Die Migrationszahlen über die libysche Route nach Griechenland haben sich im vergangenen Jahr vervierfacht, was die Regierung in Athen zu einer Neubewertung ihrer Flüchtlingspolitik veranlasst. Gesundheitsminister Adonis Georgiadis sprach sich nun für eine Legalisierung von Zurückweisungen aus und bezeichnete die aktuelle Situation als nicht mehr tragbar.
Nach Angaben der griechischen Küstenwache sind seit Jänner bis zum vergangenen Sonntag fast 20.000 Menschen über die libysche Route nach Griechenland gelangt – im Vergleich zu knapp 5.000 im Vorjahreszeitraum. Besonders der südliche Korridor, der die libysche Küste mit der Insel Gavdos und Südkreta verbindet, verzeichnet starke Bewegungen. Allein zwischen dem 26. und 28. Dezember wurden bei zwölf Einsätzen rund 1.000 Migranten aufgegriffen.
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Die Behörden führen den jüngsten Anstieg hauptsächlich auf günstige Wetterbedingungen im östlichen Mittelmeer zurück. Erst die zuletzt einsetzenden Nordwinde hätten zu einer temporären Abschwächung der Überfahrten geführt, da Schleusernetzwerke ihre Aktivitäten bei ungünstigen Bedingungen vorübergehend einstellten.
Kreta als Brennpunkt
Kreta entwickelt sich zunehmend zum Brennpunkt der Situation. Die Mittelmeerinsel musste in den vergangenen Wochen Hunderte Neuankömmlinge und aus Seenot Gerettete aufnehmen. Bei einem Rettungseinsatz am Samstag nahm ein Frachtschiff 31 Migranten etwa 49 Seemeilen südlich der Region Kaloi Limenes an Bord. Die Geretteten berichteten, sie seien in der Nacht zum 26. Dezember von Tobruk in Libyen aufgebrochen und hätten für die Überfahrt jeweils rund 2.500 Euro bezahlt.
Ein weiterer Vorfall ereignete sich am Wochenende, als 109 Migranten etwa 45 Seemeilen südlich von Gavdos von einem Frachtschiff aufgenommen und nach Palaiochora auf Kreta gebracht wurden. Unter ihnen befanden sich Menschen aus Ägypten, Bangladesch und Sudan. Die Küstenwache verzeichnet insbesondere einen deutlichen Anstieg von Migranten aus Bangladesch auf dieser Route – eine Entwicklung, die als neu eingestuft wird.
Eine zusätzliche Herausforderung stellt die Unterbringung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge dar. Das Ministerium für Migration und Asyl bezifferte deren Zahl im Dezember 2025 auf 1.716 Personen. Davon sind 92 Prozent männlich und 13,1 Prozent jünger als 15 Jahre. Die speziell für diese vulnerable Gruppe eingerichteten Betreuungseinrichtungen stoßen mittlerweile an ihre Kapazitätsgrenzen.
Politische Reaktionen
In einem Interview mit dem Fernsehsender „Action24“ äußerte sich Minister Georgiadis unmissverständlich zur Lage: Es sei nicht mehr hinnehmbar, dass Boote mit Hunderten Menschen ungehindert von Libyen aus griechisches Territorium erreichen könnten. „Wenn eines ankommt, werden Hunderte folgen.“ Als konkrete Maßnahme schlug er vor, Migranten an die libysche Küste zurückzubringen – obwohl solche Zurückweisungen (Pushbacks) an EU-Außengrenzen als rechtswidrig gelten, da Schutzsuchenden zunächst das Recht auf Asylantragstellung zusteht.
Der Politiker der Nea Dimokratia forderte zudem verstärkten internationalen Druck auf Libyen, um Schleusernetzwerke bereits an Land zu bekämpfen. Die Migrationsfrage habe einen „existenziellen Punkt für die europäischen Völker und die europäische Zivilisation“ erreicht und bedürfe einer grundlegenden Neubewertung. Georgiadis stellte die rhetorische Frage, ob Europa eine Milliarde „unterdrückter“ Menschen aus Afrika bewältigen könne.
Er betonte, dass Griechenland „natürlich das Völkerrecht und den Internationalen Strafgerichtshof anerkennt, aber das bedeutet nicht, dass es zulassen wird, dass das Land zerstört wird“.