Elf Wochen, vier Runden, null Einigung: In der Elektrobranche steuern 60.000 Beschäftigte auf einen Streik zu.
In der Elektro- und Elektronikindustrie eskaliert der Tarifkonflikt. Die Gewerkschaften PRO-GE und GPA fordern eine Lohn- und Gehaltserhöhung von 3,5 Prozent – ein Wert, der die aktuelle Inflationsrate von 3,3 Prozent leicht übersteigen würde. Darüber hinaus stehen verbesserte Zuschläge für belastende Arbeitszeiten sowie soziale Maßnahmen auf der Forderungsliste, darunter eine zusätzliche Pflegefreistellung für Eltern von Kindern mit Behinderung.
Auch die vierte Verhandlungsrunde für die rund 60.000 Beschäftigten der Branche wurde ohne Einigung unterbrochen. Die Arbeitgeberseite hält bislang an einem Angebot von einem Prozent fest – für die Gewerkschaften ein inakzeptabler Wert.
Streik droht
Die Arbeitnehmervertreter haben ihre Geduld inzwischen öffentlich für erschöpft erklärt. „Wir sind in der elften Verhandlungswoche, unsere Geduld ist erschöpft. Vorgangsweise und Angebot der Arbeitgeber sind respektlos gegenüber den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Es reicht!“, sagen die beiden Verhandlungsleiter Reinhold Binder (PRO-GE) und Eva Scherz (GPA). In den Betrieben sollen in den nächsten Tagen Streikkomitees gewählt und konkrete Arbeitskampfmaßnahmen vorbereitet werden. Parallel dazu beabsichtigen die Gewerkschaften, beim Österreichischen Gewerkschaftsbund die Streikfreigabe zu beantragen.
Arbeitgeber widersprechen
Die Arbeitgeber weisen die Vorwürfe entschieden zurück. Der Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI) erklärt, dass beide Seiten die wirtschaftliche Lage grundlegend unterschiedlich einschätzten. Was die Gewerkschaft als positive Entwicklung werte, sei aus Sicht der Unternehmen „bis zu einem gewissen Grad Wunschvorstellungen“. Der FEEI habe daher ein zweistufiges Modell in die Verhandlungen eingebracht: eine unmittelbare Erhöhung sowie eine mögliche Nachbesserung im Herbst, sofern die Konjunkturprognosen dies erlauben. Die Gewerkschaft lehnte diesen Ansatz ab, da er aus ihrer Sicht keine ausreichende Planungssicherheit biete.
Aus Gewerkschaftssicht ist die Unzufriedenheit in den Betrieben mittlerweile nicht mehr zu übersehen. Die Arbeitgeber würden in den Verhandlungen bewusst „sehr tief stapeln“, obwohl sowohl Produktionswert als auch Umsätze pro Kopf gestiegen seien. Der Produktionswert der österreichischen Elektro- und Elektronikindustrie lag 2024 bei rund 27 Milliarden Euro. In Teilen der Branche sei die Auslastung derart hoch, dass regelmäßig Überstunden anfallen. Sollte auch die nächste Verhandlungsrunde am 28. Mai ohne Ergebnis bleiben, droht tatsächlich eine Arbeitsniederlegung.
Eigentlich hätte der neue Kollektivvertrag bereits mit 1. Mai in Kraft treten sollen.