich der schützende Effekt.
„Diese Studie bestätigt kleinere Beobachtungsstudien, die gezeigt haben, dass Mehrsprachigkeit offensichtlich einen Schutzfaktor vor Demenz darstellt“, erklärt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Obwohl die Untersuchung keine Demenzpatienten einschloss, sieht Berlit darin wichtige Hinweise auf Mechanismen, die das Risiko kognitiver Einbußen im Alter verringern könnten. „Die Resilienz gegenüber einer Einschränkung kognitiver Fähigkeiten wird tatsächlich erhöht dadurch, dass man mehrere Sprachen benutzt.“
Kognitive Reserve
Den positiven Effekt führen die Wissenschaftler auf die sogenannte kognitive Reserve zurück. „Mehrsprachigkeit scheint ein Puffer im Gehirn zu sein“, erläutert Berlit, der nicht an der Studie beteiligt war. „Wer mehrere Sprachen spricht, hat mehr Speicher, auf den er im Alter zurückgreifen kann.“
„Der Effekt ist klar belegt – die Herausforderung liegt nun darin, seine Mechanismen zu verstehen und in Strategien für gesundes Altern umzusetzen“, kommentieren die Hirnforscher Jason Rothman und Federico Gallo von der Lancaster University die Studienergebnisse. Sie betrachten Mehrsprachigkeit als kostengünstigen Gesundheitsfaktor, der ähnlich bedeutsam sein könnte wie Programme zur Bewegungsförderung oder zur Raucherentwöhnung.
Auch Berlit betont das präventive Potenzial: „Das Erlernen einer neuen Sprache ist eine einfache und sehr wirksame Empfehlung zur Demenzprävention. Es ist eine gesundheitspolitische Maßnahme, die jeder umsetzen kann.“
Studienmethodik
Für die im Fachjournal „Nature Aging“ veröffentlichte Untersuchung verglich das internationale Forscherteam um Agustin Ibanez vom Trinity College Dublin das chronologische Alter der 50- bis 90-jährigen Teilnehmer mit biologischen Daten und Verhaltensmerkmalen. Dabei wurden Faktoren wie Gesundheitszustand, Fitness, Lebensstil und soziale Aktivität einbezogen, um festzustellen, ob jemand biologisch jünger oder älter war als sein tatsächliches Alter.
In weiteren Studien wollen die Forscher nun untersuchen, ob das Erlernen neuer Sprachen im höheren Alter denselben Schutzeffekt bietet wie lebenslange Mehrsprachigkeit.
„Künftige Studien sollten unterscheiden, ob Sprachen in der Kindheit oder im Alter gelernt wurden. Ich glaube, beides wirkt – aber das muss noch belegt werden“, sagt Berlit.