Von London bis Lissabon geraten Europas Gesundheitssysteme unter Druck – und diesmal streiken nicht nur einzelne, sondern viele.
Quer durch Europa wächst unter Medizinerinnen und Medizinern die Unzufriedenheit. Zu geringe Vergütung, chronischer Personalmangel, erschöpfend lange Schichten und belastende Arbeitsverhältnisse münden in Streiks oder entsprechenden Ankündigungen – betroffen sind unter anderem England, Deutschland, Spanien und Portugal. Was sich in diesen Ländern abzeichnet, ist mehr als ein vorübergehender Tarifstreit: Es handelt sich um ein tiefgreifendes strukturelles Versagen der Gesundheitssysteme.
Englands Dauerkonflikt
Besonders zugespitzt hat sich die Situation in England. Dort haben Assistenzärztinnen und Assistenzärzte einen viertägigen Ausstand angekündigt, der am 15. Juni um 7 Uhr beginnen und bis zum 19. Juni andauern soll. Es wäre bereits die 16. Streikrunde in einem seit Jahren schwelenden Konflikt um Entlohnung und berufliche Zukunftsperspektiven.
Die British Medical Association (BMA, britische Ärztegewerkschaft) argumentiert, dass die Einkommen der jungen Ärzte inflationsbereinigt weiterhin deutlich unter dem Niveau von 2008 liegen. Viele Mediziner seien zudem mit hohen Studienkrediten belastet, während die Arbeitsbelastung im National Health Service (NHS, britisches Gesundheitssystem) seit Jahren steige. Die Sorge der Gewerkschaft: Wenn sich die Bedingungen nicht verbessern, könnten immer mehr Ärzte ins Ausland abwandern – etwa nach Australien oder Kanada.
Die britische Regierung weist die Forderungen zurück. Gesundheitsminister James Murray bezeichnete zusätzliche Gehaltsforderungen als nicht finanzierbar und verwies darauf, dass die Löhne der Ärzte in den vergangenen Jahren bereits deutlich gestiegen seien. Aus Regierungssicht würde ein weiteres Nachgeben den finanziellen Druck auf das Gesundheitssystem erhöhen und am Ende auch die Versorgung der Patienten gefährden.
Europäischer Teufelskreis
England steht mit dieser Entwicklung jedoch nicht allein. Auch in Deutschland baut sich Druck auf: Der Marburger Bund, der die Interessen von Ärztinnen und Ärzten an Universitätskliniken vertritt, pocht auf höhere Gehälter und verbesserte Rahmenbedingungen. Sollten die laufenden Verhandlungen scheitern, sind Warnstreiks nicht ausgeschlossen.
In Spanien kommt es bereits seit Monaten zu wiederholten Arbeitsniederlegungen. Dort richten sich die Proteste vor allem gegen geplante Änderungen der Arbeitsbedingungen. Die Ärzteschaft fordert unter anderem einen eigenen Status für Mediziner, eine 35-Stunden-Woche sowie eine bessere Anerkennung von Verantwortung, Ausbildung und Belastung.
Auch in Portugal warnen Ärztegewerkschaften vor einer zunehmenden Schwächung des öffentlichen Gesundheitssystems. Zu niedrige Gehälter, fehlende Anreize und schlechte Arbeitsbedingungen würden es erschweren, junge Ärztinnen und Ärzte zu halten oder neue Fachkräfte zu gewinnen. Die Folge sei ein Teufelskreis: weniger Personal, mehr Dienste für die verbleibenden Beschäftigten und eine wachsende Belastung für Patientinnen und Patienten.
So unterschiedlich die nationalen Auslöser auch sein mögen – der gemeinsame Nenner der europäischen Protestbewegungen ist klar erkennbar: Medizinerinnen und Mediziner fühlen sich systematisch überlastet, finanziell unzureichend anerkannt und in politischen Entscheidungsprozessen zu wenig berücksichtigt.
Für Patientinnen und Patienten bedeutet das im unmittelbaren Alltag verschobene Termine, längere Wartezeiten und wachsende Unsicherheit.